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Mucksmäuschenstill

Was das Finale der Schachbundesliga am Wochenende in Berlin so besonders macht

  • Von Florian Brand
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Frauen im Schach müssen sich auch heutzutage noch einiges anhören«, sagt Jörg Schulz, erster Vorsitzender der Berliner Schachfreunde 1903. »Und für einige ältere Semester ist es leider Gottes noch immer eine große Schande gegen eine Frau zu verlieren.« Mit ihm am Tisch sitzen vier weitere Vereinsmitglieder: Männer und zum Teil weit über 40.

Der Schachfreunde Berlin 1903 e.V. hat vor den anstehenden drei Endrunden der Schachbundesliga in Berlin zur Pressekonferenz geladen. Neben »nd« hat sich nur ein Kollege der »Welt« eingefunden - sehr zum Bedauern der anwesenden Schachprofis. Von Sonnabend bis Dienstag werden im Maritim-Hotel in der Berliner Stauffenbergstraße alle 16 Vereine der 1. Schachbundesliga der Männer aufeinandertreffen und wie im vergangenen Jahr ihre letzten Ligarunden absolvieren.

Anders als 2017 wird die Frauen-Bundesliga diesmal nicht dabei sein. Deren letzte Runde wurde bereits Ende März ausgespielt und endete mit dem Titelgewinn der Frauen von der OSG Baden-Baden. Statt der Frauen spielt am Wochenende die Jugend-Bundesliga Nord-Ost ihre beiden Schlussrunden aus - mit Vereinen aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

In einer Mehrzweckhalle des nahe gelegenen Nachbarschaftstreffpunktes in der Bülowstraße treffen sich derweil einige Vereinsmitglieder der Berliner Schachfreunde. Jeden Mittwoch wird hier gemeinsam trainiert. Mit ihren 135 Vereinsmitgliedern zählen die Schachfreunde zu den größeren Berliner Spielvereinigungen. 90 000 organisierte Schachspieler gibt es bundesweit, davon sind 27 000 Kinder oder Jugendliche.

Die Frauenquote der Schachfreunde liegt mit knapp zehn Prozent leicht über dem deutschen Durchschnitt von sechs bis sieben Prozent. Vor allem in ländlichen Gegenden treffe man immer wieder auf reine Männervereine, erzählt der Schachfreunde-Vorsitzende Schulz. Dieses Geschlechterverhältnis ist international ähnlich.

Warum Schach bei Frauen so unbeliebt ist, dafür hat Schulz keine endgültige Erklärung. »Für viele ist Schach immer noch ein Gentleman-Sport«, glaubt er. Während Mädchen sich in der Grundschule durchaus für den Denksport begeistern können, hört das Interesse mit dem Eintritt in die Pubertät bei fast allen schlagartig auf. »Es gibt nun mal spannendere Dinge, als in seiner Freizeit vor einem Schachbrett zu grübeln.«

Doch auch bei den Jungs hätten fast alle Vereine Nachwuchsprobleme, sagt Lars Thiede, internationaler Meister und für die Nachwuchsförderung bei den Berliner Schachfreunden zuständig. Er ist mit seinen 48 Jahren der Jüngste am Tisch.

Auf die anstehenden vier Tage blicken alle Anwesenden mit Spannung und Begeisterung. »Das ist für uns so was wie unser eigenes Schachfestival«, sagt Thiede. Im vergangenen Jahr besuchten rund 500 ZuschauerInnen die Endrunde in Berlin. Auch in diesem Jahr werden einige Hundert erwartet. Neben den Bundesliga-Schachpartien gibt es außerdem ein Blitzschachturnier, das mit seinen 10 000 Euro Preisgeld eines der höchstdotierten seiner Art in Deutschland ist.

Außerdem finden an allen Tagen Workshops statt, etwa zum Thema »Mädchen- und Frauenarbeit in Vereinen« oder »Schach im Internet - Wie müssen Vereine sich aufstellen, um attraktiver zu sein als das Internetschach?«. Zudem wird es ein Jugend-Schnellschachturnier geben, ein PolitikerInnen-Turnier, das Viertelfinale um den Berliner Mannschaftspokal und das Finale der Berliner Feierabendliga.

Ausgewählte Schachpartien werden live im Internet übertragen. Besonders stolz ist man auf die Kommentierung der Partien durch den Berliner Großmeister Robert Rabiega. Verknüpft werden die vier Tage mit einer Konferenz anlässlich des 150. Geburtstages des Mathematikers und Philosophen, der Berliner Schachlegende Emanuel Lasker.

Der spannendste Tag dürfte jedoch der Sonntag werden: Neben erwähntem Blitzturnier, an dem zahlreiche Meister und Großmeister wie der Inder Viswanathan Anand teilnehmen, treffen an diesem Tag auch der Spitzenreiter OSG Baden-Baden auf den Tabellendritten SV Hockenheim sowie der Zweite SG Solingen auf den Sechsten SK Schwäbisch Hall. Hier könnte sich unter Umständen schon einiges entscheiden.

Doch auch auf den unteren Rängen bleibt es an den kommenden Tagen spannend, denn die bislang vier abstiegsgefährdeten Vereine Hamburger SK, MSA Zugzwang 82, FC Bayern München und SK Norderstedt 1975 müssen alle noch jeweils gegeneinander spielen. »Es könnte also passieren, dass einer der vier Letztplatzierten durch die Decke schießt und die untere Tabellenhälfte kräftig durchwirbelt«, sagt Schachgroßmeister Rainer Polzin. Dass die Schachfreunde selbst von den Turbulenzen betroffen sein könnten, glaubt beim Neuntplatzierten hingegen niemand. Seit 1997 spielen die BerlinerInnen nun schon in der ersten Bundesliga. Einen Abstieg hat es in dieser Zeit gegeben, gefolgt vom direkten Wiederaufstieg.

Ginge es nach den Berlinern, wird das Bundesligafinale auch 2019 hier stattfinden - und gerne auch in den Jahren darauf. »Wenn man uns lässt, machen wir das noch eine ganze Weile«, sagt Polzin mit einem verschmitzten Grinsen. Auch der Vereinsvorsitzende Schulz glaubt an die Besonderheit des Schachfreunde-Festivals: »Mit dem Maritim-Hotel und dem kulturellen Rahmenprogramm, wird uns am Wochenende eine für Schachverhältnisse ungewöhnlich spannende Atmosphäre erwarten.«

Darüber hinaus rät Schulz auch Menschen, die nichts mit Schach am Hut haben, ruhig trotzdem mal an einem der Tage vorbeizuschauen, denn: »Es ist schon sehr beeindruckend, mehrere Hundert Menschen in einem Raum zu erleben, während es mucksmäuschenstill ist.«

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