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Heimliche Entmischung

Finanziell gutsituierte Eltern schicken ihre Kinder auf private oder besonders exklusive Schulen

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 5 Min.

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Heinz-Peter Meidlinger ist Direktor eines Gymnasiums im niederbayerischen Deggendorf - und ein leidenschaftlicher Verteidiger seiner Schulform. 14 Jahre lang leitete er den Deutschen Philologenverband, der die Pädagogen an den höheren Schulen organisiert. 2017 wechselte Meidlinger an die Spitze des Deutschen Lehrerverbands (DL), er ist seither auch für andere Schulformen wie Real- oder Gesamtschulen zuständig. An den Inhalten seiner bildungspolitischen Statements hat das kaum etwas geändert. Regelmäßig plädiert er für die frühe Einsortierung von Kindern in ein starr gegliedertes Schulsystem - und für mehr Härte in der Abschlussprüfung. Die Ansprüche in der gymnasialen Oberstufe seien zu niedrig, die Benotung zu wohlwollend, hat der DL-Präsident erst kürzlich wieder verlauten lassen - und mal wieder die »Einser-Inflation« angeprangert.

Lange machten in Deutschland weniger junge Menschen das Abitur als in den meisten Nachbarstaaten. Das lag am sogenannten dualen System, am traditionell hohen Stellenwert der außerschulischen Ausbildung in den Betrieben. Inzwischen erreichen mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Hochschulreife, in manchen Großstädten liegt die Quote sogar bei annähernd achtzig Prozent. Das haben Bildungsexperten lange so gefordert und ist auch politisch gewollt, passt aber konservativen Verteidigern eines elitären Gymnasiums wie Meidlinger nicht ins Konzept. Die Lobbyisten beklagen eine schleichende Senkung des Leistungsniveaus - und sind sich in dieser Einschätzung mit Teilen der akademischen Elternschaft einig. Als Folge besuchen immer mehr Kinder und Jugendliche private oder besonders exklusive Schulen.

Vor einer »heimlichen Entmischung« warnen die Bildungsexperten Werner Helsper und Heinz-Hermann Krüger in einer neuen Studie. Die beiden Wissenschaftler an der Universität Halle haben mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft Gymnasien in einer westdeutschen und einer ostdeutschen Großstadtregion untersucht und verglichen. Gestoßen sind sie auf »neue Formen der Hierarchien«, wie Helsper sie nennt. Vor allem in einigen Universitätsstädten mit hohem Akademikeranteil unter den Bewohnern sei das Gymnasium zur »neuen Hauptschule« geworden. Damit wachse »der Wunsch, sich auch innerhalb des Gymnasialsystems abzugrenzen«.

Insbesondere zwei Schultypen expandieren nach den Ergebnissen der Expertise: Schulen, die mit dem »International Baccalaureate« einen grenzübergreifend gültigen Abschluss anbieten, und spezielle Gymnasien für Hochbegabte, die häufig privatwirtschaftlich betrieben werden. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der zweisprachig unterrichtenden Schulen verdreifacht. Einst vor allem für Kinder aus binationalen Familien gedacht, gehören mittlerweile auch biodeutsche Familien zur Kernzielgruppe. Gebildete und wohlhabende Eltern hoffen, dass ihre Kinder durch die Bilingualität besser auf eine internationale Karriere vorbereitet werden. Die Hoffnung ist berechtigt, wie die Hallenser Studie feststellt: 90 Prozent der Absolventen dieses Schultyps studieren später im Ausland.

»Die internationalen Schulen stellen eindeutig eine Hierarchisierung dar«, betont Mitverfasser Heinz-Hermann Krüger. Der Besuch kostet mancherorts fünfstellige Eurobeträge pro Jahr und Kind. Andere Spezialangebote für besondere Begabungen, etwa Kunst-, Musik- oder Sportgymnasien, sind zwar teilweise preisgünstiger, an der einseitigen sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft ändert das aber nichts. »Arbeiterkinder fangen nicht mit vier Jahren an, Klarinette zu spielen«, erläutert Krüger, und selbst bei potenziellen Fußballtalenten habe sich der »Helmut Rahn-Mythos«, der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen wie beim legendären Weltmeister von 1954, weitgehend erledigt.

Für die Forscher hat eine verfehlte Bildungspolitik zu dieser Entwicklung beigetragen. So wurde in einigen Bundesländern das früher gültige Sprengelprinzip in der Primarstufe gelockert. Kinder müssen nicht mehr unbedingt in dem Stadtteil zur Grundschule gehen, in dem sie wohnen. Sind den Eltern dort zum Beispiel die vielen Ausländer ein Dorn im Auge, fahren sie den Nachwuchs einfach in ein weiter entfernt liegendes bürgerliches Wohngebiet. Studien-Koautor Krüger findet es vor diesem Hintergrund höchst problematisch, dass etwa »der Migrationsanteil Berliner Schulen online einsehbar ist«. Denn das sei eine »Antiwerbekampagne für bildungsnahe Eltern« und es verstärke die ohnehin schon bestehenden Ungleichgewichte bei den Zugangschancen.

Gymnasien mit schlechtem Ruf in unterprivilegierten Wohngebieten kümmern sich häufig gezielt um begabte Schüler mit Zuwanderungsgeschichte - schon deshalb, weil sie um jede Anmeldung kämpfen müssen. Der eigentlich positive Effekt, den sozialen Aufstieg der Migrantenkinder zu befördern, wirkt umgekehrt abschreckend auf manche Eltern aus bürgerlichen Kreisen, für die eine solche Schule dann erst recht nicht in Frage kommt. »So wird die Entmischung von oben nach unten weitergereicht«, analysiert Forscher Helsper: »Ganz am Ende der Kette stehen dann Haupt- und Gesamtschulen, wo sich alle Probleme ballen, die man sich in der Schule vorstellen kann.«

Die Untersuchung der Universität Halle empfiehlt, verfehlte Strukturentscheidungen wie die Auflösung des Sprengelprinzips zurückzunehmen. Die gar nicht mehr so heimliche Entmischung des Bildungssystems sollte jedenfalls nicht weiter gefördert werden. Besonders die gebührenpflichtigen Privatanbieter gehören stärker kontrolliert und reguliert, fordert seit langem auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Im Jahr 2000 gab es zum Beispiel in den neuen Bundesländern noch 667 staatliche Gymnasien, 2011 waren nach Schließungen und Zusammenlegungen lediglich 510 davon übrig. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der privaten Gymnasien von 49 auf 114. Das Ergebnis sind laut der aktuellen Studie »homogen zusammengestellte Schülerschaften«, die als Lockmittel dienen: Mit der Exklusivität werben die Schulen um Eltern, die sich genau dies für ihre Kinder wünschen. So schließt sich der Kreis der Segregation.

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