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Krautrock lebt!

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass ich ab und zu in den heimischen vier Wänden Saxophon spiele, stört nur den trendig-bärtigen Mieter unter mir, vor allem wochentags gegen 17 Uhr. Er klopft nach alter Schule mehrmals gegen die Zimmerdecke, ich fabriziere einen besonders schrillen Ton, stampfe einmal mit dem Fuß auf und spiele etwas gehemmt weiter. Am liebsten würde ich diesen Hilfshipster um die 30, der bei den zufälligen Begegnungen im Treppenhaus vor mir wegzurennen scheint, gegen die Klavierspielerin um die 40 auswechseln, die vor ihm hier wohnte.

Immerhin gibt es jeden Tag irgendwo in Berlin eine Session, vor allem an Werktagen. Diese öffentlichen Proben ziehen kaum Publikum, sie mildern den Mangel an Übungsräumen, finde ich. Für die Kneipenbetreiber kommt bei einer Session wohl nicht viel herum, richtiges Geld wird an den Wochenenden mit eingespielten Musikern verdient.

Auch deshalb ist es schade, dass im Laufe dieses Sommers im Weddinger Sprengelkiez der fröhliche Ernst und seine tapferen Mitstreiter ihr Lokal »Nachtschwärmer« schließen werden. Dort finden die Sessions noch an den Freitagen und Sonnabenden statt. Ernst wird sich aufs Altenteil zurückziehen, der Vermieter möchte kein weiteres Lokal im Haus. Hier sind die Sessions gut besucht, man kommt schnell mit allerlei Leuten ins Gespräch, weit und breit ist keine Laptopleiche zu sehen.

Mein traditioneller Session-Bruder David und ich fühlen sich so angenehm in die Neunziger zurückgeschossen. Hier hält kein Reisebus, um eine Kohorte Knipser aus- und wieder einzuladen. Stattdessen kommt es vor, dass aus einem Pkw vier junge Frauen aussteigen, jeweils mit blonden Rastazöpfen und einem Alt-Saxophon unter dem Arm. Auf der nahezu überbevölkerten Bühne herrscht ein Kommen und Gehen, man musiziert mit oder trinkt nur sein Pausenbier auf den Brettern der Bläser und Zupfer. Und auch wenn die internationalen Protagonisten eigentlich verschiedene Genres bevorzugen dürften, so kommt erstaunlich oft ein dufter Krautrock heraus, zu dem eine Sängerin lautmalerisch ihre Stimmbänder strapaziert. Der »Nachtschwärmer« und andere Kneipen sind auf der Webseite berlinersessions.de aufgeführt. Meistens ist der Eintritt frei, eventuell geht der Hut herum.

Seit etwa einem halben Jahr findet an jedem ersten Mittwoch im Monat eine Session im neuen Domizil der KvU statt, jawoll, der Kirche von Unten, und zwar am unscheinbaren Ende vom Prenzlauer Berg, in der Storkower Straße 119. Der olle Punkrockschuppen ist für mich der naheliegendste öffentliche Proberaum, bei dem kein Nachbar klopft. Viele Gäste treiben sich hier nicht herum, und die meisten kommen eher wegen des benachbarten Kraftraums und wegen der Volksküche. Auch gut.

Meine allerliebste Session war mir die in Oranienburg, die mangels mutiger Mitstreiter ausfiel, worauf ich kurzerhand in den Auftritt der Punkband Mona Reloaded integriert wurde.

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