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  • Politik
  • Menschenrechte in der Türkei

Mesale Tolu droht noch immer Gefängnis

Der Prozess gegen die Journalistin und Übersetzerin soll am Donnerstag weitergehen

  • Von Can Merey und Linda Say, Istanbul
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Frau mit den dunklen Haaren steigt im Istanbuler Stadtteil Karaköy von der Bosporus-Fähre, niemand erkennt die 33-Jährige in der Menschenmenge. In Deutschland ist ihr Name jedem geläufig, der im vergangenen Jahr Nachrichten verfolgt hat: Mesale Tolu, meist in einem Atemzug genannt mit dem »Welt«-Korrespondenten Deniz Yücel und dem Menschenrechtler Peter Steudtner, den anderen beiden bekannten deutschen Gefangenen des Jahres 2017 in der Türkei. Zwar wurde Tolu – ebenso wie Yücel und Steudtner – nach monatelangem Druck der Bundesregierung aus der Untersuchungshaft entlassen. Als einzige aus dem Trio droht ihr aber weiterhin Gefängnis.

An diesem Donnerstag wird der Prozess gegen die Journalistin und Übersetzerin, die vor ihrer Inhaftierung für die linke Agentur Etha gearbeitet hat, in Istanbul fortgesetzt. Angeklagt sind inzwischen 27 Beschuldigte, Tolus Prozess wurde mit dem ihres Ehemannes Suat Corlu zusammengelegt. »Warum das so ist, weiß ich nicht«, sagt sie. Die Anklage lautet - wie so oft in der Türkei - auf Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. In Tolus Fall ist die linksradikale MLKP gemeint. Die 33-Jährige bestreitet alle Vorwürfe.

Aus der U-Haft entlassen wurde Tolu im Dezember, aber nicht ohne Auflagen: Das Gericht verhängte eine Ausreisesperre gegen die Frau aus Ulm, die aus einer kurdischen Familie stammt, aber nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Einmal pro Woche – immer montags zwischen 8 Uhr und 23 Uhr – muss sie sich bei der Polizei in ihrem Stadtteil Kartal am Rande Istanbuls melden. Yücel und Steudtner durften dagegen ausreisen, auch wenn ihre Prozesse weiterlaufen. Beide verließen die Türkei unmittelbar nach ihrer Freilassung, eine Verurteilung dort bliebe für sie erstmal folgenlos.

»Ulm ist meine Heimat«, sagt Tolu. »Ich würde gerne nach Deutschland gehen. Vor allem wegen meines Sohnes.« Für den dreijährigen Serkan ist in Ulm ein Kindergartenplatz reserviert. »Ich möchte, dass er in Sicherheit ist und einen normalen Alltag leben kann.« Sie selber lebe im Schwebezustand – wegen der Ausreisesperre »kann ich keine langfristigen Pläne machen. Alles ist nur improvisiert.«

Sohn Serkan war über Monate hinweg mit der Mutter im Gefängnis, als sie im Istanbuler Stadtteil Bakirköy in Untersuchungshaft saß. Tolu wollte nicht, dass er von ihr getrennt sein muss – zudem ihr Ehemann Suat Corlu, Serkans Vater, in der Zeit ebenfalls hinter Gittern war, im rund 80 Kilometer entfernten Hochsicherheitsgefängnis Silivri. Corlu ist inzwischen frei, darf aber auch nicht ausreisen.

Andere inhaftierte Frauen hätten sich im Gefängnis gemeinsam mit ihr um Serkan gekümmert, sagt Tolu. »Mein Sohn hat keine schlechten Erinnerungen an die Gefängniszeit. Es waren die 17 Tage Trennung davor, die ihn verängstigt haben.« Ihm gehe es jetzt zwar etwas besser. »Er erinnert sich aber an die Zeit, auch an die Razzia, die brutal war. Das ist noch da. Er fragt dann, ob ich jetzt bei ihm bleibe.« Bei der Razzia am 30. April war Tolu vor den Augen ihres Sohnes von schwer bewaffneten Polizisten festgenommen worden.

Was Tolu beeindruckt hat: Die Solidarität, die sie in der Haft aus Deutschland erfahren hat. »Es war eine große Ehre für mich.« Besonders deutsche Mädchen und Frauen im Alter »von sieben bis 77« Jahren hätten ihr Briefe und Kinderbücher ins Gefängnis geschickt. »Sie haben mir Mut, Hoffnung und Energie gegeben.« Sie hoffe, dass die Krise um die Inhaftierung von Deutschen in der Türkei eines bewirkt habe: »Dass sich die deutsche Öffentlichkeit mehr für die Lage der Menschenrechte in der Türkei interessiert.«

Tolu hat sich ihren Optimismus trotz Haft und Ausreisesperre bewahrt. Sie sagt, ihr Verfahren werde sich wegen der vielen Angeklagten sicherlich noch lange hinziehen, am Ende rechne sie aber nicht damit, wieder ins Gefängnis zu müssen. Die Vorwürfe gegen sie seien haltlos. »Ich bin glücklich und zufrieden, weil ich jetzt in Freiheit bin. Das schätzt man viel mehr, wenn man weiß, wie es ist, eingesperrt zu sein.« Eines wünsche sie sich allerdings: Dass nicht nur ihr Fall, sondern auch die Fälle der vielen in der Türkei inhaftierten Journalisten in Deutschland nicht in Vergessenheit gerieten. dpa/nd

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