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Ein Kind des Marshallplans

In nur einem Jahrzehnt mauserte sich die unscheinbare Förderbank KfW zu einem staatlichen Global Player

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ulrich Schröder hat die KfW entschlossen vorangebracht. Schröder war einer der einflussreichsten Banker seiner Zeit und trug entscheidend dazu bei, dass die einstige »Kreditanstalt für Wiederaufbau« heute als Vorbild für den Aufbau von Förderbanken in aller Welt gilt. Genau das halten Kritiker für eines der Probleme der staatlichen Superbank.

Was wie ein Nachruf klingt, ist auch einer: Schröder starb vor einer Woche im Alter von 66 Jahren. Vor einem Jahrzehnt war er an die Spitze der KfW-Bankengruppe getreten, um das Debakel der Finanzkrise zu reparieren. So schlug die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers mit einem Verlust von etwa 400 Millionen Euro in Frankfurt am Main zu Buche. Weitere 200 KfW-Millionen gingen auf Island unter.

Am schlimmsten hatte es die Industriekreditbank IKB getroffen. Hauptaktionär: die KfW. Im Juli 2007 war die große Industriebank in eine existenzbedrohende Schieflage geraten. Die KfW-Beteiligung hatte sich - wie viele private Banken und Landesbanken auch - mit dubiosen amerikanischen Immobilienkrediten verzockt. In Frankfurt schnürte man ein Rettungspaket, an dem sich die KfW mit mehr als zwei Milliarden Euro beteiligt. Ein Fiasko. Doch unter Ulrich Schröders Führung ging es bald wieder steil bergauf. Das Geschäftsvolumen der Bank wuchs von 350 auf über 500 Milliarden Euro.

Die KfW ist ein Kind des Marshallplans. In Westdeutschland war erst wenige Monate zuvor die »Deutsche Mark« eingeführt worden, und die Bundesrepublik gab es noch gar nicht, als am 18. November 1948 die Kreditanstalt im vornehmen Gutleutviertel am Ufer des Mains offiziell gegründet wurde. Der »Wiederaufbau« im Namen war Programm: Ein Viertel des Wohnungsbestandes und ein Fünftel aller Industrie- und Gewerbebetriebe waren während des Krieges in Westdeutschland zerstört worden. Hermann Josef Abs, der vorherige Vorstand und spätere Sprecher der Deutschen Bank, prägte die staatliche Kreditanstalt entscheidend. Abs steuerte über »seine« KfW die Vergabe der amerikanischen Marshallplan-Kredite - er plante und lenkte damit die zukünftige Struktur von Industrie und Wirtschaft in der BRD.

Als Initialzündung für den Wiederaufbau - der zugleich maßgeblich von der »Deutschland AG«, einem Netz aus Industrie und Banken, geprägt wurde - genügte die schon damals eher überschaubare Summe von aktuell umgerechnet gerade einmal 1,2 Milliarden Euro. Doch durch eine Art von Schneeballsystem ließen Abs und die Deutschland AG daraus das »Wirtschaftswunder« erblühen.

In den 1950er Jahren begann die Förderbank, den Mittelstand mit günstigen Krediten zu versorgen. Das tut sie bis heute. Die KfW war auch Pionier bei der Exportförderung. Später kamen zahlreiche Geschäftsfelder hinzu: Startkapital für Existenzgründer, die Finanzierung von wärmeisolierten Hausdächern, Bafög-Darlehen an Studenten und Kredite für Wasserpumpen in Kenia. Die Bank wurde Platzhalter bei der Privatisierung von Lufthansa und Bundespost.

Auch am Regierungsprogramm »Aufbau Ost« wurde die KfW nach dem Ende der DDR maßgeblich beteiligt: In 20 Jahren wurden rund 170 Milliarden Euro als Darlehen »für den Wiederaufbau vergeben«, lobt sich die KfW. Und als aus der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise eine globale Wirtschaftskrise erwächst, steuerte die KfW antizyklisch dagegen: »Wie nie zuvor«, heißt es in der Hausgeschichte, förderte »die KfW Unternehmen, Kommunen und Privathaushalte«.

Um der privaten Konkurrenz nicht übermäßig ins Gehege zu kommen, werden die meisten KfW-Mittel nur indirekt über Banken und Sparkassen an die Kreditnehmer vergeben. Ein angenehmer Nebeneffekt: Die Großbank kommt mit dem Personal eines Mittelständlers aus und beschäftigt lediglich 6000 Menschen. Dem Bund gehören 80 Prozent der Bank, 20 Prozent den Ländern - davon drei Prozentpunkte den ostdeutschen. Dennoch wuchs sich die KfW unter Ulrich Schröder zu einem Global Player aus: »Wir engagieren uns weltweit« - in der europäischen Wirtschaft, in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Immer auch zum Nutzen der deutschen Wirtschaft: Bereits 1960 wurde ein Erzbergwerk in Liberia für die deutsche Stahlindustrie finanziert. Um das weitmaschige, nur teilweise entwicklungspolitisch motivierte Auslandsengagement zu finanzieren, nimmt die KfW selbst Anleihen in Rubel, malaysischem Ringgit oder türkischer Lira auf. Die Macht der Bank - die Nummer zwei in Deutschland, ihre undurchsichtig weit verzweigten Geschäftsfelder einerseits und der politische Einfluss auf die »grüne« Förderbank anderseits sind Chance und Risiko zugleich. Finanzmarktexperte Rudolf Hickel fordert gegenüber dem »nd«, die Staatsbank »muss viel stärker politisiert und institutionell demokratisiert werden«. Denn sie sei der verlängerte Arm der Politik, vor allem auch im ökologischen Bereich. Die bisherige Repräsentanz des Staates in den Gremien reiche dafür nicht aus.

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