Kaffee mit Merkel und Socken ins Gefängnis

Zum ersten Mal seit seiner Freilassung aus türkischer Haft trat Deniz Yücel öffentlich auf

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Entstehung eines Buches ist immer ein komplizierter und zeitraubender Prozess. Erst recht, wenn der Autor in Isolationshaft sitzt und sich dennoch, wie die Herausgeberin Doris Akrap schildert, nicht allein um die Auswahl der geeigneten Texte, sondern auch um allerlei Details kümmert und etwa unermüdlich mahnt, ein überzähliges Leerzeichen aufzuspüren. Und er zunächst nicht einmal einen Stift hat, so dass er mit einer Plastikgabel und vom Gefängnisessen abgezweigter roter Soße improvisieren muss. »Es gibt immer einen Weg«, sagt Deniz Yücel. »Hauptsache, man ergibt sich nicht.«

Die Begrüßung Yücels war notgedrungen eine stehende Ovation, da es im Festsaal Kreuzberg im gleichnamigen Berliner Stadtteil nur wenige Sitzgelegenheiten gibt, doch hätte sich das Publikum wohl auch freiwillig erhoben für den minutenlangen Applaus. Es war ein Heimspiel. Man musste Yücel nicht einmal persönlich kennen, um gleichermaßen gerührt und erfreut über das Happy End gewesen zu sein, das es ihm erlaubte, seine Frau Dilek Mayatürk Yücel in die Arme zu schließen, wie ein Foto seines Anwalts Veysel Ok dokumentiert. In einem Film wäre das kitschig, im wirklichen Leben aber ist es schön zu sehen, dass doch noch einmal etwas gut ausgehen kann.

Es gehe ihm wirklich gut, versichert Deniz Yücel an diesem Abend. Vor allem, weil er zwar fast während seiner gesamten einjährigen Haft von anderen Gefangenen isoliert war, es aber »viele Menschen gab, die hinter mir standen«. Unter anderem eine Solidaritätsbewegung, die Autokorsos, Konzerte und Lesungen organisierte, sein Anwalt Ok, der nicht ohne persönliches Risiko auch andere Journalisten und Dissidenten verteidigt, und Dilek Mayatürk Yücel, die lästige, aber notwendige Aufgaben übernahm, wie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Kaffee zu trinken und ihm Socken ins Gefängnis zu schicken. Wichtig für ihn sei auch gewesen, »mich publizistisch aus dem Knast zu Wort zu melden«; die dort entstandenen Texte sind im Buch enthalten.

Am 14. Februar 2017 war Yücel inhaftiert worden. Weshalb, wollte die türkische Staatsanwaltschaft lange Zeit nicht verraten. Erst kurz vor seiner Freilassung am 16. Februar dieses Jahres legte sie die Anklageschrift vor, die ihm »Propaganda für eine Terrororganisation« und »Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit« zur Last legt. Einige der inkriminierten Texte sind im Buch dokumentiert. So absurd die Vorwürfe in der Sache sind - es ist verständlich, dass Yücel reaktionären Türken und Deutschen gleichermaßen verhasst ist. Als Journalist und Satiriker spürt er ihre schmutzigen Geheimnisse auf und zögert nicht, sie auszuplaudern. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihm allen Ernstes die Wiedergabe eines Witzes vor, der den türkisch-nationalistischen Kurdenhass illustriert. Im AfD-Milieu empört man sich über die Satire »Super, Deutschland schafft sich ab«.

Zumindest die deutsche Rechte wird hoffentlich weiterhin Gelegenheit haben, sich zu empören. In die Türkei kann Yücel vorläufig nicht zurückkehren, der Prozess, in dem ihm bis zu 18 Jahre Haft drohen, wird weitergeführt. Mehr als 150 Journalisten sind in der Türkei weiterhin inhaftiert. Weil sie ihre Arbeit getan haben, sagt Yücel: »Das ist die Aufgabe von Journalismus. Denjenigen, die die Macht haben, auf die Pelle zu rücken.«

Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Doris Akrap. Edition Nautilus, 224 Seiten, br., 16 €

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