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In der Chruschtschowka

Martin Leidenfrost versucht sich in der moldauischen Hauptstadt Kischinau wohnlich einzurichten

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Diesen Monat wohnen wir in der moldauischen Hauptstadt Kischinau. In einem der niedrigen Wohnblöcke, mit denen die KPdSU im fünften Jahrzehnt ihrer Herrschaft endlich Wohnraum schuf, einer »Chruschtschowka«. Am ersten Abend höre ich einen Schrei aus der Küche: »Komm sofort her, hier sind Kakerlaken!« Wir sind mit unserer acht Monate alten Tochter eingezogen, das Einschlafen fällt schwer. Meine Frau sagt düster: »Morgen früh sehen wir, ob ihr blutsaugende Wanzen unter die Windel gekrochen sind.«

Ich fand Chruschtschowkas immer kuschelig. Die unsere ist originalerhalten: abgerundetes Holz, weiß, blau und grün lackiert, beim Duschen sieht man durch ein Fensterchen mit Blümchengardine in die Küche. Ein Balkon nach vorne und einer nach hinten, auf einen scheint immer die Sonne. Vom vorderen Balkon sehen wir auf eine 16-stöckige Hotelruine. Es war der Inbegriff von sowjetischem Luxus, Nationalschauspieler feierten hier Hochzeit, immer noch führen Wegweiser vom Stadtrand zum »Hotel National«.

Der Vermieter will, dass wir länger in seiner Chruschtschowka wohnen. Viktor, 50, ist ein Kischinauer Russe mit Wurzeln im Kuban und bietet uns an, auf seine Kosten einen Parabol zu montieren, damit wir wie er zu Hause Kiseljow und Solowjow schauen können, von den moldauischen Behörden verbotenes Russland-TV.

Am zweiten Tag entspannt sich die Lage. Meine Frau zwingt mich zwar, in Puschen zu gehen, »damit sich die Kotstückchen der Kakerlaken nicht verteilen«, aber keiner von uns hat Ausschlag. In Kischinau ist orthodoxes Ostern. Eine übernächtigte Alkoholleiche ruft umarmend aus: »Alter Kumpel, Christus ist erstanden!« Vor der winzigen Kathedrale erwartet der Moskau unterstellte Metropolit ein aus Jerusalem eingeflogenes Licht. Der neue prorussische Präsident, der Sozialist Igor Dodon, sagt in seiner Ansprache: »Unser Moldawien hat Zukunft.«

Das steht auch auf seinen Plakaten, die einen gleich nach der rumänischen Grenze empfangen: »Der Unionismus vergeht, das Vaterland bleibt. Moldawien hat Zukunft.« Dodon, der Putin in 15 Monaten Amtszeit schon neunmal getroffen hat, ist populär. Parallel dazu gewinnt - angeführt vom relativ populären Ex-Präsidenten Rumäniens Basescu - der Unionismus an Zulauf, die Idee eines Anschlusses des rumänisch- und russischsprachigen Ländchens an Rumänien. Der einzige Oligarch, Vlad Plahotniuc, Chef der regierenden »Demokratischen Partei«, beherrscht die Justiz und hat sich eine Mehrheit der Parlamentarier mit Erpressung, Strafverfolgung und Geheimdienstmethoden gefügig gemacht. Sein »proeuropäisches« Regime wird aber von der großen Mehrheit der Bevölkerung gehasst, die Anhängerschaft der EU hat sich halbiert, der Glaube in die Staatlichkeit des ärmsten Landes Europas ist zerrüttet.

Gegen Abend sitze ich gerne auf dem vorderen Balkon. Omas schnacken russisch im Chruschtschowka-Park, einem grob gefurchten Acker; in konzentrisch ausgelegten, grün gestrichenen Autoreifen harren Tulpen ihrer Blüte. Dahinter das weiße Gerippe des »Hotel National«, 2006 von einem kommunistischen Wirtschaftsminister namens Dodon privatisiert und über holländische Briefkastenfirmen in Plahotniucs kalte Würgerhände übergeben.

Ich treffe den Organisator der Umfrage, welche die Einstellung der Kischinauer zum Unionismus soeben »wissenschaftlich« untersucht - auf der Straße, von Tür zu Tür und mittels zweier klassischer Meinungsumfragen. Gheorghe Costandachi war Buchhalter und ist auch so angezogen. Er will herausfinden, »warum Moldawien die Hand im Geldbeutel von EU und USA hat, aber auf Russland schaut«. Er gibt zu, dass er »im Herzen Unionist« ist, dass Rumänien sein Projekt indirekt finanziert und dass er sich allein für befähigt hält, die Zustimmung zum Anschluss per Fünfjahresplan von derzeit vermutlich 20 auf 75 Prozent zu hieven. Costandachi würde mit Argumenten wie diesem werben: »Deutschland, oh, chic!« Länger schon setzt er sich für die EU ein, an welcher er mit moldauischer Mystik »die Reinheit der Seele« preist.

In der Chruschtschowka haben wir uns inzwischen eingewöhnt. Die Lebensmittel haben wir in Säcken aufgehängt, meine Frau zieht die Schuhe nur zum Schlafen aus, und in Küche und Bad brennt nachts das Licht, weil wir so die Wahrscheinlichkeit zu senken glauben, dass die Kakerlaken ans Bett vorrücken. Wir müssen Viktor dennoch enttäuschen: Wir ziehen um in eine »Stalinka«.

ndLive 2018

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