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Besondere Kennzeichen: keine

Christoph Ruf wäre gern Homer Simpson, wenn er in Bundesligastadien sitzt und über Spiele berichten muss, bei denen kein Fußball gespielt wird

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Na, haben Sie schöne Ostern gehabt? Die Lammkeule war jut jewesen? Oder der Nussbraten an Pastinakensauce, vielleicht wohnen Sie ja in einer Großstadt? Mit dem Osterspaziergang dürfte es jedenfalls geklappt haben. Vorausgesetzt, Sie wohnen nicht in Norddeutschland, oder Sie sind auf Nummer sicher gegangen und sind ausgewandert. Mallorca, Ungarn. Neues Deutschland halt.

Bei mir? Danke der Nachfrage. Lamm jut jewesen, Pastinake in der Sauce, Nuss im Nachtisch und der einzige Pferdefuß, der war halt die verdammte Arbeit. Das Kolumnenschreiben ging ja noch so halbwegs, aber der Sonnabend! Bundesligaalltag, und zwar einer vom alltäglichsten. Stuttgart gegen Hamburg: 1:1. Der HSV gar nicht so schlecht wie sonst immer, der VfB in etwa so schlecht wie die Hamburger sonst immer. Angeblich hat bei denen Mario Gomez mitgespielt. Falls das stimmt, ist er weniger gelaufen als der Hamburger Torwart. Ein Elend, das man am liebsten sofort vergessen würde. Und genau das haben 58 826 Augenzeugen mit Schlusspfiff auch getan. Bis auf uns Sportjournalisten. Wir müssen dann nach dem Gewürge über das Gewürge berichten.

Der eine sollte 70 Zeilen schreiben, der andere 110, der eine sollte auf den HSV achten, der andere auf irgendetwas Außergewöhnliches. Das aber hatte sich ja nicht ereignet. Das Spiel war schlecht. Wäre es ein Personalausweis, hätte man unter »Besondere Kennzeichen« reingeschrieben: »keine«. Und was machen Sportjournalisten, wenn sie nichts zu schreiben haben? Das Wort »laaaaangweilig« kann Comic-Held Homer Simpson zwar sehr ausgiebig in die Länge ziehen, aber so, dass es 110 Zeilen füllt?

Nun, Sportjournalisten schreiben dann über das Geschehen am Rande, in dem Fall über den Torjubel des Stuttgarter Stürmers Daniel Ginczek, über den sich der Hamburger Verteidiger Gideon Jung aufgeregt hat, weil er dachte, es sei eine Anspielung auf den Torjubel eines Mannschaftskollegen, der sich dabei einige Monate zuvor verletzt ... laaaaangweilig. Es sei denn, man arbeitet bei Zeitungen, die auf so etwas spezialisiert sind. Mancher der dort arbeitenden Kollegen wirkt gelangweilt, wenn er solche Geschichten in den Laptop hämmert. Das finde ich sympathisch. Ohne Zynismus ist Boulevard nicht auszuhalten. Viele Kollegen dort scheinen aber aufrichtig Spaß zu haben an solchen Döntjes. Sie freuen sich darüber, dass eine Geschichte jetzt erst »rund« sei und unterhalten sich auf dem Weg zum Parkplatz weiter über die ganzen Schmonzetten.

Nun könnte man es sich leicht machen und die an sich völlig berechtigte Frage aufwerfen, welche Existenzberechtigung eine Art von Journalismus hat, die die Zeilen mit Betrachtungen über die Art und Weise des Torjubels füllt. Schließlich geht auch kein Theaterkritiker in die »Volksbühne« und schreibt danach über die Beschaffenheit der Sektgläser in der Spielpause. Doch der werte Kollege Theaterkritiker hat es eben auch viel leichter als unsereiner. Er sieht ein Theaterstück, wir aber kein Fußballspiel. Wenn wir in München arbeiten, hören wir zwischen den Torjubeleien nichts. Denn wir sind ja bei einem Bayern-Heimspiel. Aber wir sehen jede Menge Tore, denn die Liga ist so spannend, dass auch bei einem Spiel des Ersten gegen den Dritten sechs Tore fallen können: allesamt für den Ersten. Das ist unterhaltsam, ändert aber nichts daran, dass die Fans fast überall sonst mit dem immergleichen Gekicke bestraft werden, das längst zur Trade Mark der Bundesliga geworden ist. Konterfußball, bei dem keiner wirklich den Ball haben will und erschreckend viele angebliche Fußballspieler immer dann, wenn sie den Ball haben, auch nachweisen, dass sie ohne ihn auch wirklich besser dran sind.

Der deutsche Fußball hat ein echtes Problem. Und zwar nicht das, was manche Leitartikler zuletzt ausgemacht haben. Nein, es geht nicht darum, dass die Borussia Dortmunds oder Hannover 96s dieser Republik nun dringend einen Investor aus China oder Usbekistan bräuchten, der mindestens 51 Prozent ihrer Anteile aufkauft. Ihnen wäre - wie letztlich fast allen Vereinen in der Bundesliga - mehr geholfen, wenn sie einen Trainer hätten, der Fußball spielen lässt. Einen wie Hoffenheims Julian Nagelsmann, in dessen Stadion es ebenfalls sehr ruhig zugeht. Wüsste man es nicht besser, würde man vermuten, dass dort eine andächtige Stille herrscht. Andächtig, weil dort nicht das branchenübliche Gebolze geboten wird. Sondern Fußball.

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