Werbung

»Das ist ein hochpolitischer Vorgang«

Der Europapolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Andrej Hunko, über die Verhaftung Puigdemonts in Deutschland und Kritik am Europäischen Haftbefehl

  • Von Nelli Tügel
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Herr Hunko, der ehemalige katalanische Präsident Carles Puigdemont wurde am Sonntag in Deutschland verhaftet - aufgrund eines Europäischen Haftbefehls (EuHB). Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb daraufhin, Deutschland habe nun seinen »ersten politischen Gefangenen«. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich denke, das kann man schon so sagen. Puigdemont war katalanischer Präsident, es gab Neuwahlen im Dezember, das Unabhängigkeitslager mit ihm als Spitzenkandidaten hat wieder gewonnen, die Mehrheit des Parlaments wollte ihn erneut zum Präsidenten wählen. Und er konnte ja nur nicht einreisen nach Spanien, weil er dort festgenommen worden wäre.

Das ist natürlich ein hochpolitischer Vorgang. Und wenn so jemand hier in Deutschland festgenommen wird, ist er ein politischer Gefangener. Meines Erachtens ist der Europäische Haftbefehl politisch motiviert. Es geht ganz offensichtlich darum, eines politischen Gegners habhaft zu werden.

Der Europäische Haftbefehl ist ja erst am Freitag von spanischer Seite aus erneuert worden.

Ja, Freitagabend sogar erst.

Und zurückgezogen worden war er, weil Belgien, wo Puigdemont seit Oktober im Exil lebt, deutlich gesagt hatte, man werde ihn nicht verhaften. Warum wurde der Haftbefehl denn ausgerechnet jetzt erneuert?

Belgien hat ja gesagt, Rebellion ist kein europäischer Straftatbestand. Es gibt ja in diesem Europäischen Haftbefehl 32 Straftatbestände, dazu gehört Rebellion nicht, dazu gehört übrigens auch Hochverrat nicht. Und ich habe die Befürchtung - aber das ist natürlich nur Spekulation - dass Spanien die Gelegenheit genutzt hat, um jetzt noch mal einen Europäischen Haftbefehl auszustellen, weil es wusste, dass Puigdemont in Finnland ist.

Also glauben Sie, dass es Zufall war, dass er nicht in Finnland oder Dänemark verhaftet wurde?

Die Finnen haben ja gesagt, sie seien seiner nicht habhaft geworden, er sei ihnen entwischt. Das kann man nun glauben oder nicht, vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Er hatte ja eigentlich einen Flug gebucht von Finnland nach Belgien, hatte sich aber dann für den Landweg entschieden, vielleicht mit der Befürchtung, am Flughafen festgenommen zu werden. Das ist alles Grauzone. Ich habe den Sachstand beim Justizministerium angefordert, um hier Klarheit zu bekommen.

Es heißt, Deutschland erwäge die Auslieferung an Spanien nicht wegen des Vorwurfs der Rebellion, weil das ja kein Straftatbestand im Europäischen Haftbefehl ist, wie Sie schon gerade erklärt haben, sondern wegen des Vorwurfs, Puigdemonts Regierung habe Gelder veruntreut durch zur Durchführung des von Spanien für illegal erklärten Unabhängigkeitsreferendums. Ist diese Begründung juristisch tragbar, wenn man weiß, dass er in Spanien dann doch wegen angeblicher Rebellion angeklagt wird?

Ich halte diese Konstruktion mit der Veruntreuung der Gelder für ein Hilfsargument. Ich habe mir die 32 Punkte, die im Rahmenbeschluss des Europäischen Haftbefehls genannt werden angeschaut - Veruntreuung von Geldern ist da auch nicht enthalten. Doch gibt es die Konstruktion, dass man einen Straftatbestand hat, der auch in Deutschland ähnlich behandelt wird. Und da sehe ich den Versuch, das juristisch so zu konstruieren, dass eine Auslieferung möglich ist. Wie gesagt, ich halte das für sehr sehr konstruiert und in erster Linie politisch motiviert.

Noch eine kurze Frage zu der Verhaftung. Der spanische Geheimdienst soll die deutsche Polizei darüber informiert haben, wo Puigdemont ist. Daraufhin habe dann die Polizei zugegriffen, heißt es. Wenn die Polizei solche Informationen bekommt und ein Europäischer Haftbefehl liegt vor - hat dann die Exekutive eine andere Wahl, als die Verhaftung durchzuführen?

Nein. Die Beamten vor Ort, die setzen das erstmal nur um. Auf der Ebene kann man das schwer kritisieren. Mein Eindruck ist aber, dass es hier eben doch eine sehr enge Abstimmung gegeben hat zwischen deutschen und spanischen Behörden im Vorfeld und sicherlich auch mit politischem Segen.

Ist die spanische Justiz ihrer Einschätzung nach eine politische Justiz, oder ist da ein rechtsstaatliches Verfahren garantiert, wie die deutsche Bundesregierung argumentiert?

Das ist ja ein Grundproblem des Europäischen Haftbefehls. Es wird per se davon ausgegangen, dass alle Staaten entwickelte Rechtsstaaten sind. Und das sehe ich bei Spanien eingeschränkt. Spanien hat nach wie vor noch franquistische Traditionen, insbesondere in der Justiz. Es gibt immer wieder auch Verurteilungen Spaniens zum Beispiel vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Es gab jetzt kürzlich auch noch mal von den Vereinten Nationen scharfe Kritik an der spanischen Justiz. Also da kann ich dieses Vertrauen überhaupt nicht nachvollziehen, das von Seiten der deutschen Regierung der spanischen Justiz entgegengebracht wird.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen