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Stress und andere Mythen

Onkologen schließen die Existenz von »Krebspersönlichkeiten« aus und warnen vor dem Druck, positiv denken zu müssen

  • Von Eric Breitinger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein 55-jähriger Mann aus Freiburg ist sicher, dass seine schwere Kindheit ihn anfällig für Krebs mache. Eine zweifache Mutter macht die lieblose Beziehung zu ihrem Mann dafür mitverantwortlich, dass sie Lymphknotenkrebs bekommen hat. Eine Journalistin Mitte 40 glaubt, dass sie sich beruflich zu viel mit »negativen Dingen beschäftigt« habe und deswegen an Brustkrebs erkrankt sei. Wie diese Personen glauben viele Menschen, dass Stress und Krebs eng zusammenhängen. In einer repräsentativen Umfrage des Informationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszen-trums in Heidelberg im vergangenen Jahr stimmten 61 Prozent von 2023 Befragten der Aussage zu, dass Stress und psychische Belastungen Krebs auslösen können. Lange glaubten sogar Psychiater und Psychologen an die Existenz von »Krebspersönlichkeiten«: Laut dieser Theorie neigen Menschen mit depressiven Zügen, die Ärger und Wut oft unterdrücken, vermehrt zu Krebs.

Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst nennt dies »weitverbreitete Krebsmythen«. Auch Judith Alder, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoonkologie und Privatdozentin an der Universität Basel, stellt klar: »Stress und psychische Belastungen tragen nach heutigem Wissen nicht zur Entstehung von Krebs bei.« Es gebe keine typischen »Krebspersönlichkeiten«. Auch der Krebsarzt Thomas Cerny, Präsident von Krebsforschung Schweiz, sagt: »Tumore lassen sich nicht mit psychischen Auffälligkeiten erklären.« Bei allen Formen von Krebs beginnt eine ungebremste Zellteilung.

Zahlreiche Studien unterstreichen das: Zum Beispiel analysierten im Jahr 2004 holländische Forscher 70 einschlägige Studien: Den Autoren zufolge zeigte keine »überzeugend«, dass psychische Faktoren einen Effekt auf die Krankheit hatten. 2013 werteten Forscher aus mehreren EU-Ländern ein Dutzend Studien mit insgesamt 116 000 Teilnehmern aus Frankreich, Holland, Schweden, Finnland, Dänemark und Großbritannien aus. Die Wissenschaftler fanden keinen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Krebsrisiko. Im Jahr 2016 analysierten britische Forscherinnen und Forscher die Daten von 106 000 Frauen und fanden heraus, dass das Erleben von Stress in den vorherigen fünf Jahren oder der frühe Verlust eines Elternteils das Risiko nicht erhöhten, Brustkrebs zu bekommen.

Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst betont, dass »Stress das Krebsrisiko allenfalls indirekt erhöht, indem er zu einem ungesunden Lebensstil führen kann«. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt rund 30 Prozent aller Krebsfälle in westlichen Ländern auf ungünstige Ernährung und zu wenig Bewegung zurück. Übergewicht erhöht laut der Internationalen Krebsforschungsagentur zum Beispiel das Risiko für mindestens 13 Krebsarten. Der Konsum von Alkohol steigert die Wahrscheinlichkeit von Krebs an Dick- und Enddarm, der Speiseröhre, in der Mundhöhle, von Lebertumoren und von Brustkrebs bei Frauen. Neun von zehn Lungenkrebserkrankungen bei Männern und sechs von zehn bei Frauen sind eine Folge des Rauchens. Die Vererbung verursacht indes höchstens zehn Prozent aller Darm- und Brustkrebserkrankungen. Klar ist auch: Ältere erkranken häufiger als Jüngere. Denn mit dem Alter steigt das Risiko, dass sich Zellen ungebremst zu teilen beginnen und so Krebs entsteht. Auf einen unter 15-jährigen Krebskranken kommen daher 200 bis 300 Krebspatienten, die über 80 sind.

Im Einzelfall lässt sich die Ursache meist jedoch nicht exakt benennen. Laut Krebsforscher Thomas Cerny stellen sich fast alle Betroffenen die Frage: Warum ich? Psychoonkologin Judith Alder erkennt darin den Wunsch, klare Ursachen für eine oft unerklärliche Krankheit zu benennen: »Es ist schwer zu akzeptieren, dass man nur Pech hatte.«

Hartnäckig hält sich auch der Glauben, dass die richtige Einstellung zur Heilung von Krebs beitragen könne. Bei der bereits erwähnten repräsentativen Umfrage stimmten 84 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass eine kämpferische Grundhaltung die Überlebenschancen erhöhe. Massenhaft publizierte Zeugnisse von Betroffenen könnten dazu beigetragen haben. Psychoonkologin Judith Alder warnt jedoch vor der Idee, Krebs durch »positives« Denken günstig beeinflussen zu wollen. Denn »offensichtlich klappt das nicht«. Es gebe auch keine wissenschaftlichen Belege, dass Gedanken Krebszellen verändern könnten. Der Zwang zum »positiven« Denken könne Patienten jedoch unter Druck setzen. Sie unterdrückten im schlimmsten Fall durch den Krebs ausgelöste Gefühle wie Trauer, Wut oder Todesangst. Das erhöht laut Experten das Risiko, sich nicht angemessen behandeln zu lassen.

Psyche und Krebs spielen letztlich anders zusammen als gedacht: Etwa jeder dritte Krebspatient entwickelt laut Studien aufgrund der Krebsdiagnose erst Depressionen oder starke Ängste bis hin zu Panikattacken. Psychoonkologen bieten den Betroffenen professionelle Hilfe an, damit sie lernen, mit den psychischen Nebenwirkungen ihrer physischen Erkrankung besser klarzukommen.

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