Der falsche Mann

Volksbühne-Intendant Dercon zurückgetreten

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

Am Donnerstag gab es noch einmal so etwas wie eine Premiere an Chris Dercons Volksbühne. Unter dem Titel »What if Women Ruled The World?« (Was wäre, wenn Frauen die Welt regierten?) initiierte Yael Bartana eine Frauenrunde zu Abrüstungsfragen. Schauspielerinnen saßen im »Situation Room« neben Politikerinnen und debattierten im hingenuschelten Konferenz-Englisch den vorbereiteten Text, dass es für die Welt fünf Minuten vor zwölf sei. War es die zweite oder dritte Spielzeitpremiere in dem apathisch daliegenden Haus?

Ab Freitagmorgen, nach einem Gespräch mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer, war es für Dercon dann bereits fünf nach zwölf, er hatte seinen Rücktritt erklärt. Endlich!, so werden viele, die ihn von Anfang an für eine Fehlbesetzung gehalten hatten, nun ausrufen. Im April 2015 hatten der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner (ein Konzertveranstalter) und Berlins Regierender Bürgermeister Müller einen Nachfolger für Frank Castorf präsentiert. Castorf, der auf dem Gipfel seines Erfolgs gar nicht die Absicht hatte zu gehen, erinnert sich, dass sich die beiden Kommunalpolitiker ihm gegenüber aufführten, als hätten sie »gerade einen neuen Picasso entdeckt«.

Der »Picasso« war Chris Dercon, Kurator der Tate Gallery of Modern Art in London. Klang gut und teuer. Er sollte ab 2017 die lautstarke Trutzburg, das ewige Schmuddelkind vom Rosa-Luxemburg-Platz, das sich ein Räuberrad vor den Eingang gestellt und in großen Lettern ein »Ost« vor den Namen Volksbühne geschrieben hatte, auf Weltniveau heben. Die neoliberale Partystadt sollte ohne störend authentische Geschichtspartikel im globalen Getriebe auf Hochtouren kommen. Weg mit dem Ensembletheater, Performance kann man überall auf der Welt einkaufen! Kann man, aber so ist es nun mal: Kunst einkaufen ist etwas anderes, als diese, an dem Ort, an dem sie gezeigt werden soll, auch zu produzieren.
So zog der alte Volksbühnengeist aus, aber zog auch ein neuer ein? Das neue globale Jetset-Volk spricht bekanntlich englisch – aber kommt es auch in die Volksbühne? Die einzige halbwegs passable Inszenierung dieser jämmerlichen Spielzeit, Susanne Kennedys »Women in Trouble«, kam ebenfalls auf Englisch heraus, mit deutschen Übertiteln. Wie plump, wie vordergründig man hier »Erneuerung« betrieb! Nein, Chris Dercon muss einem nicht leid tun, wenn er jetzt – dem anstehenden Rauswurf zuvorkommend – von selbst geht. Mit dem von ihm in kurzer Zeit produzierten Schuldenberg (denn der Rückgang der Zuschauerzahlen ist dramatisch) wird sich nun sein kommissarischer Nachfolger und neuer geschäftsführender Direktor Klaus Dörr beschäftigen müssen.

In der Art, wie Dercon sich an der Volksbühne präsentierte, wie er mit seinen Kritikern umsprang, war jene Arroganz spürbar, wie sie Leute an den Tag legen, denen man sagt, sie sollen irgendwo mal richtig ausmisten. Stichwort Ostalgie!

Solche Leute wie Dercon kamen 1990 massenhaft aus dem Westen in den Osten. Sie sollten Machtpositionen besetzen, denn man fürchtete sich sehr vor Ost-Seilschaften. In kurzer Zeit war der Osten kulturell und geistig völlig entwurzelt. Die Neuen interessierten sich nicht für das, was davor gewesen war, jetzt kamen sie, und mit ihnen die neuen Zeiten – ebenso rücksichtslos wie phrasenreich-oberflächlich. Dercon war hoffentlich der Letzte in dieser Reihe.

