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Schwarz. Weiß. Blausäure

Staatsschauspiel Dresden: »Erniedrigte und Beleidigte« nach Fjodor Dostojewski

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Nebel. Lies rückwärts: Leben. Viel Nebel, sehr viel Nebel quillt von der Bühne. Wie ein Gewittersud. Dazu aus dem Off die Worte, mit denen jede Inszenierung von Sebastian Hartmann beginnt: »All that we see or seem, Is but a dream within a dream.« Edgar Allan Poe. Wahrnehmung? Wer weiß schon, was wirklich ist? Wahrheit? Kann ich das, was ich weiß, denn auch glauben? Langsam lässt der dichte Nebel Leben durchscheinen - und zeigt es so, wie es fast drei Stunden bleiben wird: Schemen und Schatten. Das huscht, das hetzt, das hungert nach Halt. Ein atemloser Exzess an »verkommenen Ufern« (Heiner Müller).

Am Staatsschauspiel Dresden inszenierte Hartmann »Erniedrigte und Beleidigte« nach Fjodor Dostojewski. Der rührende Kolportage-Roman erzählt von der unglücklichen Liebe eines Schriftstellers, vom strichgequälten Waisenkind Nelly, vom bösen Fürsten, von der verarmten Adligen, von, von, von ... Egoismus, Erfolgsdruck, Erwerbswahn - und sehr viel Hass und Einsamkeit und Tyrannei. Und daher sehr viel Schmerz.

Von Albert Camus stammt die Bemerkung, nicht Marx sei der entscheidende Prophet des 20. Jahrhunderts gewesen, sondern Dostojewski, »er hat den Triumph der Macht über die Gerechtigkeit vorausgesehen«. Aus dem, was diese Aufführung dem Roman entnimmt, grinst das Herrenmenschentum, schmollt der moderne Narziss, räsoniert zynisch der noch modernere Endverbraucher seiner selbst. Der Roman wird nicht nacherzählt, keine der Figuren trägt einen Namen, die Gestalten des Buches: ahnbar, mehr nicht. Keine Abfolge, sondern Sprengsel. Fauchende Fetzen. Wer Dostojewski will: ab unter die Leselampe! Hier ist Hartmann! Und Hartmann ist »Sound«.

Was stattfindet, ist ein wildes Gründeln in der größten der Sehnsüchte: im All unserer Seele eine Tür zum Frieden zu finden und sie hinter der Welt zuschlagen zu können. Unerfüllbar. Jeder macht dem anderen den Unglücksrang streitig. Menschen drehen gleichsam an den Lautsprechern der Verständigung, bis sie im Hall des eigenen Schreis zusammenbrechen. Eine Messe des Bösen - das als bedauernswert erscheint. Und ein Wimmelbild des so Erbarmenswerten - dem aber nur die Bosheit hilft, in der Welt zu bestehen. Selbst die innigste Liebe bleibt ja ein Krieg des Starken gegen den Schwachen - und der Schwache, das ist stets der, der stärker liebt. Einer von zweien liebt immer stärker als der andere.

Jetzt wallt ein nächster Nebel, schwefelgelb, und der Farbe nicht genug: Die Rede geht von Blausäure, denn Leben will - Erlösung. Was Hartmann inszeniert, muss expressive Szene werden, Schlacht und Orgasmus zwischen Licht und Finsternis. Leer die Bühne. Schwarz oder weiß gekleidet all die Gespenster. Zentrum des Spiels ist eine große Leinwand, das Ensemble bemalt sie während der Aufführung: eine abstrakte, traumatische Bedrängung nach einem Entwurf des Malers Tilo Baumgärtel, dem Arno-Rink-Schüler. Schlieren, Flächen, ein Kindergesicht - als bereite sich Munchs »Schrei« darauf vor, bald in unschuldigster Miene zu explodieren - eine Videoprojektion gibt diesem traurigen Antlitz einen lebendigen Wimpernschlag; das geht ans Herz, du erblickst ein erniedrigtes, beleidigtes Wesen, ein Sterntalerkind. Stummer Hilferuf aus sämtlichen dritten, vierten, siebenten Welten.

Theater ist für Hartmann eine Installation eigenen Rechts: Texten wird nicht gehuldigt, sie werden hergenommen für derbe, düstere, dräuende Laut-Malereien. Es ist immer wieder die Leere, die Liebeslieder auf den Menschen singt. Alles rast hinein in die Ver-Körperung. Hysterische Beschwingtheit prallt aufs Blei der Ermattung. Paare stürzen ineinander wie aufgepeitschte Soldaten. Geständnisse sind wie Aussagen unter Folter. Atmosphäre als Erlebnis, das man als Zuschauer auch ertragen, erleiden muss. Ja, Kraft, Sog - einen Teil Zuschauer freilich jagt das in die Flucht.

