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  • Politik
  • Ermittlungen nach Beißattacke

Der Fall Chico wird zum Politikum

Nach den tödlichen Bissen des Staffordshire-Terrier-Mischling wird gegen die Veterinärbehörde der Stadt Hannover ermittelt

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die letzte Würde« wolle man dem Staffordshire-Terrier-Mischling Chico erweisen - deshalb möge man »seine Leiche herausgeben«, fordert die Organisation »Animal Peace« auf Facebook. Doch der Kadaver des Hundes, der vor wenigen Wochen in Niedersachsens Hauptstadt Hannover seinen Besitzer und dessen Mutter totgebissen hatte und danach eingeschläfert worden war, bleibt vorerst auf amtliche Anordnung in Verwahrung. Vermutlich so lange, bis die Umstände, die zur tödlichen Attacke des Tieres geführt haben, geklärt sind. Mit ihnen befasst sich zurzeit die Staatsanwaltschaft; im Visier hat sie dabei die Veterinärbehörde der Stadt Hannover.

In ihre Richtung ist ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet worden, erfuhr »nd« von Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Die Stadt selbst, so gab er zu bedenken, habe ja in einer Pressekonferenz grobe Fehler in Sachen Chico eingeräumt. Schon deshalb müsse die Anklagebehörde prüfen, ob die entsprechenden Versäumnisse letztlich dazu geführt haben, dass zwei Menschen durch den Hund ihr Leben verloren.

War Chicos Angriff vorhersehbar, weil Mitarbeiter der Stadt es unterlassen haben, das Tier aus der Wohnung seiner Besitzer zu nehmen, obwohl dies 2011 seitens der Behörde vorgesehen war? Damals hatte eine Hundeexpertin den erst ein Jahr alten Terrier bereits als aggressiv eingestuft. War das blutige Geschehen ein »schicksalhafter Verlauf«, oder hatten schmerzhafte Veränderungen im Kiefer des Hundes zum Angriff auf seine Halter geführt?

All das gelte es zu prüfen, sagt der Oberstaatsanwalt. Und in diesem Zusammenhang seien womöglich noch Untersuchungen des mittlerweile getöteten Chico notwendig. Schon deshalb könne er nicht herausgegeben werden.

Der Hund war zwei Wochen nach dem Beißattacken im Einvernehmen mit Experten der Tierärztlichen Hochschule, des Tierschutzvereins und Niedersachsens Verbraucherschutz-Ministeriums eingeschläfert worden. Ausschlaggebend gewesen dafür seien, so die Fachleute, sowohl eine schwere Erkrankung im Kiefer des Hundes als auch die Tatsache, dass er aufgrund gesteigerter Aggressivität »für Menschen nicht mehr als Sozialpartner in Frage gekommen wäre«.

Hatte schon die Ankündigung, der Hund werde eventuell getötet, eine Online-Petition von fast 300 000 Menschen unter dem Motto »Lasst Chico leben« ausgelöst, so entfachte sein Ende einen wahren Shitstorm im Internet. Die »Todesstrafe für Chicos Mörder« wurde gefordert, und jemand schrieb: Diejenigen, die für das Einschläfern verantwortlich waren, »brauchen die Faust in die Fresse«. Einem anderen genügt das nicht, er fordert: »Gebt diese so genannten Experten zum Abschuss frei; erschlagt diese Leute die den Tod des Chico zu verantworten haben.« Auch mit solchen Entgleisungen befasst sich nun die Justiz. »Wir müssen prüfen, inwieweit Aufforderungen zu einer Straftat vorliegen«, sagt Staatsanwalt Klinge. Die Ermittlungen laufen.

Demnächst muss sich auch die Kommunalpolitik mit der Causa Chico beschäftigen. Der Rat der Landeshauptstadt Hannover hat das Thema auf der Tagesordnung. In der Ratsitzung wird die Fraktion »Die Hannoveraner« mit Blick auf den tragischen Beißangriff fragen, wie die Ordnungsbehörde der Stadt sicherstellt, »dass von den sogenannten gefährlichen Hunden keine Gefahr ausgeht?« Die Antwort interessiert gewiss auch die Staatsanwaltschaft.

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