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Wie ein Hund binnen weniger Tage 220 000 Freunde findet

Nach der tödlichen Beißattacke in Hannover wird wieder über als gefährlich geltende Tieren debattiert - in Deutschland gibt es unterschiedliche Regelungen zur Haltung

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Ein Aufzug in Hannover, im Zentrum vor dem Ordnungsamt, erinnert makaber an Proteste von Todesstrafen-Gegnern vor dem Gefängnis im texanischen Huntsville, wenn dort die Hinrichtung eines Menschen ansteht. »Chico soll leben« steht auf Plakaten der nahezu 100 Demonstranten in Niedersachsens Hauptstadt. Chico (8) ist ein Hund. Man habe ihn zu Unrecht »zum Tode verurteilt« wettern Tierfreunde in sozialen Netzwerken, als die Stadtverwaltung bekannt gibt: Der Terrier wird eingeschläfert, nachdem er seinen 27-jährigen kranken Halter und dessen 57 Jahre alte und im Rollstuhl sitzende Mutter in der gemeinsamen Wohnung tot gebissen hat. Die Schuld an jenem Drama treffe nicht das Tier, es dürfe deshalb nicht getötet werden, fordert eine sich blitzschnell entwickelte Initiative »Lasst Chico leben«. Sie verfasst eine Petition im Internet, ein »Gnadengesuch« für den Hund - und über 220 000 Menschen schließen sich dem an. Unbekannte versuchen sogar nachts, den Mischling aus dem Tierheim zu befreien, in dem er untergebracht ist. Sie brechen dort ein, doch ihnen misslingt der Zugang zu Chicos Zwinger.

Offenbar hat all der Protest Erfolg: Das Tierheim schlägt nun vor, den Hund »in einer speziell gesicherten besonderen Einrichtung für auffällig gewordene Tiere unterzubringen«, heißt es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung. Sie will prüfen, ob diese Lösung»Gewähr dafür bieten kann, dass der Hund keinem Menschen mehr Schaden zufügt«.

Staffordshire-Terrier stehen in vielen Bundesländern auf einer Liste als gefährlich geltender Hunde. Auch Pitbull, Bullterrier, Mastino und Mastiff sind dort genannt. In fünf Ländern, zum Beispiel in Bayern, zählt auch der Rottweiler zu den Gefahrhunden, und allein in Brandenburg fällt der Dobermann in diese Kategorie.

Die Konsequenzen, die ein »Listenplatz« für Hund und Halter mit sich bringt, ähneln sich von Land zu Land. Sie reichen vom Maulkorbzwang über »Wesenstest« für das Tier, Kontrollen und Genehmigungspflicht zur Haltung des Hundes bis zum Zuchtverbot. Selbst Rassen, die nicht in solchen Listen aufgeführt sind, können je nach Einzelfall als »gefährlich« eingestuft werden. In Bremen beispielsweise dann, wenn bei Hunden »mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass sie Menschen oder Tiere beißen« - oder das bereits getan haben. Ähnlich formuliert es Schleswig-Holstein. Dort gibt es gar keine Gefahrhund-Liste. Für gefährlich kann dort ein Hund bereits erklärt werden, wenn er Menschen »in gefahrdrohender Weise angesprungen hat«.

Auch Niedersachsen hat keine Gefahrhund-Liste. Abgelehnt hatte sie die politische Ebene mit dem Hinweis, dass die Verantwortung für das Verhalten des Tieres bei dessen Halter liege. Er habe »durch Erziehung und Ausbildung maßgeblichen Einfluss auf Art, Häufigkeit und Schwere eines Zwischenfalls mit Hunden«.

Die Einstufung eines Hundes als gefährlich, anknüpfend an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, ist in Fachkreisen umstritten. Allerdings müssen Niedersachsens Hundehalter, die ihr Tier nach dem 1. Juli 2011 angeschafft haben, seit Mitte 2013 einen »Sachkundenachweis« erbringen. Er soll belegen, dass der Besitzer seinen Vierbeiner beherrscht. Das gilt für alle Rassen - vom Malteserhündchen bis zur Dogge.

Der Einfluss des Menschen auf den Hund wird durch eine Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover bestätigt. Die Wissenschaftler widmeten sich dabei unter anderem Pitbulls, Staffordshire-Terriern sowie Rottweilern und stellten fest: Die Sachkunde der Halter trage entscheidend dazu bei, die Wahrscheinlichkeit des Beißens zu minimieren.

Chico war, das deuten Erkenntnisse zu seiner Haltung an, offenbar nicht in sachkundiger Hand. Seine Stammrasse zählt übrigens nicht zu den Hunden, die sich als besonders beißfreudig zeigen. Die entsprechende Statistik führt klar der Deutsche Schäferhund an, nebst seinen Mischlingen.

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