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Sumsumsum, die Biene fällt tot um

Bündnis von Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden fordert die Bundesregierung auf, den Insektenschwund zu stoppen

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Wildbiene im Pollenrausch – ein Bild, das auf den Wiesen immer seltener zu finden ist.
Wildbiene im Pollenrausch – ein Bild, das auf den Wiesen immer seltener zu finden ist.

Auf dem Dach des Deutschen Theaters in Berlin ist es kalt und nass. »Bei diesem Wetter bleiben die Bienen in ihrem Stock und arbeiten dort«, beruhigt Imker Michael Stürenburg die anwesenden Journalisten, die auf ein bisschen fliegendes Gesumme mitten in der Stadt gehofft hatten. Dass auf Wiesen, Feldern oder anderen Grünflächen immer weniger Bienen unterwegs sind, ist allerdings sehr wohl ein Grund zur Beunruhigung. In den vergangenen Jahren hat sich der Insektenbestand hierzulande dramatisch verringert - mit weitreichenden Folgen für das gesamte Ökosystem. Von einem »Massensterben« spricht Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzringes (DNR), der am Donnerstag ein Positionspapier von Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden vorstellte. Darin werden sechs Forderungen an die Bundesregierung gestellt, die versprochen hatte, in den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit ein Aktionsprogramm Insektenschutz zu erarbeiten.

Am Freitag wolle man sich mit Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) treffen, um die Forderungen der Verbände vorzustellen, so Niebert. Man könne das Insektensterben nicht mehr länger ignorieren. Die Studie des Entomologischen Vereins Krefeld, die im Oktober vergangenen Jahres für viel Aufsehen gesorgt hatte, habe hierzulande überhaupt erst die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt, obwohl Fachleuten das Problem schon lange bekannt sei. Nach den Studienergebnissen hatte sich der Bestand an Fluginsekten im Orbroicher Bruch bei Krefeld innerhalb von 27 Jahren um 75 Prozent verringert.

Zwar sei das dort untersuchte Gebiet klein und das Vergleichsjahr 1985 gegenüber 2013 enorm insektenreich gewesen, dennoch lieferten die Ergebnisse zusammen mit anderen Messungen einen Beweis für den deutlichen Rückgang der Fluginsekten, sagte Neurobiologe und Bienenexperte Randolf Menzel. Rund 40 Prozent weniger Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge, Fliegen und andere geflügelte Sechsbeiner schwirren demnach bundesweit umher, wenn man Beobachtungen von vor 30 Jahren zugrunde legt. Und nicht nur die Gesamtzahl wird immer weniger, sondern auch die Artenvielfalt.

Das hat Folgen - sowohl für Pflanzen, die nicht mehr bestäubt werden, als auch für die Nahrungskette, denn viele Amphibien, Vögel und auch Säugetiere ernähren sich von Insekten. Hauptschuldiger an der Misere ist der Mensch: Straßen- und Schienenbau, Lichtverschmutzung und Zersiedelung zerstören die Lebensgrundlage für Pflanzen und Tiere. Für die industrielle Landwirtschaft mussten Wiesen, Wälder und Sumpfgebiete riesigen Monokulturen weichen, die mit Maschinen beackert und mit Chemie gegen Krankheiten und Schädlinge geschützt werden. Unkrautvernichter wie das umstrittene Glyphosat und Insektizide wie die verschiedenen Neonikotinoide werden auf den Feldern verteilt - und erreichen über den natürlichen Kreislauf auch Wildbienen, Hummeln und andere Bestäuber. Weil sie wasserlöslich sind, dringen sie in den Boden ein und vergiften auch die dort lebenden Tiere. Neonikotinoide seien Nervengifte, betonte Niebert. Laut verschiedenen Studien beeinträchtigen sie das Lernvermögen und den Orientierungssinn von Bienen, machen sie flugunfähig, unfruchtbar oder töten sie. Was beim Einsatz gegen Menschen aber Proteste hervorrufe, kümmere bei Insekten nur wenige.

Inzwischen hat auch die Politik erkannt, dass es Probleme bringt, wenn Gifte Insekten töten oder sich in deren Kreislauf anreichern und am Ende auch im menschlichen Körper landen. Jedes Jahr werde etwa hektoliterweise Honig vernichtet, weil er die ohnehin schon sehr hoch angesetzten Grenzwerte für Neonikotinoide überschreite, sagte DNR-Agrarexpertin Ilka Dege. Am Freitag will nun der zuständige EU-Ausschuss entscheiden, ob die drei am häufigsten eingesetzten Neonikotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin für die Benutzung im Freiland zugelassen bleiben. Agrarministerin Klöckner hatte gesagt, dass sie ein EU-weites Verbot begrüßen würde, doch der Ausgang der Abstimmung ist unklar.

Derzeit werden aber noch weitere Neonikotinoide eingesetzt. Die Umweltverbände fordern in ihrem Papier neben deren sofortigem Verbot eine deutliche Reduzierung auch aller anderen Pestizide. Doch es geht dem Bündnis darüber hinaus um eine grundsätzlich andere Agrarindustrie. Es brauche kleinteiligere und vielfältigere Anbauflächen, weniger Dünger, mehr Naturschutzgebiete, mehr Räume für Insekten auch in Kleingärten, Kommunen und auf Unternehmensgeländen sowie mehr und bessere Forschung und Bildung in Sachen Insektenschutz, fasste Niebert die Hauptpunkte zusammen. »Es kann nicht sein, dass in der Industrie auf Qualität als Verkaufsargument gesetzt wird, die Landwirtschaft aber so billig wie möglich produziert und exportiert. Da müssen wir dringend umdenken.«

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