Aber wie nun weiter? Klaus Dörr ist ein umsichtiger Geschäftsführer, einer, der die Berliner Theater kennt. Mit Armin Petras leitete er lange das Maxim-Gorki-Theater und kommt nun aus Stuttgart, wo Petras noch bis zum Ende dieser Spielzeit Intendant ist. Danach ist er frei. Es wäre jedoch verfehlt, Namen von geeigneten Nachfolgern zu nennen, die dann im Express-Tempo medial verbrannt werden. Darum hier nur so viel: Es sollte jemand sein, der ein Theaterpraktiker ist, der Berlin kennt und eine Ost-West-Biografie besitzt.

Die Volksbühne ist nun ein großer Scherbenhaufen. Castorf inszeniert am Berliner Ensemble, Herbert Fritsch an der Schaubühne. Acht der hausprägenden Schauspieler sind weg, Ende letzten Jahres kündigte auch noch Sophie Rois. Sie fragte im Weggang, wie seriös oder unseriös es denn sei, »einen Menschen als Theaterdirektor zu installieren, der ja nicht nur Verantwortung für sein eigenes Seelenheil hat, sondern auch für 250 Mitarbeiter und ein Riesenpublikum, und der nicht weiß, was eine Requisite ist – und das unterstelle ich ihm nicht, das hat er selbst gesagt«.

Nun stehen alle Beteiligten vor der paradoxen Situation, dass die Volksbühne in wenigen Monaten künstlerisch zu Boden geschlagen wurde, aber Castorfs »Faust« aus der vergangenen Spielzeit Anfang Mai das Theatertreffen eröffnet – im Haus der Berliner Festspiele, der vormaligen Freien Volksbühne/West. Da lohnt es sich, einmal grundsätzlich über den Volksbühnencharakter im 21. Jahrhundert nachzudenken – im Geiste Piscators, Bessons und Castorfs! Wer macht für wen auf welche Weise Theater?

Castorf, den man gern auf die postsozialistischen Tortenschlachten der 90er Jahre reduziert, als er – im Sinne Heiner Müllers – eine ganz eigene, sehr fröhliche DDR-Beerdigungskultur etablierte, hat sich nach 2000 zu einem Brückenbauer zwischen Paris und Moskau profiliert. Zu einem ebenso subtilen wie brachialen Stückdeuter von Balzac bis Dostojewski. Sein Begriff des Ostens war dabei immer ein forciert europäischer! Für ihn zählte Russland ganz selbstverständlich zum eigenen Erfahrungsraum, dessen Deutungshoheit er verteidigte, bis man sie ihm kulturbürokratisch genervt aus der Hand schlug. Aber es ist doch so: Von Scholochows »Der stille Don« bis Bulgakows »Der Meister und Margarita«, von Aitmatows »Der Tag zieht den Jahrhundertweg« bis Granins »Der Platz für das Denkmal« – in der DDR las man diese Bücher anders. Warum? Weil man hier – seelisch wie alltagspraktisch – diesem Teil Europas viel näher stand als in Köln oder München. Was viele im westlichen Kulturmainstream lange Zeit mit Argwohn beobachteten, haben die Klügeren unter ihnen längst als Chance entdeckt. Darum lädt man Castorf auch so gern als Regisseur nach München oder Hamburg ein, während man ihm in Berlin sein eigenes Produktionshaus raubte.

Die Ostdeutschen kennen den Osten Europas nun mal besser, weil sie – nicht freiwillig, sondern als Folge des Zweiten Weltkrieges – dessen Teil waren. Das als einen gesamtdeutschen Erfahrungsreichtum zu begreifen, wäre es doch irgendwann einmal an der Zeit! Nun aber geht es erst einmal darum, die in vorhersehbar kurzer Zeit – auftragsgemäß, wie böse Zungen behaupten – zerstörte Castorf’sche Volksbühne wieder als Ensembletheater aufzubauen und nicht etwa mit der Immobilie einen faulen Handel zu betreiben.

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