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Kandel ist nicht nur Rassismus

Bündnis demonstriert gegen erneuten Aufmarsch einer rassistischer Initiative / Ministerpräsidentin Dreyer warnt vor Fremdenhass und Gewalt

  • Lesedauer: 3 Min.

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Kandel. Knapp drei Monate nach dem gewaltsamen Tod einer 15-Jährigen haben im pfälzischen Kandel etwa 2000 Menschen gegen einen von der AfD angemeldeten rassistischen Aufmarsch protestiert. Zu den Teilnehmern der Protestkundgebung am Samstag gehörten die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und der Generalvikar des Bistums Speyer, Franz Jung. Rund 1.000 Menschen hätten sich an der AfD-Kundgebung beteiligt, sagte eine Polizeisprecherin.

Insgesamt zogen drei Demonstrationen durch die Stadt, zwei davon richteten sich gegen den Aufzug der rassistischen Initiative »Kandel ist überall«. Neben der AfD und der Initiative »Wir sind Kandel« hatte auch die »Kurfürstlich Kurpfälzische Antifa« eine Kundgebung angemeldet.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 15-jährigen Mädchens Ende Dezember haben Rechtsextreme aus ganz Deutschland die 8.500 Einwohner zählende südpfälzische Stadt immer wieder zu ihrem Aufmarschgebiet gemacht. Als Täter gilt der Ex-Freund des Mädchens, ein afghanischer Flüchtling, der behauptet, minderjährig zu sein. Als Reaktion auf die Aufmärsche hat sich inzwischen die Initiative »Wir sind Kandel« gegründet. Sie wird von zahlreichen Vertretern aus Politik, Kirche, Gesellschaft und Wirtschaft unterstützt.

Die Landesregierung stehe an der Seite der Bürger, die für ein weltoffenes, liberales und gewaltfreies Miteinander eintreten, sagte Dreyer bei der Protestkundgebung. »In unserem Land leben Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen oder Weltanschauungen friedlich und tolerant zusammen. So soll es auch in Zukunft bleiben.« Fremdenhass und rechtsextremes Gedankengut hätten keinen Platz in Deutschland. »Gegenüber Gewalt und Hass gibt es eine Null-Toleranz-Strategie gegenüber allen Menschen, egal woher sie kommen«, sagte die Ministerpräsidentin.

Die Kirchen erklärten sich mit ihrer Teilnahme an der Gegendemonstration solidarisch mit den Einwohnern Kandels angesichts der Bedrohung der Stadt durch demokratiefeindliche Kräfte, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Landeskirche und Bistum. Wenn das Leid von Menschen instrumentalisiert werde, um politischen Profit daraus zu schlagen, werde eine Grenze überschritten. Dann gehe es nicht mehr um gute Lösungen für die Menschen, sondern um die Spaltung der Gesellschaft und die Profilierung auf Kosten anderer.

Mit »Wir sind Kandel« entstehe derzeit ein breites gesellschaftliches Bündnis, sagte das Kandeler Pfarrerehepaar Dembek, das zum Organisationsteam der Initiative gehört. Nach der Tötung des Mädchens sei auf ihn und seine Ehefrau bis Mitte Januar ein »Shitstorm« aus beleidigenden und fremdenfeindlichen Hass-Mails und anonymen Telefonanrufen eingeprasselt, sagte Pfarrer Arne Dembek dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er hatte das getötete Mädchen vor zwei Jahren konfirmiert und auch den Trauergottesdienst gestaltet.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte vor der Kundgebung die AfD vor einem Schulterschluss mit Rechtsextremen gewarnt. Lewentz wies die Kritik zurück, große Gegenkundgebungen verschafften rechten Aufmärschen übermäßige Aufmerksamkeit: »Wegschauen wäre ein großer Fehler. Man kann nicht so tun, als gäbe es diese Herausforderung nicht«, sagte er dem Südwestrundfunk.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Thomas Gebhardt, rief, seit Wochen müsse man erleben, wie der Tod der 15-Jährigen von rechtsradikalen Kräften aus ganz Deutschland für deren Zwecke missbraucht werde. »Das ist unerträglich für diese Stadt, unerträglich für die ganze Region.« Zuletzt waren am 3. März in Kandel etwa 4500 Demonstranten und Gegendemonstranten gezählt worden.

Die Polizei war nach eigenen Angaben mit mehr als 1.000 Beamten im Einsatz. Mehrmals sei es zu Auseinandersetzungen mit Personen aus dem linken Spektrum gekommen, sagte eine Polizeisprecherin. Nach Flaschen- und Böllerwürfen habe die Polizei Schlagstöcke einsetzen müssen. Es sei zu Verhaftungen und mehreren Platzverweisen gekommen. Agenturen/nd

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