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  • Berlin
  • Neutralitätsgesetz in Berlin

Gott ist nicht ungerecht

Ein muslimisches Plädoyer für das Berliner Neutralitätsgesetz

  • Von Emel Zeynelabidin
  • Lesedauer: 7 Min.

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In Deutschland können sich Frauen kleiden, wie sie wollen. Niemand darf eine Frau zwingen, ein Kopftuch zu tragen, und niemand darf eine Muslimin zwingen, es abzunehmen - dank dem Grundgesetz. Alle haben das Recht, einen Glauben zu leben oder nicht. Niemand ist in Gefahr, der Religionen hinterfragt oder ablehnt. Religionen sind veraltete Denk- und Verhaltenssysteme, die nicht mehr kritiklos hingenommen werden dürfen - auch das beinhaltet die Religionsfreiheit.

Besonders Kinder und Jugendliche brauchen wehrhafte Vorbilder, die sie zum Fragenstellen und Selberdenken ermutigen. Sie brauchen keine Erwachsenen, die in Gottes Namen Recht haben wollen. Das Berliner Neutralitätsgesetz schafft seit 2005 einen Schutzraum in den staatlichen Schulen, in denen der Bildungsauftrag ohne die demonstrative Zurschaustellung religiöser Zugehörigkeit erfüllt werden soll. Das Kopftuch muslimischer Frauen ist ein solches demonstratives Symbol.

Unvermeidlich hat diese Neutralität eine Schieflage, weil eben nur manche Religionsgemeinschaften solche Symbole verlangen. Diese müssen ihr Verhalten ändern, andere nicht. Dennoch wäre es fatal, wenn das Gesetz nun abgeschafft würde, was der Senat derzeit diskutiert. Staatliche Schulen dürfen aber keine Austragungsorte sein für gesellschaftliche Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft.

Gerade in Berlin gibt es sehr viele Schulkinder aus muslimischen Familien. Die demonstrative Zurschaustellung von Islam würde deshalb eine Polarität und Unverhältnismäßigkeit schaffen, die nicht zur »Normalität« werden darf.

Ich wende mich nicht gegen die persönliche Entscheidung von Frauen, ihre Glaubensvorstellungen privat zu leben. Ich diskutiere aber die berufliche Rolle von pädagogisch verantwortlichen Personen. Mit ihrem Outfit nehmen sie Einfluss auf die Identitätsbildung von Heranwachsenden aus den eigenen Reihen.

2003 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass einer Lehrerin die Einstellung in den staatlichen Schuldienst wegen ihrer Absicht, dort ein Kopftuch zu tragen, nur dann verwehrt werden kann, wenn ein Landesgesetz das regelt. Diese Entscheidung hat die »Kopftuchdebatte« auf alle sechzehn Bundesländer ausgedehnt. Geführt wird sie an den Bedürfnissen und Ängsten sowohl der Betroffenen als auch der Bevölkerung vorbei. Ausgrenzenden Haltungen in der Mehrheitsgesellschaft steht dabei die Beschwörung eines muslimischen »Wir« gegenüber, das sich viel zu sehr am Kopftuch festmacht.

Diese Frontstellung verhindert leider, dass »wir Muslime« uns untereinander ernsthafter mit Integration befassen, statt ständig »Islamfeindlichkeit« zu erkennen. Integration setzt auch voraus, dass jemand sich öffnet. Das Kopftuch hingegen ist eine symbolische Distanzierung und weist Frauen in selbstgemachte Grenzen.

Ich glaube heute an einen sozialen Islam, der Menschen nicht gleich, sondern frei machen will. Frei für Verantwortung im Glauben, frei für Selbsterkenntnis. Jedoch ist ein Islam der Vorschriften und Gesetze Frauen gegenüber weniger freundlich, es dominieren Kontrolle und Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit. Muhammed lehrte den Friedensgruß: Assalamu alaikum, »Friede sei auf dir«. Warum herrscht davon so wenig Frauen gegenüber, vor allem in vielen Gesellschaften, in denen Muslime leben? Muhammed setzte sich für Frauenrechte ein. Seine erste Gattin war eine Geschäftsfrau und auch ein Vorbild für ihn. Er sprach den Frauen seiner Stammesgesellschaft neue Freiheiten zu, nämlich das Recht auf Leben, Bildung und Eigentum. Was ist davon heute übrig?

Eine Verhüllung der gläubigen Frauen wird im Koran nur zweimal thematisiert - Sure 24, Verse 30 und 31 und Sure 33, Vers 59. Es klingt an, dass es hier um eine praktische »Hilfestellung« geht: Männer sollten nicht von weiblichen Reizen abgelenkt werden. Die Verhüllung sollte ihnen deutlich signalisieren, dass die Trägerin als Gläubige nicht belästigt werden darf.

Ist dies ein allgemeines Gebot, ein grundlegender Teil des Glaubensbekenntnisses? Oder nur eine in Raum und Zeit eingebettete praktische Regel aus einer zurückliegenden Gesellschaftsform? Ist es noch nötig, Frauen vor Männern so zu schützen und Männer vor sich selbst? Wäre diese Bekleidung noch im Sinne Muhammeds, wenn sie die Frauen im Gegenteil gefährdet?

