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Eine Theorie ohne Praxis?

Wie man Marx nach dem Ende der Großen Erzählungen lesen kann

  • Von Dick Boer
  • Lesedauer: 9 Min.

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Es gab eine Zeit, da war die Marxsche Theorie noch eine fröhliche Wissenschaft. Ich weiß noch, wie meine erste »Kapital«-Lektüre mir die Augen öffnete. Kapital war nichts anderes als gestohlene Arbeit, die als Macht des Kapitals gegen die Arbeiterklasse eingesetzt wurde. Die Vorstellung, als seien Kapital und Arbeit nur zusammen denkbar, für immer und ewig auf einander angewiesen, war die Ideologie, womit der Kapitalismus sich als alternativlos darstellte. Eine Gesellschaft ohne Kapital zu denken war unmöglich, der Arbeiter hatte sich damit abzufinden, dass er dank des Kapitals existieren musste. Er konnte streiken, natürlich - auch wenn er das lange nicht durfte. Er konnte sich auch organisieren, um dem Kapital Reformen abzuzwingen - auch das übrigens war ihm lange verboten. Aber das Kapital blieb das Ende aller historischen Weisheit. Jenseits des Kapitals gab es nichts - nur Pöbelherrschaft, Chaos.

Marx aber bewies: Das Kapital ist genau genommen überflüssig. In der Theorie ist eine Gesellschaft, in der das Kapital ausgespielt hat, möglich. Und diese Theorie war hoffnungsvoll. Denn es gab innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft eine revolutionäre Kraft, die diese Gesellschaft aus den Angeln heben konnte: das Proletariat.

Die Utopie einer vom Kapital befreiten Gesellschaft wurde Wissenschaft. Marx’ Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus wurde wesentlicher Bestandteil einer Großen Erzählung, der Großen Erzählung des Sozialismus. Hoffnungsvoll war das Wort von Marx und Engels: »Der Kommunismus ist für uns nicht (...) ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.« Denn diese Bewegung gab es und wir nahmen an ihr teil. Fröhliche Wissenschaft war auch der großartige Satz im »Kommunistischen Manifest«: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«

Nicht immer sollte die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sein. Das war immer noch die tödliche Weisheit des Kapitals. Diese verneinte nicht, dass das Verhältnis von Kapital und Arbeit nicht ohne Konflikt abging. Klassenkampf gibt es, wenn er auch immer darauf gerichtet ist, friedlich gelöst zu werden. Denn, das ist das Entscheidende, dieser Konflikt ist nicht lösbar. Es bleibt dabei: das Kapital der Arbeitgeber, die Arbeit der Arbeitnehmer, eine Welt von Geben und Nehmen. Und, wenn das Kapital keine Arbeit mehr zu vergeben hat, ist der Arbeiter seine Arbeit los. Das ist das Gesetz des Verhältnisses von Kapital und Arbeit. Es ist aber nicht das Gesetz der Geschichte überhaupt! Es geht um die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft. Einmal wird der Klassenkampf ein Ende haben.

An diesem Punkt übrigens überschritt unsere Hoffnung die Grenze zwischen Wissenschaft und Utopie. Aber Utopie und Wissenschaft schlossen einander nicht mehr aus. Der »Kältestrom« der Wissenschaft und der »Wärmestrom« der Utopie fanden sich im »Prinzip Hoffnung« (Bloch). Die Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft (die Utopie) war in der Theorie (die Wissenschaft) angelegt. Die Marxsche Theorie war die Kritik eines sich als das Ende der Geschichte gerierenden Kapitalismus. So hielt sie die Möglichkeit eines anderen Endes, jenseits des Kapitalismus, offen. Mehr vermag die Wissenschaft nicht zu bieten, mit weniger darf sie sich nicht zufriedengeben. (...)

Die Große Erzählung der Bibel und die Große Erzählung des Sozialismus decken sich nicht ganz. Es gibt eine Differenz. Der Marxismus machte den Eindruck einer Fortschrittsgläubigkeit, die wir von unserer Tradition her nicht ohne Weiteres nachvollziehen konnten. Wir glauben zwar: Welt und Mensch sind gut geschaffen. Aber es gab nicht nur Schöpfung, sondern auch Fall. Und im Zentrum unseres Glaubens steht der Exodus: der Auszug des Sklavenvolkes aus seiner Sklaverei. Aber auf den Exodus folgt der Kult des goldenen Kalbes, die Karikatur der Befreiungsbewegung. Wir wissen: Revolutionäre können die Revolution auch verraten. Wir bekennen: Jesus ist auferstanden. Aber keine Auferstehung ohne Kreuzigung: der Messias Israels, des Sklavenvolkes, von den Römern hingerichtet. Wir kennen nicht nur Siege, wir wissen auch von Niederlagen.

Nun war es nicht so, dass Marxisten die Erfahrung der Niederlage völlig fremd war. Schon im Vorwort des Kommunistischen Manifestes von 1888 erinnert Friedrich Engels an die »Niederschlagung der Pariser Insurrektion von 1848«, die das Manifest dazu zu verdammen schien, »der Vergessenheit anheimzufallen«. Aber die Niederlagen, schreibt er dann, sind nur dazu da, »den Menschen die Unzulänglichkeit ihrer diversen Lieblings-Quacksalbereien zum Bewusstsein zu bringen und den Weg zu vollkommener Einsicht in die wirklichen Voraussetzungen der Emanzipation der Arbeiterklasse zu bahnen«. Niederlagen sind nur eine Stufe auf dem unaufhaltsamen Marsch in eine leuchtende Zukunft.

Nicht anders verarbeitet Engels die Zerschlagung der Pariser Kommune (1870). Nur beiläufig erwähnt er »den riesenhaften Anstoß, den namentlich die Pariser Kommune gegeben«, für ihn zählt »die (...) stetig fortschreitende Entwicklung des deutschen Proletariats«. Und Rosa Luxemburg ruft kurz vor ihrer Ermordung durch die konterrevolutionäre Soldateska und dem Scheitern der Novemberrevolution in Deutschland in einer Rede auf dem Gründungsparteitag der KPD aus: »Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitteren Erfahrungen, durch Niederlage und Siege, zur vollen Klarheit und Reife durchringen.« Das Kreuz kommt in den Blick, aber bloß als Moment eines Reifeprozesses.

Das konnten wir so nicht sagen. Für uns waren Kreuz und Auferstehung keine Momente innerhalb einer historischen Entwicklung, die sich unaufhaltsam auf ein gutes Ende hinbewegt. Dass das Kreuz nicht das letzte Wort hat, sondern mit der Auferstehung etwas Neues beginnt, das tatsächlich nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, können wir nur glauben, nicht wissen. Aber wir wollten diesen Glauben nicht gegen den Sozialismus ausspielen. Und wir wollten auch nicht recht haben auf Kosten seiner Theorie der Befreiung, des Marxismus.

Wir wollten es nicht und wir konnten es auch nicht. Denn bei allem, womit die Marxisten unrecht haben, die Große Erzählung der Bibel gibt ihnen grundsätzlich Recht. Sie gibt ihnen Recht mit ihrer Theorie, die mit guten Gründen den Kapitalismus als perspektivlos kritisiert und die Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaft anvisiert. Sie gibt ihnen Recht mit ihrer Hoffnung, die Geschichte wird sie ins Recht setzen. Denn der Gott der Bibel ist der Gott des Sklavenvolkes. Er wird ihm Recht verschaffen. Das glaubten wir, nicht gegen, sondern für den Sozialismus. (...)

Die Zeit, dass der Marxismus die Wissenschaft einer realen Bewegung war, ist vorbei. Dass der Sozialismus utopisch geworden ist, bedeutet heute, seine Große Erzählung wenigstens als Utopie vor dem Vergessen zu bewahren, damit kommende Generationen auf sie zurückkommen können. Denn vielleicht kommt eine Zeit, in der die Enkel es besser ausfechten werden. Vielleicht, sicher ist das nicht. Wenn wir aber den Sozialismus auf sich beruhen lassen, seine Große Erzählung verschweigen, wie sollen die Späteren noch wissen, was da verloren gegangen ist? (…)

Die Widersprüche sind nicht aus der Welt verschwunden. Die Macht des Kapitals ist riesig, aber nicht allmächtig, nicht total. Es gibt sie, die Gegenbewegungen, die sich nicht mit der verkehrten Welt abfinden wollen, sondern dabei bleiben: eine andere Welt ist möglich. Es gibt sie und es gelingt ihnen, Massen von Menschen zu mobilisieren, sie für ein Programm radikaler Veränderung zu begeistern. Sie schaffen es, eine für apolitisch gehaltene Jugend auf die Straße zu bringen. Sind sie nicht doch die reale Bewegung, die die Marxsche Theorie zu einer fröhlichen, hoffnungsvollen Wissenschaft machte?

