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Stein-Fernseher chancenlos

Zypern: Skifahren am Spionagegipfel und Gratiskaffee von einer Studentin.

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 6 Min.

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Beim Stichwort Steinzeit fällt mir immer unsere jüngste Tochter ein. Erst kürzlich wieder an den Ausgrabungenstätten von Chirokitia auf Zypern. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil gerade drei Schulklassen mit Zehnjährigen durch das Freilichtmuseum tobten. Die damals etwa gleichaltrige Stefka aus Berlin war aus der Schule nach Hause gekommen und erzählte, dass ihre Freundin Annemarie auf die Frage der Lehrerin, was die Kinder von der Steinzeit wüssten, meinte: »Da warn sogar die Fernseher aus Stein!« - also gemäß der TV-Zeichentrickserie »Familie Feuerstein«.

Alexia Panajotis, eine der die Schulklassen durch Chirokitia begleitenden Lehrerinnen, lacht schallend darüber. »Kinder sind überall in der Welt gleich«, meint sie. »Ähnliches kann dir hier bei uns auch passieren. Vielleicht nicht unbedingt mit der Steinzeit, denn die haben wir ja unmittelbar vor der Tür.«

Chirokitia liegt auf halber Wegstrecke zwischen Larnaca und Limassol, auf leicht bergigem Gelände unweit der Küste. Seit etwa 7000 v.u.Z. siedelten hier Menschen. Auf die Frage, ob sie den Kindern erzähle, dass die heutigen Zyprer von denen damals abstammten, muss die Lehrerin wieder lachen. »Das wäre ja ein bisschen Geschichtssicht wie bei ›The Flintstones‹«, meint sie, denn die TV-Feuersteins kennt man natürlich auch in Zypern. »Nein, ich sage ihnen, dass das die Heimat dieser Menschen war, so wie sie es heute für uns ist. Ist doch toll, wenn Menschen über 10 000 Jahre hinweg eine Gegend wie unsere gut für sich finden, oder?«

In der Tat, Zypern lässt sich als Heimat - auch als zeitweilige - aushalten. Am Meer sowieso, ebenso in und um Chirokitia, wo teilweise noch Mandarinen aus dem Vorjahr bis Ostern an den Sträuchern Süße tanken. Natürlich auch oben im Troodos, dem höchsten Gebirge der Insel. Da kam übrigens auch in diesem März wieder der Winter zurück. Unten an den Stränden wurde schon gebadet, oben gewedelt oder sich gegenseitig eingeseift. Er trägt seinen Namen also zu Recht, der mit knapp 2000 Metern höchste Troodosberg: Olympos meint griechisch »dort, wo es schneit.« Alles nur ein paar Dutzend Kilometer vor der syrischen und libyschen Küste. Die kleinen, feinen Skipisten enden übrigens talwärts dort, wo die ersten Weinhänge beginnen.

Doch wie fast überall auf der Welt spüren die, die sich selbst im Garten Eden nicht einlullen lassen, auch im Troodos scharfe Kontraste. Beispielsweise thront auf dem zyprischen Olympos, auf dem einer Mär nach die Götter des »echten«, nämlich des griechischen Olymps hin und wieder Urlaub machten, eine britische Funküberwachungs- und Radarstation. Kein Hochkommen möglich, denn der Gipfel gehört nicht jenen, denen er eigentlich gehört.

»Gefühlt steht die da für mich schon immer«, sagt Nicos Andreou, der für den Zyprischen Naturschutz im Troodos-Nationalpark unterwegs ist. »Letztes Jahr war sie dann plötzlich weg, nach Syrien, hieß es. Wir dachten, dass wir jetzt den Gipfel wiederbekommen. Doch inzwischen steht dort ein neues Spionageteil. Die Briten lassen eben von ihren Militärbasen nicht ab. Echt ein Problem für mich und für meine Freunde.«

Das UK, auf Zypern bis 1960 Kolonialmacht, unterhält auf der Insel zwei riesige Stützpunkte und mehrere kleine. Rund fünf Prozent des zyprischen Territoriums sind echt britisch; dort gilt kein zyprisches Recht. »Und das Jahrzehnte nach Ende der Kolonialzeit. Das erscheint mir inzwischen unwirklicher als die seit 1974 anhaltende Teilung des Landes«, meint der junge Mann.

International scheint sich an diesem imperialistischen Anachronismus auf Zypern kaum jemand zu stören. Stattdessen lassen auch deutsche Medien keine Gelegenheit aus, »den Türken« und »der Türkei« die Schuld an der anhaltenden Spaltung zuzuschieben. Und dies, obwohl beim bisher einzigen Vereinigungsplebiszit - übrigens heute fast auf den Tag genau vor 14 Jahren - eine Mehrheit in der Türkischen Republik Nordzypern für den UN-Plan stimmte und eine Mehrheit im südlichen, griechischen Teil der Republik Zypern dagegen.

