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Neue Gewalt in Kaschmir

Der seit Jahrzehnten bestehende Konflikt zwischen Indien und Pakistan fordert immer wieder auch zivile Opfer

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Es war ein ungewöhnlicher Wochenstart in der Regionalhauptstadt Srinagar: nichts zu spüren vom sonst üblichen Trubel, dafür eine schon fast geisterhaft anmutende Ruhe. Ladeninhaber haben seit Montag ihre Geschäfte verrammel. Kein Kind ist auf dem Weg zu den Prüfungen am Schuljahresende; aus Sicherheitsgründen hat die Bildungsverwaltung zeitweilig alle Einrichtungen geschlossen. Der öffentliche Verkehr kam zum Erliegen. Die Kaschmiris sind es gewöhnt, um Tote zu trauern. Gewalt ist im äußersten Norden Indiens in den letzten drei Jahrzehnten zum Teil des Alltags geworden. Doch die jüngsten Zusammenstöße waren die schlimmsten seit langem. Die Gefechte zwischen Armee und sogenannten Militanten am Wochenende fanden südlich von Srinagar statt. Als sich die Kunde verbreitete, strömten Hunderte Menschen protestierend auf die Straße. Als Sicherheitskräfte gegen sie vorgingen, gab es weitere Opfer. Offiziell bestätigt sind bisher 20 Tote - vier Zivilisten, 13 Militante, drei Angehörige der Sicherheitskräfte.

Polizei und Armee setzen auch bei Protestaktionen zum Teil scharfe Munition ein, vor allem aber sogenannte Pelletgeschosse, die bei Treffern im Kopfbereich schwere Schäden auslösen können. Viele, die gegen die gefühlte »Besatzungspolitik« Indiens protestieren und Sicherheitskräfte auch mit Steinen attackieren, sind noch sehr jung. Immer wieder berichten Medien von verzweifelten Eltern, deren Kinder durch Pelletgeschossen z.B. ihr Augenlicht verloren haben. Die Zahl der Verletzten jetzt wird auf 200 geschätzt. Inzwischen soll ein 22-Jähriger, der bei erneuten Protesten am Montag schwer verletzt wurde, verstorben sein, so die Tageszeitung »Kashmir Monitor«.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres ließ zu Wochenbeginn mitteilen, er sei »tief besorgt« über die Lage in Jammu und Kaschmir. Diese Besorgnis ist nicht nur aktuell begründet. Der Kaschmir-Konflikt ist einer der ältesten weltweit; hier reicht oft ein Funke, um die Situation eskalieren zu lassen. Erst nachträglich hatte sich der damalige Hindu-Fürst über eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung nach der Teilung des britisch beherrschten Subkontinents 1947 der Indischen Union angeschlossen - angesichts paramilitärischer Kämpfer und schließlich offizieller pakistanischer Einheiten, die das Gebiet zu überrennen drohten. Die Bitte um militärischen Beistand aus Delhi wurde erfüllt. Zwei Kriege haben Indien und Pakistan um diese Region ausgetragen, die durch die Line of Control, eine Art permanente Waffenstillstandslinie, geteilt ist. Immer wieder kommt es dort zu Schusswechseln; hochgerüstete Einheiten stehen sich in der eisigen Bergwelt an den südwestlichen Ausläufern des Himalaja gegenüber. Die besonders schweren Gefechte 1999 sind als sogenannter Kargil-Krieg in die Annalen eingegangen.

Es sind verschiedene Akteure, die in Jammu und Kaschmir aktiv sind. Von pakistanischer Seite aus operieren Gruppen wie die auch dort offiziell verbotene Lashkar-e-Toiba (LeT), die von Indien als Terroristen eingestuft werden und zumeist anstreben, Kaschmir Pakistan einzuverleiben. Doch seit 1989 hat sich auch eine heimische Bewegung »moderater Separatisten« etabliert, die Selbstbestimmung anstrebt - einen unabhängigen Staat. So sind rein bilaterale Verhandlungen zwischen Delhi und Islamabad zur Lösung des Konfliktes zum Scheitern verurteilt.

Viele Jugendliche hätten sich vor allem seit 2013 den militanten Gruppen angeschlossen, so das kritische indische Onlinemedium »Scroll«. Zudem sind viele Einwohner des Bundesstaates, der laut indischer Verfassung einen gerade noch einmal vom Obersten Gerichtshof bestätigten dauerhaften Sonderstatus besitzt, einfach erschüttert vom Vorgehen der Sicherheitskräfte und den zivilen Opfern. Deshalb werden Armee, die zahlreichen paramilitärischen Sondereinheiten und selbst die normale Polizei auch von Menschen, die sich der Separatistenbewegung kaum verbunden fühlen, als Besatzer empfunden. Willkürliche Hausdurchsuchungen und das Vorgehen bei Protestaktionen tragen dazu bei.

Sicherheitskräfte haben jetzt auch Muhammad Yasin Malik festgenommen, Führer der Jammu&Kashmir Liberation Front (JKLF) und einer der Köpfe der Hurriyat, der wichtigsten Allianz moderat-separatistischer Gruppen. Kritik aus Pakistan kam nicht nur von der Politik. Auch Kricketstar Shahid Khan Afridi appellierte an die Vereinten Nationen, das »fortgesetzte Blutvergießen« in Kaschmir zu stoppen.

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