An die Mutter in Georgien

  • Von Bela Chekurishvili
  • Lesedauer: 3 Min.

Ich war schon immer ziemlich gut im Lügen,

anstatt dass ich zur Schule ging,

ging ich in den botanischen Garten,

um mit geschlossenen Augen die Sonne zu sehen,

und den Lehrern machte ich weis,

meine Mutter wäre verreist

und ich müsste auf meinen kleinen Bruder aufpassen.

Lügen fiel mir wirklich leicht,

und so erzählte ich meinen Cousinen

von den Skeletten,

die in Omas Kleiderschrank geklappert hätten,

über die schwarz vermummten Unbekannten,

die hinter der Treppe gelauert hatten.

Sie weinten und versteckten sich in den Betten.

Ich log gar nicht schlecht

und schrieb die Lieder des Gondoliere,

mit dem ich in Venedig gefahren wäre,

erzählte vom Nebel über driftenden Brücken

und tönenden Stimmen der dortigen Geister,

welche die Spaziergängerinnen um ihre Seele erleichtern …

Ich log, was das Zeug hielt,

und dachte mir Zahnschmerzen aus,

und wenn du mich nach meinen Freunden fragtest,

lief ich raus und schluckte Tabletten,

und wenn es nötig war, dann stöhnte ich wohl auch.

Ich log ganz ungeniert

und sagte dir, ich hätte

die Blumentöpfe längst schon vom Balkon geholt

und auf der Fensterbank drapiert,

und dass ich vor dem Ausgehen immer

nach dem Gashahn schaue,

und dass ich immer fleißig Honig esse, sagte ich dir auch.

Ich war halt eine Lügnerin und immer gut darin,

die Wand aus Misstrauen, die zwischen uns stand,

in durchsichtiger Farbe anzustreichen,

und kriegte es auch regelmäßig hin,

dass du in meinen Augen frische Blumensträuße

und nicht zerstörte Schwalbennester sahst.

Und wenn gelegentlich aus meiner Stimme

erschrockene Kaninchen sprangen,

dann schob ich es auf den fehlenden Schlaf,

und lachend ließ ich sie verschwinden.

Ja, und auch jetzt, in diesem Moment,

kann ich dich sicher spielend überzeugen,

dass ich mit diesen fuchtelnden Händen

dich keineswegs um Hilfe bat -

es ist ein neuer Ausdruckstanz, wild und disparat.

»Wir, die Apfelbäume«, so nannte Bela Chekurishvili ihren Gedichtband, aus dem hier eine Kostprobe zitiert sei. Die Dichterin, 1974 in Gurjaani, Georgien, geboren, ist noch unter dem Sowjetstern aufgewachsen und findet sich jetzt in einem Land wieder, das ganz neu ist und zugleich ganz alt. Ist es vielleicht die Fragwürdigkeit des Lebens, die ein Thema ihrer Gedichte ist? »Sie kündigt den Gehorsam auf, nicht jedoch die Liebe«, schreibt Norbert Hummelt in seinem einfühlsamen Nachwort, der die Gedichte auch aus dem Georgischen übersetzt hat (Verlag Das Wunderhorn, 80 S., br., 17,90 €).

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