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Wegen Öl- und Gaskavernen sinkt Etzel in Niedersachsen jährlich um bis zu sechs Zentimeter

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Wieder mal eine Hiobsbotschaft für die gut 800 Bürgerinnen und Bürger im ostfriesischen Etzel: Bis zu sechs Zentimeter jährlich kann der Boden unter ihren Grundstücken sacken, weil darunter zahlreiche Kavernen liegen, teils 1000 Meter tiefe Hohlräume zum Speichern von Gas und Öl. Noch 2016 lautete die offizielle Nachricht, gestützt auf Untersuchungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften, etwa zwei Zentimeter sinke der Ort pro Jahr, in 100 Jahren um rund 2,48 Meter.

Nun aber hat die örtliche Bürgerinitiative »Lebensqualität« aus dem Niedersächsischen Wirtschaftsministerium ein beängstigendes Schreiben bekommen. Dem zufolge könnte Etzel bis zum Jahr 2118 um sechs Meter tiefer liegen als jetzt. Die düstere Prognose stützt sich auf Erkenntnisse des Landesbergamtes. Und bereits vor zwei Jahren hatten die Kavernenkritiker der Bürgerinitiative ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben, und schon das besagte: Es sei mit dem Sinken des Bodens um bis zu fünf Zentimeter pro Jahr zu rechnen.

Die Etzeler kommen aus den Sorgen um die Kavernen offenbar nicht heraus. Die ersten waren 1970 im Salzstock unter dem Ort und seiner Umgegend angelegt worden; zur Zeit der Ölkrise, Reserven sollten gebunkert werden. Derzeit ruhen in 23 jener Speicher gut zehn Millionen Kubikmeter Rohöl, weitere 29 Kavernen sind mit Erdgas gefüllt. Es ist eine der größten Lagerstätten dieser Art in Europa. Ihrem Betreiber, der Storag Etzel GmbH, hat das Bergamt insgesamt 99 Kavernen genehmigt. Das Unternehmen wollte die Kapazität auf 144 Speicher ausdehnen, das aber hatte der damalige Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) Mitte 2017 abgelehnt.

Aufmerksamkeit über Niedersachsen hinaus erregt hatte der kleine Ort, als im November 2013 oberhalb der Kavernen aus der Speicheranlage 40 000 Liter Rohöl austraten und Gewässer im Umkreis von rund sechs Kilometern verschmutzten. Einsatzkräfte mussten auf Flüssen Hochsee-Ölsperren errichten, die schädliche Substanz absaugen und entsorgen. Zahlreiche Vögel verendeten durch das Öl, und auch Fische könnten es aufnehmen, wurde befürchtet, und so gab es vorübergehend ein Angelverbot.

Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet, sie leitete sowohl gegen Unbekannt als auch gegen die Kavernenbetreiber Strafverfahren ein. Anfang August 2015 wurden die Ermittlungen abgeschlossen, ihr Ergebnis: Das Öl war aus einem geöffneten Hahn ausgelaufen, von wem, wann und unter welchen Umständen er aufgedreht worden war, ließ sich nicht klären. »Es kann weder ein vorsätzliches noch ein fahrlässiges Handeln ausgeschlossen werden«, konstatierte die Anklagebehörde. Einem führenden Mitarbeiter des Kavernenbetreibers jedoch seien »Versäumnisse bei der Kontrolle und Überwachung der Anlage« anzulasten. Er blieb dennoch unbestraft, musste aber zur Sühne für seine Unaufmerksamkeit 40 000 Euro an gemeinnützige Organisationen zahlen.

Sorge bereitet den Menschen in Etzel auch die Nähe der »Kavernenköpfe« - technische Einrichtungen am oberen Ende der Lager - zu den Häusern. Was könnte geschehen, wenn ein solches Teil durch einen Zwischenfall abreißt, Gas ungehindert austritt, sich mit Luft zu einem explosiven Gemisch verbindet und entzündet? Um die Bewohner vor den Auswirkungen eines solchen Geschehens zu schützen, müsse zwischen Kavernenkopf und Hausgrundstück ein Mindestabstand von 500 Metern vorgeschrieben werden, betont die Bürgerinitiative. Die Betreiber halten 100 Meter Distanz für ausreichend.

Mit Sorge betrachtet hatten die Menschen in Etzel auch im Januar die Auswirkungen starker Regenfälle auf das Kavernengelände. Eine der Verteileranlagen dort hatte unter Wasser gestanden; die Befürchtung: Im Falle eines Ölaustritts könnte es auf diesem Wege wieder zu einer erheblichen Umweltbelastung kommen. Der Betreiber will sich mit dieser Problematik befassen, hieß es.

Beschwichtigend gab sich die Storag Etzel GmbH auch mit Blick auf die jüngst prognostizierte stärkere Senkung des Erdbodens. Für das Unternehmen ist die vor zwei Jahren getroffene Aussage der Bundesanstalt für Geowissenschaften - in 100 Jahren 2,48 Meter - maßgeblich. Mit Schäden werde nicht gerechnet, und sollten sie doch eintreten, so werde sie Storag bezahlen, zitiert der NDR einen Firmensprecher.

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