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Schlichtung am Bau

Die Baubranche boomt - das dürfte den Beschäftigten in dieser Tarifrunde helfen

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Baubranche kann sich vor Aufträgen kaum retten und sucht händerringend Fachkräfte. Viele Betriebe operieren bereits mit »Kopfprämien« und übertariflichen Leistungen. Dennoch stecken die Tarifverhandlungen fest.

Von Rainer Balcerowiak

Die Tarifverhandlungen für die rund 800 000 Beschäftigten in der Bauwirtschaft sind in dieser Woche ergebnislos abgebrochen worden. Wenn der Hauptvorstand der IG BAU am Montag das Scheitern bestätigt, wird das obligatorische Schlichtungsverfahren eingeleitet. Die Schlichtung unter Leitung des früheren Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement (SPD) könnte dann Anfang Mai beginnen. Führt diese nach spätestens 14 Tagen zu keinem Ergebnis, erlischt für die Gewerkschaften die Friedenspflicht. Streiks zur Durchsetzung der Forderungen wären dann möglich.

Angesichts der seit Jahren außerordentlich guten Wirtschaftslage der Branche hat sich die IG BAU für diese Tarifrunde einiges vorgenommen. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach einer Lohnerhöhung von sechs Prozent bei einer Laufzeit des Tarifvertrages von zwölf Monaten, sowie die schrittweise tarifliche Absicherung eines 13. Monatsgehalts. Weitere Forderungen betreffen die ebenfalls schrittweise Angleichung der Ost- an die Westlöhne, die volle Vergütung der Wegezeiten als Arbeitszeit sowie die Übernahme der Fahrtkosten bei Auszubildenden.

Wenn man die Rahmendaten der Bauwirtschaft betrachtet, erscheinen diese Forderungen keineswegs überzogen. Forcierter Wohnungsbau und steigende Investitionen in die Infrastruktur haben in den vergangenen Jahren für stetiges Wachstum bei Umsatz und Gewinn gesorgt. Für 2018 rechnen die Fachverbände mit einem Umsatzplus von vier Prozent. Alles spricht dafür, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Schon jetzt sucht die Branche händerringend Fachkräfte. Viele Betriebe arbeiten an der Kapazitätsgrenze und operieren bereits mit »Kopfprämien« und übertariflichen Leistungen, da sie sonst ihre vollen Auftragsbücher nicht abarbeiten können. Dennoch beträgt die Vakanzphase bei der Stellenbesetzung beispielsweise für Bauleute mit Meisterbrief durchschnittlich 160 Tage.

Andererseits herrscht besonders in Ostdeutschland nach wie vor tariflicher Wildwuchs. Der Organisationsgrad der IG BAU ist in einigen Regionen relativ schwach, viele Betriebe unterliegen nicht der Bindung des Flächentarifvertrags. Oftmals wird nur der verbindliche Branchenmindestlohn gezahlt, der deutlich unter den tariflichen Vergütungen liegt.

Bei der IG BAU räumt man dieses Problem ein und sieht die mangelnde Organisationsbereitschaft vor allem als Spätfolge der großen Baukrise in den Ost-Ländern, die inzwischen längst überwunden ist. Gerade bei jüngeren Kollegen wachse aber die Bereitschaft, sich zu organisieren und für tarifliche Entlohnungen zu kämpfen, heißt es.

Eine Sprecherin des Zentralverbandes des deutschen Baugewerbes verwies auf nd-Nachfrage auf die heterogene Struktur der Branche. So hätten 90 Prozent aller Betriebe weniger als 20 Mitarbeiter und in diesem Segment sei das nominale Wachstum deutlich niedriger. Gerade diese Betriebe könnten die Mehrkosten, die sich durch die Forderungen der IG BAU ergäben, keinesfalls schultern. Lohnerhöhung, volle Wegekostenvergütung und 13. Monatsgehalt könnten sich zu Lohnkostensteigerungen von bis zu 30 Prozent summieren. Dennoch sei man »verhalten zuversichtlich«, dass es in der Schlichtung zu einem »vernünftigen Ergebnis kommt«, so die Sprecherin.

Auf Gewerkschaftsseite kann man diese Zahlen nicht nachvollziehen. Das Gesamtvolumen der Forderungen liege, ihre komplette Umsetzung vorausgesetzt, bei rund 16 Prozent, erklärt Ruprecht Hammerschmidt von der IG BAU. Zudem sei klar , dass es bei der Angleichung der Ostlöhne, bei der Wegezeitvergütung und beim 13. Monatsgehalt um Stufenlösungen über mehrere Jahre gehe. Vollkommen unakzeptabel sei das bisherige Angebot der Arbeitgeber zur Lohnerhöhung. Für die nach West-Tarif entlohnten Kollegen käme bei der verlangten Laufzeit von 24 Monaten lediglich ein Plus von 1,65 Prozent pro Jahr heraus. Und auch die angeblich schlechtere Lage der kleineren Betriebe sei nicht nachvollziehbar. »Die Auftragsbücher sind voll, die Kollegen schrubben Überstunden ohne Ende«, so Hammerschmidt. »Einige Kunden rufen in ihrer Verzweiflung sogar bei uns an und fragen, ob wir einen Betrieb wüssten, der noch Aufträge annimmt.« Entsprechend hoch sei die Erwartungshaltung der Kollegen in dieser Tarifrunde, und »die kriegt man auch nicht mehr so schnell vom Baum runter«.

Auch Hammerschmidt sieht Chancen, dass es in der Schlichtung zu einer Einigung kommt, »aber nur, wenn sich die Arbeitgeber deutlich bewegen«. Und wenn nicht, sei man auf Streiks vorbereitet.

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