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Polierter Schädel, wallender Bart

Von Neuhardenberg nach Marxwalde und zurück

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wer vom Westen in den Ort kommt, der einmal Marxwalde hieß, begegnet erst einmal Friedrich Engels. So heißt die Straße, die anfangs sechs Plattenbauten umkurvt und sich dann an Einfamilienhäusern, Möbel-Fischer und Büro-Perfekt entlang durch das halbe Neuhardenberg schlängelt. Da, wo es nicht mehr weitergeht, fängt Karl Marx an. Dass der hier ein bisschen höher in der Bedeutung rangiert, sieht man daran, dass nach ihm eine Allee benannt ist, bei Engels ist es nur eine Straße.

Es hätte anders kommen können. Als Neuhardenberg, das auch schon einmal Quilitz hieß, 1949 in Marxwalde umbenannt wurde, standen auch alternative Namensvorschläge zur Wahl. Thälmannsfelde zum Beispiel. Oder Engelshagen. So berichtet es jedenfalls Lothar Banse, studierter Historiker, inzwischen jenseits der 70 und einer, der die Gegend rund um das Dorf am Rande des Oderbruchs sehr gut kennt.

Warum die anderen Vorschläge »es nicht geschafft« haben, kann man sich hinzudenken: Marx stand in der realsozialistischen Ahnengalerie einfach weiter oben. Oder man sucht weiter: »Die genauen Gründe für den neuen Ortsnamen sind nicht überliefert«, so heißt es in einem Lexikon über Neuhardenberg. »Ein Zusammenhang mit der Ablehnung der preußischen Vergangenheit und ihrer Vertreter durch die neuen Machthaber liegt nahe.«

Das ist ziemlich zurückhaltend formuliert. »Die Entscheidung entsprang der damaligen Situation«, so hat es Karl-Heinz Hanke einmal erzählt, der lange Zeit Bürgermeister von Marxwalde war. »Der Krieg hatte das Dorf zerstört, die Felder waren vermint, Menschen starben an Typhus, 1945 gab es keinen Arzt, eine Sechsklassenschule. Viele Neu-Hardenberger setzten Graf, Militarismus, Krieg und Ausbeutung gleich. Sie hatten es auch nicht anders erlebt.« Da spielte dann auch keine große Rolle mehr, dass sich im Schloss der Hardenbergs auch Offiziere getroffen hatten, die im Widerstand zu Hitler standen.

Ob die Namenswahl damals nun einstimmig erfolgte oder ob Moskau bei der Sache seine Hände im Spiel hatte, darüber hört man unterschiedliche Geschichten. Die damalige SED-Ortsgruppe hatte Marx wohl vorgeschlagen, auf einer Versammlung der Gemeindevertreter kursierten auch noch Linddorf oder Kastanienwald. Sicher ist jedenfalls, dass Neuhardenberg ab dem 1. Mai 1949 Marxwalde hieß. Bis die nächste historische Wende die Entscheidung revidierte - auch diesmal nicht gerade mit einhelliger Zustimmung der Leute aus dem Ort.

Immerhin: Die Allee heißt heute immer noch nach Marx. Von der Engels-Straße kommend sind es nur ein paar Meter nach rechts bis zu einer Statue des Alten aus Trier, die trotz ihres noch vergleichsweise jungen Alters schon eine ziemlich aufregende Geschichte hat. Und das liegt nicht nur daran, dass der Mann, der das vielleicht wichtigste Buch über den Kapitalismus geschrieben hat, von seinem Standort aus unter Bäumen auf die Sparkasse auf der anderen Straßenseite schaut.

Dort war früher die Alte Dorfförsterei, aber Marx hätte es bestimmt gefallen, »auf das Kapital« zu blicken, wie Dietmar Zimmermann vom Heimatverein es formuliert. Die Büste stammt vom bekannten Bildhauer Fritz Cremer und ist erst kurz vor dem Ende der DDR eingeweiht worden - im Vorfeld der letzten Arbeiterfestspiele, eine Art Kulturfest, das eine Woche andauerte. Damals war auch der Dorfanger erneuert worden.

Cremers Bronze steht auch heute noch am nördlichen Ende des kleinen Parks. Allerdings fehlte der markante Schädel mit dem wallenden Bart dort für einige Jahre - man hatte ihn nach der Wende vom Sockel gestürzt, Zimmermann spricht von Vandalismus, man könnte auch Ikonoklasmus sagen.

1993 kam Marx allerdings zurück nach Neuhardenberg, Leute aus dem Dorf hatten sich für die Wiederaufstellung eingesetzt und der damalige PDS-Fraktionsvorsitzende persönlich holte die Büste mit seinem alten Opel aus einer Berliner Gießerei. Marx’ Kopf war frisch poliert, die 850 D-Mark dafür kamen aus der Gemeindekasse, Dorfbewohner sangen »Happy birthday, lieber Karl«.

Wer heutzutage regelmäßig durch Neuhardenberg fährt, wird auf dem kleinen Karree aus Betonplatten, die um die Cremer-Büste liegen, immer wieder frische Blumen entdecken, vor allem um den Geburtstag von Marx herum treffen sich Neuhardenberger an der Bronze. Es sind keine Staatsakte mehr, eher kleine politische Protestaktionen, die meist die Linkspartei aus der Gegend initiiert: Immerhin wird hier einer der schärfsten Kritiker des Kapitalismus geehrt.

