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«Die Strategie ist aufgegangen»

Rund 1000 Antifaschisten protestieren gegen NPD-Festival in Sachsen

  • Von Philipp Blees
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wer am Wochenende mit dem Auto in das ostsächsische Dorf Ostritz wollte, musste damit rechnen, von der Polizei kontrolliert zu werden. Mit Maschinenpistolen durchsuchten die Beamten am Ortseingang ausgewählte Fahrzeuge nach Waffen und anderen verbotenen Gegenständen. Denn: Von Freitag bis Sonntag fand unter dem Titel «Schild und Schwert» ein Festival der NPD mit angeschlossener Tattoo-Ausstellung und Kampfsportturnier statt - Beginn: 20. April, der Geburtstag von Adolf Hitler. Antifaschisten wollten dies nicht hinnehmen und organisierten, neben einem bürgerlichen «Friedensfest», ein Gegenfestival auf einer Wiese in unmittelbarer Nähe zu den Neonazis. Trotz Provokationen der Rechten blieb es weitestgehend friedlich im Ort.

Schon seit einigen Wochen drehten sich die Diskussionen in der Region um dieses Wochenende. Die Ostritzer befürchteten Chaos. Einige wollten nicht, dass die Faschisten dort Fuß fassen, viele hatten jedoch eher Angst, dass es wegen der Gegenveranstaltung der Antifaschisten zu Gewalt kommen könnte. Das Feindbild war meist klar: Die Linken bringen die Unruhe.

Diese Stimmung spielte bei der Strategie der Gegenproteste eine Rolle. Man habe sich deshalb gegen eine Demonstration oder ähnlich offensives Auftreten entschieden, erklären Sascha Elser und Robin Swoboda von der Initiative «Rechts rockt nicht». Stattdessen wurde eine Art Gegenfestival mit einer Kombination aus Musik, Redebeiträgen und Ständen verschiedener Initiativen veranstaltet. Und: «Die Strategie ist aufgegangen», so Elser. Das vorherrschende Bild vom Antifaschisten im Schwarzen Block, der nur Krawall macht, konnte gebrochen werden. Auf eine breite Gesellschaftsanalyse musste dabei jedoch verzichtet werden, bedauert Elser.

Die positive Folge: Viele Anwohner seien solidarisch mit dem Gegenfestival gewesen und hätten sogar einmal vorbeigeschaut. Das sei ein Erfolg, denn hier konnte, anders als beim «Friedensfest» unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), ein politisches Zeichen gesetzt werden. Auf diesem seien politische Aussagen unerwünscht gewesen. Auch wenn nur rund 1000 Aktivisten anreisten, sehen die Organisatoren den Erfolg vor allen Dingen in der Vernetzung von antifaschistischen und antirassistischen Kräften in der Region.

So dankte die Geschäftsführerin des DGB-Ostsachsen, Dana Dubil, den Antifaschisten für ihren Einsatz. Allein schon aus den Erfahrungen im Nationalsozialismus sollten Gewerkschafter klar Stellung beziehen: «Gewerkschaftliches Engagement endet nicht am Werkstor.» Dubil dankte zudem den rund 1000 Polizisten, die vor Ort versuchten, die beiden Lager zu trennen. Ganz funktionierte dies nicht: Immer wieder liefen Grüppchen von Neonazis unbegleitet durch die Stadt oder tauchten beim «Friedensfest» auf, bei dem rund 3000 Menschen zugegen waren.

Deren feiernde Kameraden verschanzten sich währenddessen hinter Gittern mit NPD-Transparenten auf dem Privatgelände des Hotels «Neisseblick», um sich vor den Pressefotografen zu verstecken. Der Besitzer des Austragungsortes, Hans-Peter Fischer, war im Vorfeld kritisiert worden, dass er seine Wiesen bereitgestellt hatte. Der «Sächsischen Zeitung» sagte er, es sei nicht sein Problem, wenn Bands, die auf seinem Gelände auftreten, rassistische oder antisemitische Texte von sich geben.

Dass das Problem an diesem Wochenende nicht nur die Inhalte der Bands sein würden, zeigte sich schnell: Die Polizei vermeldete mehrere Straftaten, «zumeist das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen oder das Zeigen des sogenannten Hitlergrußes. Zudem stellten Ermittler die Verfassungswidrigkeit der Bekleidung der Ordner fest. Diese hatten auf ihren T-Shirts neben dem Schriftzug »Sicherheitsdienst Arische Bruderschaft« auch ein Symbol mit zwei gekreuzten Stabgranaten abgebildet - ein Symbol einer SS-Division. Die Polizei beschlagnahmte die T-Shirts und die restliche Werbung des Sicherheitsdienstes. Kritiker merkten auf Twitter an, dass bereits einen Tag zuvor im Zuge einer Presseführung auf die Symbolik aufmerksam gemacht wurde. Bei der Führung wurde ein Pressevertreter von Neonazis angegriffen und seine Kameraausrüstung zerstört.

Rund 1000 Faschisten aus ganz Europa kamen schlussendlich in die ostsächsische Provinz. Unter ihnen Kampfsportler, Tätowierer und Rechtsrock-Fans. Das Festival, welches vom Thüringer Landesvorsitzenden der NPD, Thorsten Heise, veranstaltet wurde, ist eine große Einnahmequelle für neonazistische Strukturen. Zudem dient es der Vernetzung der Szene.

Dagegen wollen Antifaschisten weiter mobil machen, denn das nächste Nazi-Festival ist bereits für November geplant.

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