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Fit für den Crash

Ein Besuch auf der Überlebens-Messe in Paris: Theorie, Tipps und Technik.

  • Von Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 7 Min.

Wer bombensichere Bunker für den eigenen Garten gesucht hatte, wurde enttäuscht. Auch Anleitungen oder Ausrüstungen, um sich und seine Familie bei einem größeren Atomkraftwerksunfall wie 2011 in Fukushima wirksam zu schützen, gab es nicht. Billige und »saubere« Atomkraft wird von den meisten Franzosen nicht in Frage gestellt und entsprechend werden die damit verbundenen Risiken verdrängt. Die Überlebens-Messe, die Ende März in Paris stattfand und die die erste Veranstaltung ihrer Art in Europa war, hatte sich näherliegende pragmatische Ziele gesetzt.

Dass die Anregung aus den USA kam, räumt Clément Champault, einer der Organisatoren, ein. »Doch während dort mögliche Katastrophen fantasiereich an die Wand gemalt und Ängste geschürt werden, um möglichst viel Geld damit zu machen, geht es uns darum, realistisch auf aktuelle Herausforderungen wie Klimawandel, Wassermangel, Ressourcenverschwendung, Energiewandel oder alternative Rohstoff- und Nahrungsmittelversorgung zu reagieren.« Darum hat man die Messe wohl auch mit dem zuversichtlichen Untertitel »Autonomie und Nachhaltige Entwicklung« versehen. Natürlich wurden hier auch Notstromgeneratoren, Kettensägen, Taschenlampen jeder Form und Größe oder Radios mit Kurbelantrieb angeboten, die nützlich sein können, wenn einmal durch starke Regenfälle und Hochwasser Straßen und Häuser überflutet oder Bäume entwurzelt werden und die Stromversorgung zusammenbricht.

Um das eigene Haus von der naturgemäß anfälligen öffentlichen Energieversorgung unabhängig zu machen, wurden Sonnen- und Windenergieanlagen vorgestellt, die man selbst montieren und installieren kann, und Kamine oder Öfen zum Heizen mit Holz. Für das Leben und Überleben in der Natur gab es unterschiedlich große und teure Verbandszeug- und Medikamenten-Sets, ferner jede Art von Trockennahrungskonzentrat sowie Tabletten oder Filter, um trübe Gewässer in gesundheitlich unbedenkliches Trinkwasser zu verwandeln. An einem Stand wurden die Besucher aufgefordert, Wasser aus vier verschiedenen Hähnen zu verkosten und auf einem Formular anzukreuzen, welches ihnen am besten geschmeckt hat. »Das wird uns bei der Perfektionierung unserer Wasserreinigungsanlagen helfen«, erläuterte der Aussteller auf dem Formular, das zur späteren Verlosung von möglichen Gewinnern in eine Tombola zu werfen war.

Feuerwaffen waren auf dieser Messe tabu, doch es wurden Messer jeder Art und Größe angeboten. Man konnte auch Pfeil und Bogen ausprobieren, die nach moderner Technologie aus Verbundwerkstoff geformt sind und die »bei der Pirsch im Wald keinen Vergleich mit Jagdgewehren scheuen müssen«, wie der Vertreter der Herstellerfirma versicherte. An anderen Ständen wurden Kleidung, Schuhe, Rucksäcke, Zelte und Schlafsäcke präsentiert, die fürs Wandern oder Bergsteigen entwickelt wurden und die man so auch auf jeder Campingmesse hätte finden können, die hier aber eher als Ausrüstungen für ein Art Abenteuerurlaub gedacht waren. Denn den Kern der Messeaussteller bildeten Anbieter von »Überlebenstrainings«.

Solche Kurse zu Preisen zwischen 60 und 150 Euro pro Kopf und Tag finden an einem Wochenende oder bis zu zwei Wochen lang in den französischen Mittelgebirgen oder in den Pyrenäen und in den Alpen statt. Es gibt auch Trainingslager in den tropischen Wäldern Südostasiens oder Lateinamerikas, doch die sind natürlich strapaziöser und wesentlich teurer. Die Veranstalter und Instrukteure sind meist ehemalige Fallschirmjäger, Fremdenlegionäre oder Alpenjäger. Jean-Noel Oger ist einer von ihnen. Er kommt aus dem Elsass, wo er in den Wäldern der Vogesen Kurse unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veranstaltet oder auch »Motivations- und Kooperationstraining« für die Mitarbeiter ganzer Abteilungen von Unternehmen. »Wir machen Hindernisklettern und Wandern nach Karte und Kompass oder nach den Sternen«, berichtet er. Nachts wird in Zelten oder in selbst angelegten Erdlöchern unter einer Decke aus Zweigen geschlafen.

Die Teilnehmer ernähren sich von Pflanzen, Beeren und Pilzen, die sie zu erkennen lernen, ebenso wie den Bau von Fallen oder das Feuermachen mit einem Feuerstein und die Suche nach einer Quelle. »Wir trainieren einfache Selbstverteidigungsmethoden und für den Fall von Verletzungen wird elementare Erste Hilfe mit Zweigen als Schiene und die Anwendung von Heilpflanzen geübt.« Jean-Noel Oger gibt zu, dass er gelegentlich sogar zeigt, wie man Wild mit Pfeil und Bogen jagen kann, »selbst auf das Risiko hin, dass ich erwischt werde und fürs Wildern 130 Euro Strafe zahlen muss«.