Jetzt zum 200. Geburtstag gibt es regelrechte Marx-Feierlichkeiten. Dietmar Zimmermann vom Heimatverein hat ein Geschichtsforum organisiert, das der Aktualität von Marx nachspüren soll. In einem Sonderpostamt samt Sonderstempel wird es die Sonderbriefmarke der Post zu Ehren des Philosophen geben. Eine Ausstellung im Dorfmuseum läuft schon ein paar Tage. Und natürlich wird man sich auch am Karl-Marx-Denkmal treffen.

Die Büste von Fritz Cremer hat zwei Vorgänger, und auch deren Geschichten gehören zu Marxwalde. Bereits am 5. Mai 1953 war der Philosoph und Ökonom mit einer Plastik in dem kleinen Ort geehrt worden, ein Hinweis darauf findet sich ausgerechnet in der »Chronik der Wernigeröder Sozialdemokratie 1848 bis 2013«. Auch in der Harz-Stadt war damals der Auftrag zu einer Marx-Büste erteilt worden; doch die Marxwalder liefen den Wernigerödern den Rang ab - jedenfalls für kurze Zeit.

Denn »die wohl überhaupt erste Karl-Marx-Büste«, wie es in der sozialdemokratischen Chronik vage heißt, die nach dem Krieg auf DDR-Gebiet im Freien aufgestellt wurde, überdauerte nicht lange: Sie »war aus Ton gebrannt und überlebte das Frostwetter nicht«, so Zimmermann. Schlecht gebrannt sei die Arbeit gewesen. Nicht einmal ein Foto ist überliefert. Der erste Marx von Marxwalde wurde kein Jahr alt. 1968 wurde die nächste Marx-Büste in dem Dorf aufgestellt - im Rosengarten des Schlosses. Und natürlich auch diese an einem 5. Mai.

Hier hatten die Hardenberger einen ihrer Sitze, der letzte Gutsherr Graf Carl-Hans war von den Nazis wegen seiner Unterstützung des Attentats auf Hitler am 20. Juli enteignet worden, das Land dann später im Zuge der Bodenreform auf Ortsansässige verteilt. Das Schloss selbst diente als Lazarett, später als Schule und auch einmal als Trainingsstätte für Gewichtheber.

Über die zweite Marx-Büste von Marxwalde ist nicht viel mehr bekannt als über die erste. Es gibt zwar Fotos von der feierlichen Aufstellung 1968, so Zimmermann. Und in einer alten Ausgabe des »ND« findet man den Hinweis, dass Schüler aus dem Ort »die im Park des ehemaligen Schlosses errichtete Büste von Karl Marx, geschaffen von dem Seelower Künstler Heinrich Bolduan, in ihre Obhut genommen« hätten.

Weder die »Betreuung« noch die Tatsache, dass die künstlerische Arbeit diesmal aus Stein war, änderten aber etwas daran, dass auch diese Plastik nicht besonders alt wurde. »Wohl bis 1987« habe sie im Schlosspark gestanden, hört man. Dann rückten die Arbeiterfestspiele heran, Garten und Dorfanger wurden umgestaltet und der zweite Marx musste dem dritten weichen.

An diesem 5. Mai wird in Neuhardenberg keine vierte Marx-Büste aufgestellt. Aber es wird an ihn gedacht und über ihn gesprochen. Sogar die Schloss-Stiftung hat ihn ins Programm genommen - Boris Aljinovic hat ein Gastspiel mit »Marx in Soho«, einem Stück des berühmten Historikers und Politikwissenschaftlers Howard Zinn, der sich bis zu seinem Tode 2010 der Geschichte von unten gewidmet hatte.

In dem Dramolett spricht Marx über sich selbst, über seine Ehe, seine Familie, und er denkt kritisch über seine eigenen Theorien nach, bekennt Irrtümer. Eine Pointe des Stücks ist, dass der totgesagte Marx für eine Stunde zurückkehren kann in die lebendige Welt - um zu sehen, was aus seinem Werk wurde, was andere daraus machten. Doch statt wie gewünscht in seine Zeit zurückzureisen, in das Londoner Soho des späten 19. Jahrhunderts, den Stadtteil im West End, taucht er wegen eines Irrtums im Soho von New York unserer Tage auf, einem Stadtteil von Manhattan. Was Marx dort 150 Jahre nach Abfassung des ersten Bandes des »Kapital« an sozialen Problemen sieht, bestätigt seine keineswegs aus der Epoche gefallene Analyse.

Wär er versehentlich ins einstige Marxwalde versetzt worden, seine kleine Zeitreise der Selbstreflexion hätte wohl kaum andere Ergebnisse gebracht. Wer Neuhardenberg Richtung Norden verlässt, bekommt einen kleinen Eindruck davon: Der einstige Flugplatz ist weitgehend stillgelegt, die Arbeitslosenquote in der Gegend liegt über dem Bundesschnitt. Und das trotz Aufschwungs.

Der Alte aus Trier hätte darob mit dem Kopf genickt, nicht aus Zustimmung, sondern weil er es erklären konnte. Die Straße, auf der es Richtung Wriezen geht, heißt bis zum Ortsausgang - natürlich: Karl-Marx-Allee.

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