Neun fulminante Spieler, die durch den Roman preschen. Düster, undurchsichtig, heiterst, schrill, hilflos, aufgeheizt, selbstvernichtend, beladen nachdenklich. Gemeinsamer Schweiß, gemeinsame Klage, gemeinsamer Drive, gemeinsames Dröhnen und Stöhnen, gemeinsamer Knockout. Alles so wütend und weh, alles so zerfleddert und zerledert. Ein Rampenrausch von »poetischen Kampfmaschinen«, wie Frank Castorf seine Volksbühnenschauspieler einst bezeichnete. Die hier gleichsam auferstehen, grandios gierig auf Verausgabung. Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Moritz Kienemann, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi, Viktor Tremmel. Und Torsten Ranft! Ein glanzvoller Neurotiker der Verwandlungskasperei; ein blutdruckpochendes Rumpelstilzchen des zitternden Zorns, der zuschlagenden Straflust und eines immer wieder ausbrechenden kindischen Indianer-Geheuls.

Das erwähnte Gemälde: Mitunter dreht es sich, nebelumhüllt, als rage da ein hoher Gipfel überm Gezücht. Als tanze eine Form, aufgedreht, übermütig in ihrer ganz eigenen Freiheit. Denn: Jedes Bild ist weit mehr als jeder der Begriffe, die in ideologischen Richterstuben gehämmert werden. Hartmann lässt lang aus einer Poetikvorlesung des Dramatikers Wolfram Lotz (»Die lächerliche Finsternis«) zitieren: Der Mensch will in seinen Wahrnehmungen und Bewertungen immer nur ausblenden, dies ist auch das Elend einer eilfertigen Intelligenz, die sich ins öde »Gesellschaftsaufrissgetöse« hineinziehen lässt. Dagegen setzt Lotz, dagegen setzt Hartmann die wesentliche Aufgabe: Einspruch gegen das »bis zum Jetzt Gesagte«. Offenheit: »immer wieder alles einblenden und sich selber sehend nicht zur Ruhe kommen lassen.« Sehen heißt: sich »zubomben« lassen mit Widerspruch.

Weiter im Wirbel: qualverliebte, zerrüttete Erotiker allesamt - schäbig und dünnhäutig, erschreckend gleichmütig oder brüllend maskenlos. Eine dreckfliegende Feier slawischer Melancholie findet statt (»ich bin eine russische Natur, ich knöpfe mich gern auf«). Das ergibt eine übernervöse, irrglotzende, zitternd übernächtigte, morgengrauenhafte, plötzlich für Sekunden ins Grabesschweigen stürzende Inszenierung. Ein wassergetränktes Handtuch als Peitsche. Ein fahrbares Eisenbett als letzte Menschenstation (»ach, wer weiß, wie man wird sterben müssen«). Ein gebrechlich alter Nackter sucht seine »Sachen« - bis man ihm zwei schwarze Flügel anlegt. Bilderbau und gleichzeitig unentwegtes Rennen, Fliehen. Jede Bewegung als Technik, sich und anderen die Luft zum nehmen.

Aber das Pathos der Selbstzerfleischungen und der Wegwerffantasien bricht Hartmann auch ironisch und kalauernd. Da, das Ausrutschen auf der Schale einer Banane, die einem endlos palavernden Surrealismus-»Dozenten« endlich das Maul stopft, natürlich unterm Beifall des Publikums. Empörung der Akteure inmitten einer zäh sich ziehenden Szene: »He, da hustet jemand in der dritten Reihe!«

Natürlich wäre es ein schöneres Gefühl, aus dem Theater zu gehen und einzig Wohlgefühl getankt zu haben. Hartmann aber porträtiert das ungesunde Fiebern unserer Existenz, erzählt in zuckenden Aufblendungen die »Vergrimmung« des Menschen - der nicht weiß, was weiser ist: vom Romantiker zum Weltveränderer oder vom Weltveränderer zum Romantiker zu werden. Die Sentimentalisten der Utopien streiten sich mit den Routiniers des Abkotzens - darüber, wer als größter Depp gelten darf. He, du Menschlein, was immer du als dein selbstbestimmtes Leben behauptest: Zur Musik deiner Überflüssigkeit darfst du zwar tanzen - aber du tanzt ja nicht mal. Du strampelst, stolperst, kommst verlässlich ins Rutschen. Wieder strampeln, wieder rutschen. Immer strampeln. Das lässt nicht nach. Nur die Kraft lässt nach.

Zum Premierenschluss ein Bravo-Sturm, auch Kontra-Chöre. Wunderbar aufgebracht alle. Und Schönheit also: Wo nach Wahrheit getastet wird, da muss ein Wirrwahr her, der uns peinigt. Bravo!

Nächste Vorstellungen: 8., 21., 29. April

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