Werbung

Held der Arbeit

Horst Hrubesch soll als DFB-Alleskönner jetzt die Fußballerinnen zu Siegen führen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Zweifel haben Horst Hrubesch lange begleitet. »Das schaffst du nie« - sagte ihm sein Onkel 1975. Der lange Blonde war damals 24 Jahre alt und spielte beim SC Westtünnen in der Verbandsliga Fußball, als das Angebot des Erstligisten Rot-Weiß Essen kam. Hrubesch nahm es an. Und schaffte fast alles Erreichbare: drei Mal Deutscher Meister, Europapokalsieger der Landesmeister, Torschützenkönig in der Bundesliga, Europameister, Vizeweltmeister.

Als Trainer brauchte der in Hamm geborene Westfale etwas länger, um seine Kritiker zu überzeugen. Sein Glück fand er als Nachwuchscoach beim Deutschen Fußball-Bund. Zwei Europameistertitel und ein olympisches Finale bescherte er dem DFB.

Trotz aller Lorbeeren meldeten sich die Zweifler jetzt im März erneut zu Wort. Weil Horst Hrubesch nach der Entlassung von Bundestrainerin Steffi Jones zum Interimscoach der deutschen Fußballerinnen berufen wurde. Und weil dieser Sport mit Frauen eben etwas ganz anderes sei. »Das Spielfeld und die Tore sind genauso groß. Und Abseits gibt es auch.« Diese Antwort steht exemplarisch für die Denk- und Arbeitsweise des 66-Jährigen: bloß nicht alles verkomplizieren, auf das Wesentliche und Machbare konzentrieren.

Fußball mit Hrubesch kann so einfach sein: »Manni Banane, ich Kopf, Tor!« Mit Manfred »Manni« Kaltz als Flankengeber und Kopfballungeheuer Hrubesch erlebte der Hamburger SV seine beste Zeit. Den Sprung zum großen HSV trauten ihm auch nicht viele zu. Mit Rot-Weiß Essen war Hrubesch gerade abgestiegen. 1978 kam er als Zweitligatorschützenkönig an die Elbe, seine 42 Saisontreffer sind in der 2. Liga wohl ein Rekord für die Ewigkeit. Die Hamburger Mannschaft war schon eine mit vielen herausragenden Spielern, doch mit dem wuchtigen Mittelstürmer Hrubesch, so scheint es, kam das letzte Puzzleteil für den ganz großen Erfolg: Zwischen 1979 und 1983 gewann der HSV drei Meistertitel und siegte am 25. Mai 1983 im Finale des Landesmeistercups mit 1:0 gegen Juventus Turin.

»Ich will über den HSV von heute nicht mehr sprechen«, sagte Hrubesch jüngst. Weil sein ehemaliger Klub genau für das steht, was er am Fußball nicht mag: Hochmut, Größenwahn, Eitelkeiten.

Demut und Dankbarkeit wurden Horst Hrubesch schon früh vermittelt. Seine alleinerziehende Mutter musste hart arbeiten, um sich und alle fünf Kinder zu ernähren. Er selbst entschied sich auch für eine solide Lebensgrundlage. Nachdem er seine Ausbildung zum Fliesenleger wegen einer Zementallergie aufgeben musste, wurde er Dachdecker. Als ihm Rot-Weiß Essen 1975 seinen ersten Profivertrag angeboten hatte, fragte er seinen Arbeitgeber, ob er ihn wieder einstellen würde, wenn es mit dem großen Fußball nichts werden sollte. Erst nach dem »Ja« seines Chefs nahm er das Essener Angebot an.

Sein Leben mag Hrubesch. »Ich habe Glück gehabt. Ich bin gesund und munter, seit mehr als dreißig Jahren glücklich verheiratet und habe zwei gesunde Kinder.« Zwei Hunde hat er auch. Und einige Pferde. Mit seiner Frau Angelika lebt er auf einem eigenen Hof in der Lüneburger Heide und züchtet Edelbluthaflinger.

Dieses Leben habe er dem Fußball zu verdanken, weiß Hrubesch - und zahlt dankbar zurück. »Ich helfe in dieser Phase gern«, sagte er, als ihn der DFB bat, die Fußballerinnen zu übernehmen. Er half immer gern. Nach acht weniger erfolgreichen Trainerstationen, Anfang der 90er auch bei Hansa Rostock und Dynamo Dresden, kam er im Jahr 2000 als Assistent von Bundestrainer Erich Ribbeck zum DFB. Die Europameisterschaft wurde zur Blamage. Doch der Verband hielt Hrubesch, als Trainer verschiedener Nachwuchsmannschaften. 2008 holte er mit der U19 den EM-Titel. Ein Jahr später wiederholte er den Erfolg mit dem U21-Team. Und 2016 führte er ein DFB-Team erstmals nach 28 Jahren wieder zu Olympischen Spielen. Im Finale von Rio mussten sich seine Spieler erst im Elfmeterschießen den Brasilianern geschlagen geben. Seit Anfang 2017 ist er Sportdirektor - weil ihn der Verband wieder mal um Hilfe gebeten hatte.

Im Jahr 2009 vergab der DFB erstmals seinen Trainerpreis. Geehrt wurde Horst Hrubesch, weil er sich immer in den Dienst der Sache gestellt hat. Ein moderner Held der Arbeit.

Nun soll der Alleskönner die Frauen wieder zu Siegen führen - in zwei WM-Qualifikationsspielen, an diesem Sonnabend gegen die Tschechinnen und am Dienstag in Slowenien. Einen wie Hrubesch können die Fußballerinnen gut gebrauchen. Mit 136 Toren in 224 Bundesligaspielen hat er die zweitbeste Trefferquote nach Gerd Müller. Mit dem Toreschießen taten sich die Frauen unter Steffi Jones so schwer, dass das erstmalige Verpassen eines Turniers droht. Hrubesch ist optimistisch: »Ich habe einen guten Draht gefunden.« Aus elf Einzelspielerinnen will er wieder ein Team machen. Denn »Erfolg besteht aus 15 Prozent Talent und 85 Prozent harter Arbeit.« Und das Wichtigste ist »ein vernünftiges Miteinander«.

Nach diesen zwei Spielen soll endgültig Schluss sein, spätestens aber im September nach der entscheidenden Partie in Island. Dann hat er das, was er auch schon immer brauchte - Ruhe. Als Hrubesch 1980 auf seinem Höhepunkt die DFB-Elf im Finale mit zwei Toren zum EM-Titel geschossen hatte, genoss er nicht Ruhm und Ehre, sondern schrieb ein anerkanntes Standardwerk: »Dorschangeln vom Boot und an den Küsten.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln