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Ohne Sinn und Verstand

Rudolf Walther kritisiert das Medienecho zum Arbeitskampf der Eisenbahner in Frankreich und fragt: Wie sollen sie sich gegen die Privatisierung wehren, wenn nicht notfalls mit Streik?

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Wenn es um Arbeitskämpfe, zumal um Streiks von Eisenbahnern geht, setzen bei vielen Verständnis und Verstand zugleich aus. Das musste Claus Weselsky von der deutschen Spartengewerkschaft der Lokführer vor zwei Jahren erfahren. Momentan müssen seine französischen Kollegen von gleich vier Gewerkschaften dieselben Erfahrungen machen. Natürlich schätzt es niemand, wenn Züge stehen statt fahren. Aber wie sollen sich Eisenbahner wehren gegen die Privatisierung im Gewand von »Reformen« oder für ihre Interessen und Rechte kämpfen, wenn nicht notfalls mit Streik? Die Koalitionsfreiheit, eingeschlossen das Streikrecht, gehört zu den Grundrechten. Annabelle Hirsch, »taz«-Kolumnistin mit sehr begrenztem Wahrnehmungshorizont, wittert bei Streiks gleich einen »Gesamtraum der Dauerdemonstrationen« und »Geiselhaft«, obwohl sich die Eisenbahner der SNCF ein sehr kluges Streikszenario ausgedacht haben: Sie streiken zwei Tage und arbeiten danach drei - und dies nach festgelegtem Plan bis in den Juni. Es ist eine logistische Meisterleistung von Gewerkschaften und Betriebsleitern, dass das alles wunderbar klappt: Der TGV von Frankfurt nach Avignon verkehrte jüngst auf die Minute genau. Und bei der Rückfahrt war er bis Karlsruhe pünktlich. Von Karlsruhe bis Frankfurt (Fahrzeit etwas über ein Stunde) bescherte die DB dem Zug allerdings fast 40 Minuten Verspätung. Soll man diese auch als »Geiselhaft« verteufeln?

Ähnlich einfältig wie die Rede von der »Geiselhaft« ist jene von den »Privilegien« der Eisenbahner. Es gibt Sonderregelungen für die Eisenbahner als Kompensation für Nacht- und Feiertagsdienste und häufige Versetzungen. Und die Eisenbahner können zwischen 52 und 57 in Rente gehen, die meisten allerdings mit Abschlägen, weil zwei Drittel der Eisenbahner nicht genügend Beitragsjahre zusammen bekommen. Es folgt die obligate Milchmädchenrechnung mit den »Durchschnittsgehältern«. Die liegen bei der SNCF bei 3173 Euro brutto, gut 100 Euro höher als in der Privatwirtschaft. Aber was heißt es für den Rangierarbeiter, wenn das Gehalt eines Ingenieurs im mittleren Dienst von 5000 Euro mit seinem Gehalt von 1200 Euro statistisch zum Durchschnitt von 3100 Euro hochdividiert wird?

Schon beim großen Eisenbahnerstreik von 1995 operierten die Medien mit den Schlagworten »Privilegien«, »anachronistische Relikte«, »Korporatismus« und »Egoismus«. Gegen diese Phrasen aus dem Arsenal des neoliberalen Konformismus wandten sich nicht nur die Streikenden und die Gewerkschaften, sondern auch linksliberale und linke Medien und vor allem der Soziologe Pierre Bourdieu. Er verließ den Schreibtisch und den Lehrstuhl am Collège de France, sprach vor den streikenden Eisenbahnern in der Pariser Gare de Lyon und demonstrierte mit ihnen auf den Straßen von Paris. Bourdieu denunzierte die wohlfeile Rede von den »Privilegien« der Eisenbahner mit dem Hinweis, dass 60 Prozent der Eisenbahner mit bescheidenen Löhnen auskommen mussten (1995 2100 Francs brutto, etwa 750 DM). Vor allem aber wandte sich Bourdieu gegen den Versuch der damaligen liberal-konservativen Regierung Juppé, den defizitären Staatshaushalt auf dem Rücken der Eisenbahner und auf Kosten des Sozialbudgets zu sanieren.

Bourdieus Solidarisierung mit den Streikenden und sein Engagement zur »Wiedereroberung der Demokratie gegen die Technokratie« führte zu einer Spaltung der linken Intellektuellen und der Medien in das Lager des neoliberalen Einheitsdenkens (»pensée unique«) und jenes der Gesellschafts- und Kapitalismuskritiker. Die Elite, so Bourdieu, verletze das Versprechen republikanischer Gleichheit. Der Soziologe Alain Touraine und der Publizist Alain Minc wurden zu Galionsfiguren des ersten, Bourdieu zum bekanntesten Exponenten des zweiten Lagers. Diese Spaltung der Intellektuellen und ihrer Publikationsmedien erwies sich als dauerhaft.

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