Arthur Keller ist einer der Besucher der Messe und will sich über das Angebot informieren. Er ist Ingenieur und gehört dem Netzwerk Adrastia an, dessen Mitglieder überzeugt sind, dass die Menschheit den Höhepunkt ihrer Entwicklung und Möglichkeiten überschritten hat und dass es jetzt nur noch darum gehen kann, durch alternatives Leben den unabwendbaren Abstieg abzubremsen, um das Ende der Menschheit noch möglichst lange hinauszuzögern.

»Das Klima, das immer mehr aus den Fugen gerät, oder die schwindende Artenvielfalt sollten den Menschen eigentlich zu denken geben«, meint er. Gerade erst haben französische Wissenschaftler nachgewiesen, dass sich wahrscheinlich durch den massiven Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft die Zahl der Vögel in den letzen 15 Jahren um ein Drittel verringert hat. »Aus Profitgier wird die Natur zugrunde gerichtet«, sagt Keller. »Um diesem Prozess entgegenzusteuern, sollte jeder einzelne Mensch bewusster, sparsamer und vor allem ressourcenärmer leben.« Aber die oft gepriesene »individuelle Autonomie« sei ein Trugbild, ist er überzeugt. »Zum Überleben in einer feindlichen Umwelt gehört außer Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit vor allem gegenseitige Hilfe und Solidarität. Egoismus und Darwinismus ist da völlig fehl am Platz.«

Besucher David Manise ist der Meinung, die wahren Gefahren seien nicht Naturkatastrophen oder Industrieunfälle, sondern »dass die Menschen nicht mehr zusammenhalten, wenn sich eine Gefahrensituation ergibt«. Aber er ist zuversichtlich, dass sie sich dann richtig entscheiden. »Auch wenn man noch so gut auf die verschiedensten Gefahren vorbereitet ist, so ist der Mensch doch nicht dafür geschaffen, allein für sich zu leben und zu überleben.«

Christelle kommt aus den Ardennen, wo sie am Waldrand in einem kleinen Haus mit ihren zwei Kindern lebt und sich weitgehend von Gemüse aus dem eigenen Garten ernährt. Nach den Erfahrungen mit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise befürchtet sie, dass ein totaler Zusammenbruch der Wirtschaft jederzeit eintreten kann. »So richtig gerüstet bin ich dafür noch nicht, aber immerhin habe ich für sechs Monate Vorräte an Mehl, Zucker, Nudeln, Reis, Konserven, Kerzen, Streichhölzern und Toilettenpapier angelegt. Das verbrauche und erneuere ich regelmäßig. Ich habe natürlich Strom- und Wasseranschluss, aber für den Fall, dass der ausfällt, habe ich ein paar Gasflaschen in Reserve und ich weiß, wo die nächstgelegene Quelle ist.«

Der 28-jährige Guillaume kommt aus der Bretagne, ist Fleischer und seine Frau erwartet ihr erstes Kind. »Ich glaube nicht an die Apokalypse, aber wir sind tagtäglich Risiken ausgesetzt und müssen uns entsprechend wappnen«, meint er. »Wir sollten weitgehend unabhängig von äußerer Hilfe oder gar vom Staat sein. Survivalismus ist letztlich eine Sache des gesunden Menschenverstands. Ich bin überzeugt, dass man sich so weit wie möglich autonom machen sollte durch eigene Energieerzeugung, aufgefangenes und gefiltertes Regenwasser, Obst- und Gemüseanbau sowie Hühner und Kaninchen für Eier und Fleisch.«

Stark besucht waren die Vorträge am Rande der Messe, auf denen in Wort und Bild erklärt wurde, wie man sich mit Heilpflanzen selbst kurieren kann oder welche Pflanzen und Pilze essbar sind und wie man sie schmackhaft zubereitet. Besonderen Andrang gab es beim Vortrag des international bekannten Schweizer Überlebens-Theoretikers Piero San Giorgio, von dessen 2011 erschienenem Buch »Survivre l’effondrement de l’économie« (Den Zusammenbruch der Wirtschaft überleben) in Frankreich mehrere zehntausend Exemplare verkauft wurden. Er ist überzeugt, dass bis spätestens 2025 der energetische, ökologische, finanzielle, politische, wirtschaftliche und soziale Kollaps einsetzt und zu einem »verbreiteten bürgerkriegsähnlichen Zustand« führen wird.

Chancen auf ein befristetes Überleben hätten nur diejenigen, die sich in »ländliche Zonen mit Selbstversorgungswirtschaft« zurückziehen können. Der Redner bekommt viel Beifall. Allerdings hat er hier nicht seine Thesen vom »Überfremdungsdruck« durch massenhaft nach Europa vordringende ausländische Flüchtlinge wiederholt, wie er sie im Internet propagiert. Messedirektor Clément Champault räumt ein, dass Piero San Giorgio »umstritten« ist. »Aber er ist ein Bestseller-Autor und stellt eine Referenz in der internationalen Survival-Szene dar«, rechtfertigt er die Einladung des 47-Jährigen. »Wir sind unpolitisch«, versichert Champault noch, aber es ist ihm anzusehen, dass er das selbst nicht für sehr überzeugend hält. Schließlich sind mit Piero San Giorgio rechtsextreme »Survivalisten« auf die Pariser Messe gekommen, die doch so positiv, humanistisch und relativ zuversichtlich gedacht war.

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