Es gibt sie: Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien, Mélenchon in Frankreich, das Labour von Jeremy Corbyn, die von Bernie Sanders gegen das Partei-Establishment der Demokraten ins Feld geführte US-Linke, die Rojava-Republik in Nordsyrien, die Zapatistas in Chiapas, Mexiko. Aber sie haben die Machtverhältnisse nicht wesentlich verändert. Und wo sie, wie Syriza, die Regierung stellten, wurden sie schon bald kaputtgespielt.

Und ja, es gibt sie noch: das sozialistische Kuba, der Moviemento al Socialismo in Bolivien, das chavistische Venezuela. Doch muss man sich hier vielmehr ernsthaft fragen: wie lange noch? Vor allem Venezuela ist eher ein Lehrstück der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Land.

Es gibt sie also: Gegenbewegungen. Aber nüchtern betrachtet muss man konkludieren: insofern sie sich im Zentrum der kapitalistischen Welt bewegen, ist ihr Ziel nicht der Sozialismus, sondern mehr oder weniger radikale Reformen innerhalb des Kapitalismus. Dass die Enteigner enteignet werden sollen, steht nicht im Programm. Außerdem ist es fraglich, ob sie, wenn die Chance sich böte, einen wirklichen Kampf gegen das Kapital um die Macht durchhalten könnten. Auf einen solchen Kampf vorbereiten tun sie jedenfalls nicht. Es fehlt offenbar die gefährliche Erinnerung an den von Pinochet mithilfe der CIA inszenierten Putsch gegen den Unidad Popular in Chile (1973). Die Lage der Gegenbewegungen in der Peripherie dagegen ist zu prekär, um allzu viel Hoffnung zu machen. Gerade nüchtern betrachtet leben wir im Moment nach dem Ende der Großen Erzählung des Sozialismus. Eine Analyse der Wirklichkeit, wie Marx sie zu praktizieren gebot - ob er es selber immer so handhabte, sei dahin gestellt -, zeigt vor allem, dass der Sozialismus nicht auf der Tagesordnung steht. (...)

Eine Revolution tut not, ihr Kommen ist nicht abzusehen. Die Zeit läuft uns davon und wir wissen nicht, wie wir ihren fatalen Lauf stoppen sollen. Aber zeugt dies nicht von einer Radikalität, die über das immerhin noch machbare hinausgreift und sich so die Möglichkeit verbaut, wenigstens etwas zu tun? Gibt es nicht einen Mittelweg zwischen »alles muss anders werden« und »alles kann bleiben, wie es ist«? Eine »passive Revolution« (Gramsci), die den Kapitalismus retten will, indem sie ihn verändert?

Es gibt sie: in der Politik (Trudeau, Macron, und, wer weiß, Merkel) und im Feuilleton: die Intellektuellen, die, ohne das System grundsätzlich infrage zu stellen, seine Defizite benennen und darauf drängen, die Politik solle ihre Verantwortung wieder übernehmen und die Ökonomie nicht ihrem Selbstlauf überlassen. Dennoch, was gerettet werden soll, ist das Kapital, das nicht anders kann als sich über Krisen zu reproduzieren.

Diese systemimmanente Krisenhaftigkeit innerhalb des Systems überwinden zu wollen hat sich immer wieder als eine Illusion erwiesen. Eine »passive Revolution« wird diese »Gesetzmäßigkeit« bestenfalls aufhalten, nicht beenden können. Das wahrscheinlichste Ende bleibt die Katastrophe. Die Zeit, dieser zu entkommen, ist (zu) kurz - auch, wenn die »passive Revolution« hilft, Zeit zu gewinnen. Das Ende der Großen Erzählungen stellt sich dann als der Vorbote des Endes schlechthin heraus: das Ende einer Natur, in der der Mensch zu Hause sein kann, und damit das Ende des Menschen überhaupt.

In der Zwischenzeit bleibt uns aber die Marxsche Theorie - wenn wir sie vor dem Vergessen bewahren. Ob das noch Sinn hat, wir wissen es nicht. Ob wir noch hoffen können, es kommt eine Zeit, in der sie die Massen ergreifen wird, ist fraglich. Es ist jedoch nicht unsere Sache, Zeitlauf und Zeitpunkt zu kennen, die der Befreier-Gott gesetzt hat, um das Reich der Freiheit herzustellen (frei nach Apostelgeschichte 1, 6-7). Uns ist nur geboten, die Marxsche Theorie zu hüten wie die Tora, ihre »rettende Kritik« den Nachgeborenen zu überliefern - wenn es sie noch gibt und auch, wenn es zu spät sein sollte.

Uns! Immer noch Christen für den Sozialismus.

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