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Erzieher müssen 500 Euro mehr verdienen

Bildungsgewerkschaft GEW fordert vom Senat politischen Aktionsplan gegen Kita-Platz- und Fachkräftemangel

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 5 Min.

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Seit fast eineinhalb Jahren regiert Rot-Rot-Grün Berlin. Wie bewertet die GEW die bisherige Arbeit des Senats?

Tom Erdmann: Die rot-rot-grüne Regierungskoalition hat Bildung zu einem Schwerpunktthema ihrer Legislatur gemacht. Das war in Berlin in der Vergangenheit keineswegs selbstverständlich. Dass Bildung als eines der ersten Kapitel im Koalitionsvertrag steht, zeigt deutlich, dass die Regierung es ernst meint und das Thema Priorität hat.

Doreen Siebernik: Dieser Senat benennt anders als seine Vorgänger klipp und klar die Probleme in der Bildungspolitik: Der enorme Sanierungsstau bei den Schulen, der eklatante Mangel an Lehrern und Erziehern sowie das Fehlen von Kitaplätzen, um nur die dicksten Bretter zu benennen. Alle diese Baustellen wurden erkannt und sollen angegangen werden. Ich habe das Gefühl, dass die drei Koalitionsparteien an einem Strang ziehen, wenn es um Bildungsfragen geht. Nach der Fehleranalyse geht es jetzt aber darum, Taten folgen zu lassen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) findet, dass sie einiges auf den Weg gebracht hat. Sie verweist auf die beschlossene tarifliche Höhergruppierung der Grundschullehrer sowie auf die Schulbau-Offensive, die immer mehr vorankomme. Lassen Sie Scheeres diese Erfolge?

Doreen Siebernik: Es ist vermessen, wenn sich Frau Scheeres 2018 hinstellt und die Bezahlung der Grundschullehrer nach Tarifstufe E13/A13 als ihren alleinigen Erfolg verkauft. Wir als GEW sind seit Jahren unter dem Motto »Gleiches Geld für gleiche Arbeit« auf die Straßen gegangen. Die Bildungssenatorin hat stets abgewunken und ist 2013 sogar juristisch gegen streikende Lehrer vorgegangen. Natürlich ist die beschlossene Höhergruppierung ein Erfolg für die Kollegen, aber eben einer, zu dem wir die Senatorin erfolgreich hingetragen haben.

Tom Erdmann: Beim Schulbau sieht es ja nicht anders aus. Unter SPD-Beteiligung haben vorherige Regierungen gespart, bis es quietscht. Das Schlamassel zeigt sich an bröckelnden Schulbauten. Dass jetzt endlich Geld für Sanierung und Neubau in die Hand genommen wird, war höchste Zeit.

Bei Eltern sorgt derzeit die Situation an den Kitas für Kopfzerbrechen. Rund 3000 Kita-Plätze fehlen, der Mangel an Erziehern trifft immer mehr Familien. Scheeres will mit einer bundespolitischen Initiative für höhere Löhne und bessere Ausbildungsbedingungen mehr Menschen für den Erzieherberuf begeistern. Wird das die Lage nachhaltig verbessern?

Tom Erdmann: Ankündigungen verbessern grundsätzlich gar nichts. Der aktuelle Mangel an Kitaplätzen und Erziehern ist Resultat eines lange verschleppten Problems. Seit 2011 weisen wir auf den gestiegenen Bedarf hin. Aber erst seit 2017 spricht auch Frau Scheeres von einem Fachkräftemangel. Bis dato hatte sie die Dramatik der Lage stets geleugnet. Die Ausbildung von Erziehern zu verbessern, ist richtig, wird aber die Platzsituation an den Kitas alleine nicht verbessern. Denn nicht alle Erzieher wollen an die Kita. Es gibt auch interessante Jobs in der freien Jugendhilfe oder an Ganztagsschulen.

Doreen Siebernik: Die Ausbildung neuer Erzieher braucht Zeit. Was wir jetzt aber brauchen, sind Sofortmaßnahmen. Berlin muss seine Erzieher besser bezahlen und Berufserfahrung besser anerkennen! Das geht niedrigschwellig und unabhängig vom Bund. Durch Zulagen könnten die Gehälter schnell angehoben werden. Grundschullehrer verdienen demnächst 500 Euro mehr - das muss mindestens auch für Erzieher gelten. Das ist fair. Zudem muss der Senat per Gesetz die Tarifflucht bei den freien Kita-Trägern bekämpfen.

Unabhängig von ihrer umtriebigen Art und ihren politischen Vorstößen: Scheeres gilt Umfragen zufolge als unbeliebtestes Senatsmitglied. Was macht die Senatorin falsch?

Doreen Siebernik: Bildungspolitik ist wie Fußball. Jeder sieht sich als Experte, weil schließlich jeder auch mal zur Schule gegangen ist. Jeder will mitreden, viele meinen, sie wüssten es besser. Bildungssenatorin zu sein, ist sicher keine leichte Aufgabe. Nichtsdestotrotz muss sich Frau Scheeres auch an die eigene Nase fassen. Das Kleinreden von Problemen und das zögerliche Agieren trägt nicht gerade zur Beliebtheit bei.

Tom Erdmann: Die Kollegen fühlen sich von der Bildungssenatorin nicht wertgeschätzt. Frau Scheeres betont zwar bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Pädagogen für die Gesellschaft seien, aber das drückt sich nicht in konkretem politischen Handeln aus. Das sorgt für reichlich Unmut.

Der jüngste Vorfall von antisemitischem Mobbing an einer Grundschule im Stadtteil Tempelhof hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Lehrer beklagen, dass sie sich mit den Themen Antisemitismus und dem richtigen Umgang mit Mobbing alleine gelassen fühlen. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Tom Erdmann: Die Schule ist ein Brennglas gesellschaftlicher Probleme. Viele Lehrer fühlen sich zu Recht nicht adäquat auf die kulturelle und religiöse Vielfalt in den Klassenzimmern vorbereitet. Themen wie Antisemitismus und Diskriminierung müssen daher stärker in der Lehrerausbildung vorkommen. Gerade bei Judenfeindschaft haben wir in Deutschland eine besondere Verantwortung. Wir müssen anerkennen, dass antisemitisches Mobbing an den Schulen leider weder ein gänzlich neues Phänomen ist noch einen Einzelfall darstellt. Die Pädagogen müssen Raum und Zeit bekommen, um an Fortbildungen von freien Trägern zum Thema teilnehmen zu können.

Doreen Siebernik: Wir müssen deutlich mehr Ressourcen für den Kampf gegen Antisemitismus und alle Formen von Diskriminierung aufwenden. Eine Vollzeitkraft bei der Antidiskriminierungsstelle des Senats reicht bei Weitem nicht aus. Die Schulen stehen in der Verantwortung, ein Klima zu schaffen, dass es allen Schülern ermöglicht, ohne Diskriminierung und Mobbing durch Mitschüler zu lernen. Jeder einzelne Pädagoge ist gefragt, bei etwaigen Vorfällen schnell und mit seiner ganzen Fachkompetenz einzuschreiten.

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