Das Miteinander der Geschlechter wird heute nicht mehr von strengen Kleiderregeln bestimmt, sondern unterliegt Lernprozessen. Ist es nicht unverantwortlich, Menschen von heute im Namen Gottes zu Menschen von damals formen zu wollen?

Jüngst hat der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, das als Privatschule dem Neutralitätsgesetz nicht untersteht, eine Lehrerin mit Kopftuch eingestellt. So will er auch »gelungene Integration« vorführen. Das Kopftuch sei nur eine »Äußerlichkeit«, sagte er in einem Interview. Das ist keineswegs der Fall. Das Kopftuch verwächst so sehr mit der Trägerin, dass sich diese ohne es entblößt, bedroht und sündig fühlt. Ich selbst habe dreißig Jahre lang so gelebt. In dieser Lebenswelt voller religiöser Pflichten ist es schwer, an solchen Vorschriften zu zweifeln. Pflichtbewusstsein einerseits und die Herausforderungen der Realität andererseits beschwören innere Konflikte herauf. Deshalb ist es problematisch, generell von einer »freien Entscheidung« für das Kopftuch zu sprechen, obwohl es die in Einzelfällen gibt.

Aus Pflichtbewusstsein kann weder Freiwilligkeit noch Liebe entstehen. Glaube ist aber nur freiwillig echt und liebt das Leben. Religion lässt sich erlernen, Glaube will gefunden sein. Darüber hinaus erkenne ich keine Pflicht im Islam, sein Glaubensbekenntnis demonstrativ zu zeigen.

Vor 13 Jahren habe ich das Kopftuch abgelegt, langsam und vorsichtig, mit viel Recherche und Reflexion. Heute lebe ich ein verantwortungsbewussteres und angenehmeres Leben. Mit diesem Schritt sind für mich wichtige Erkenntnisse über mein Leben und meinen Glauben verbunden. Allein welche Freiheiten von Licht und Luft Männer haben und Frauen nicht - das ist ungerecht! Gott aber ist nicht ungerecht.

Eine Annäherung von Nichtmuslimen und Muslimen kann nur in Kommunikationen gelingen, in denen auch Frauen eine größere Rolle spielen - statt durch eine symbolische Distanz Vorurteile und Ängste zu provozieren. Es sollte analog zur Islamkonferenz endlich eine »Kopftuchkonferenz« geben, an der auch Psychologen und Ärzte mitwirken. Diese könnte diskutieren, wieso das Kopftuch so schwer abzulegen ist, wo es doch angeblich freiwillig getragen wird? Sie könnte abwägen, wie sich Vorschriften und Freiwilligkeit in der Religion verhalten. Sie sollte die Situation in Ländern diskutieren, die Frauen seit Jahrzehnten zur Heuchelei zwingen, obwohl der Islam davor ja warnt. Sie könnte erörtern, welcher Maßstab für Glauben für Musliminnen gilt, die sich kleiden, wie sie wollen.

Glaube ist nicht nur Religion, kein erstarrter Regelkodex. Er kann immer wieder neu bestimmt werden. Dann öffnet sich auch die Fundgrube an Kernbotschaften, Weisheit und Werten, die der Islam bereitstellt. Islam ist mehr als ein Regelwerk. Der Prophet war gegen Rechthaberei, Lügen, Heuchelei - und für Bildung, Kultivierung und ein Miteinander. Er lebte den Umgang mit »Amana« vor, mit dem »anvertrautem Gut«, das besonders achtsam zu behandeln ist. Wer diesen Wert verinnerlicht, lügt und betrügt nicht und schadet weder sich noch anderen. Das schafft Vertrauen und Gemeinschaft.

Geliehenes Geld kann Amana sein, ein anvertrautes Geheimnis, ein Kind, ein Ehepartner, ein Beschäftigter, die Schüler einer Lehrerin, von den Nachbarn geborgte Dinge. Wenn Schulkinder im Werkraum mit Geräten arbeiten, sind diese anvertrautes Gut. Unsere Umwelt ist Amana.

Der Prophet sah die Menschen als lernfähige Wesen, nicht als solche, die man in eiserne Regeln pressen muss. Würden mehr Muslime, zumal die Mächtigen, mit dem Bewusstsein von Amana leben, wäre die Welt heute friedlicher. All das kann auch ohne Neutralitätsgesetz diskutiert werden. Dieses hilft aber dabei, weil es einen Anlass bietet. Weil es das Kopftuch als Symbol eines Islams der Vorschriften und Gesetze nicht selbstverständlich werden lässt.

Nichtmuslime, die nicht Recht haben wollen, sondern nach Lösungen für eine aufgeklärte Menschengemeinschaft streben, müssen aufhören, im Namen der Religionsfreiheit »tolerant« zu schweigen. Muslime, die nicht Recht haben wollen, sondern nach Lösungen für eine aufgeklärte Menschengemeinschaft streben, müssen anfangen, den sozialen Islam des Propheten und auch die Rechte von Frauen als Amana für die Menschheit zu leben.

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