Begeistert erzählt Nicos Andreou hingegen vom EU-Naturschutzförderprojekt Icostasy. Nachdem diese millionenschwere Kofinanzierung ausgelaufen war, sei es jedoch hart, die Projekte weiter zu führen. Die Prioritäten müssten enger gesetzt werden, sagt er. Und er deutet mit dem Daumen über die Schulter auf das einst schmucke Holzhaus, das hier in besseren Zeiten mal die Icostasy-Koordinierungsstelle war. Jetzt ist sie verbrettert. Nur das EU-Programmschild glänzt noch am Eingang. »Aber das packen wir«, meint er.

Eindeutig besser bestellt ist es mit der Finanzfrage im nahen Kykkos-Kloster; es gilt als das reichste des an Kirchen und Klöstern überreichen christlich-orthodoxen zyprischen Nordens. Die Wandmalereien und die Ikonostasis strahlen höchste Wohlhabenheit aus. Auch die bauliche und gärtnerische Gediegenheit lässt auf schier unerschöpflichen Spendensegen der Gläubigen schließen. Legionen von Pilgern kamen und kommen zu einer Marienikone, die kein geringerer als der Evangelist Lukas gemalt (bei Ikonen spricht man von »gezeichnet«) haben soll. Seit rund 1000 Jahren schafft sie Wunder, vor allem aber schafft sie fürs Kloster an. Die Regenmacherei gilt als ihre Spezialität. Eine bessere Geschäftsidee kann man sich für diese niederschlagsarme Ecke des Mittelmeers kaum vorstellen.

Schade, dass die Kykkos-Maria, die übrigens immer unsichtbar, nämlich von einer Silberplatte verdeckt bleibt, nicht auch auf Umweltschutz spezialisiert ist. Die Stauseen nahe des Klosters hatten bis in diesen März hin-ein seit elf Monaten keinen Regen. Dafür gibt es genug Wein, wozu nach archäologisch belegten fünf Jahrtausenden Weintradition aber Wunder wohl gar nicht nötig sind.

Apropos Wein. Auf dem Weg runter vom Troodos nach Süden kommt man nach Kolossi, einer frühmittelalterlichen Basis der aus dem Heiligen Land vertriebenen Tempelritter. Hier wird ein Wein gekeltert, der als der älteste Markenwein der Welt gilt: Commandaria, ein süßer, der am Ende seiner Reifezeit noch ein paar Rosinen dazu bekommt. Den soll auch Richard Löwenherz geliebt haben; Menschenschlächter waren schon immer etwas pervers.

Die nahe schmucke Hafenstadt Limassol hatte bei unserem Besuch tags zuvor ihren alljährlichen Marathon. Der ist nicht so gewaltig wie der Berliner, doch gewonnen hat auch in Limassol ein Läufer aus Kenia. Es wird überall in der Stadt noch ein bisschen auf-, in der Markthalle allerdings sogar ausgeräumt. Entmietung nach Modernisierung. »37 Jahre habe ich hier gestanden und verkauft, in einer Woche muss ich aufhören«, berichtet Marios Papadakis. »Hier, nimm die Erdbeeren, soviel Du magst. Dort ist Wasser, wenn Du sie waschen willst. Aber nicht nötig, alles bio, heute früh gepflückt.«

Heimat kann schön sein, ist es aber nicht immer für jeden. Auch Olivia Trikomiti ist hin und her gerissen. Sie steht in einer nahen Cafébar ganz allein am Tresen, will aber schnell ins Ausland. Sie ist Anfang 20, Noch-Managementstudentin, die auf eine Bewerbungszusage aus Wien wartet. Heute ist hier ihr erster Jobtag. Woher ich komme, fragt sie ihren einzigen Gast. - »Oh, Deutschland. Davon träume ich.« Warum so wenig Gäste da seien? - »Die machen die Markthalle zu, da fehlt unser Publikum.« Für ihren ersten Tag ist der Medio, den sie kocht, sehr gut. »Woher ich als Zypriotin die blonden Haare habe? Die gehören mir gar nicht. Habe ich mir extra machen lassen für den Job hier, 40 Euro.« Der Kaffee sei gut gewesen. - »Super, ich schenk ihn Dir, Du warst mein erster Gast.«

Zypern ist interessant und wunderschön. Am stärksten in Erinnerung bleiben indes Klugheit und Witz, Lebensmut und Charme der Menschen dort.

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