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Schneller schreiben

Auch in der digitalen Welt ist die Stenografie nicht überflüssig

  • Von Maria Indyk
  • Lesedauer: 5 Min.

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Seit Kurzem bietet die Berliner Humboldt-Universität (HU) einen Kurs an, der wie ein Anachronismus aus der vordigitalen Zeit erscheint: Stenografie. Warum sollte man schnell schreiben lernen mit Zeichen, die von vorgestern sind? Leben wir doch in einer Zeit, die uns eine Fülle von technischen Hilfsmitteln bietet: Texte können eingescannt werden, Spracherkennungsprogramme verwandeln das gesprochene Wort immer besser in lesbare Texte.

Doch die Kurzschreibschrift hat unschätzbare Vorteile: Mit ihr bringt man alle Mitschriften mit nur wenigen Symbolen zu Papier oder mit dem Stift auf das iPad. Und das zwei- bis dreimal flotter als mit der Langschrift. Für den, der diese Engschrift beherrscht, sind Notizen lesbar. Oftmals ist der Aufwand der Übertragung in die Reinschrift gar nicht nötig. Das Maß für die Geschwindigkeit wird in Silben pro Minute angegeben. Man unterscheidet zwischen Verkehrsschrift (80 bis 120 Silben pro Minute), Eilschrift (bis etwa 200 Silben pro Minute) und Redeschrift (kurzzeitig bis zu 500 Silben pro Minute). Mit 240 Silben schreibt man so schnell, wie ein Mensch durchschnittlich im Alltag spricht. Die besten Stenografen schaffen das doppelte Tempo.

Auch deshalb gibt es im digitalen Zeitalter zum Beispiel noch Parlamentsstenografen. Sie halten fest, was mittels Ton- und Videoaufzeichnung gerade bei hitzigen Plenardebatten nicht gelingt. Zwar sind flüchtige Bemerkungen vermeintlich noch zu hören, aber wer machte sie? Die Kamera erfasst nicht alle im Bundestag Anwesenden. Jeder Applaus und jedes entrollte Transparent halten die Stenografen des Bundestages fest, auch das plötzliche Aufspringen eines Parlamentariers. Die Schreibkünstler des Plenarsaals in Berlin schaffen bis zu 400 Silben pro Minute.

Das Kursangebot (Verkehrsschrift) der HU richtet sich an jene, die Stunden damit verbringen, Ton- und andere Datenträger auszuwerten. Denn selbst wenn man das Zehnfingersystem auf der Tastatur virtuos beherrscht, bleibt die wortwörtliche Mitschrift eine Herausforderung. Man spult vor und zurück, um Gehörtes in Reinschrift zu übertragen und stellt am Ende fest, wie viele Lücken das Manuskript dennoch aufweist. Als Protokollschrift ist die Schnellschreibschrift deshalb unschlagbar. Erst recht, wenn Mitschnitte in Sitzungen nicht erlaubt sind.

Trotz modernstem technischen Know-how scheint das gesprochene Wort dem Geschriebenen voraus zu eilen. Geübte Schriftdolmetscher erreichen gerade mal 750 Anschläge pro Minute. Beim Einsatz von automatisch vervollständigten Wörtern - sogenannten Textmakros - liegen die besten Leistungen bei knapp über 1000 Anschlägen. Deshalb wird oftmals nicht Wort für Wort festgehalten, sondern lediglich Gesprochenes zusammengefasst.

Stenografie ist also die Kunst, mit der man so schnell schreibt, wie man spricht. Deshalb richtet sich der Lehrgang der HU an Schüler, Studierende, Führungskräfte und Privatpersonen. Die Schnellschrift ermöglicht nicht nur rasch, sondern auch entspannt Unterrichtsstunden, Vorlesungen, berufliche und private Notizen jeglicher Art aufzuschreiben.

Wer die Kurzschrift beherrscht, konzentriert sich auf den zu vermittelnden Inhalt, während andere ganz mit dem Festhalten ihrer Notizen beschäftigt sind. Stenografie hat aber noch einen anderen unschätzbaren Vorteil: Entschlüsselung sind fast aussichtslos, denn heute sind die Versierten in der Minderheit. Früher wurde die Verkehrsschrift in der Schule und an Volkshochschulen unterrichtet. Noch vor 50 Jahren waren Einkaufszettel so verfasst. Und wer weiß, wie viele Spickzettel damals - viel Inhalt auf wenig Platz - unter den Schulbänken den Besitzenden wechselten. Ungefähr vor dreißig Jahren verschwand die Stenografie aus den Lehrplänen. Vermutlich weil die Verantwortlichen dachten: »Wer schreibt denn heute noch per Hand?«

Vor knapp 100 Jahren gab es für Lernwillige die Wahl der Qual aufgrund einer großen Vielfalt von Kurzschrift-Systemen. 1925 entstand die deutsche Einheitskurzschrift. Frank Xaver Gabelsberger gilt als ihr Erfinder. Der Sohn eines Blasinstrumenten-Herstellers schuf die Grundlage, auf der die heute gebräuchliche Zeitsparschrift basiert. Eine ihrer Besonderheiten ist, dass jeder Buchstabe ein Zeichen ist. Vokale werden meist verstärkt und für häufig verwendete Worte gibt es Kürzel. Notiert wird strikt, was man hört: stume oder dopelte konsonanten werden wegelasen, gramatik spilt keine role. Wie das Beispiel zeigt, wird die Großschreibung nicht praktiziert und bezüglich Rechtschreibung wird ein eher loser Umgang gepflegt.

In der Notendarstellung variiert die Bedeutung eines Tons durch Hoch- und Tiefstellung. In der Kurzschrift wird ein Buchstabe zum Wort. Auf der Grundlinie geschrieben, bleibt beispielsweise das N ein einfacher Buchstabe. Aber eine Linie höher gesetzt, wird daraus der Artikel »den«. Gibt man das Erkennungszeichen lang gezogen wieder, hat man das Kürzel »ein«. Das N wird mit einer kleinen Welle dargestellt, die das spanische Alphabet als Tilde (ñ) kennt. Mit einem erlernten Zeichen drückt man so zwei bis drei unterschiedliche Bedeutungen aus. Das ist eine Besonderheit der Schrift, die aus Bögen, Strichen und Punkten besteht.

Parallele Linien mit den gleichen Abständen nennt man in der Musik Notenlinien oder Notenzeilen. In der Kurzschrift spricht man von einer Grund- und Oberlinie sowie von einer Ober- und Untergrenze. Diese genaue Unterteilung ist wichtig. Normalerweise ragt das Merkmal für den Buchstaben D nur bis zur Oberlinie. Dehnt man es jedoch bis zur Obergrenze aus, bedeutet es ein F. Mit dieser Grenzüberschreitung der Linien kann sich ein Buchstabe in einen anderen verwandeln. Manche Darstellungen wirken in der Tat wie der Notenlehre der Musik entlehnt. Das S erinnert an einen etwas aus der Form geratenen Notenkopf und das Kürzel für »sich« an einen veränderten Bass-Schlüssel.

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