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Rein ins Getümmel

Wenn die gesellschaftliche Linke die ausgebeuteten Lohnabhängigen nicht verlieren will, muss sie auf die Menschen ohne Scheu und ehrlich zugehen - ein Vorschlag

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die gesellschaftliche Linke hat ein Problem. Ein relevanter Teil der armen oder armutsgefährdeten Menschen wendet sich von ihr ab und rechten Kräften zu. Mit jeweils rund 20 Prozent wählten bei der Bundestagswahl überdurchschnittlich viele Arbeiter und Erwerbslose die AfD. Dieses Phänomen ist nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt, auch der Erfolg von Donald Trump spiegelt es wider. Ursachen und Konsequenzen werden derzeit in akademischen Kreisen heftig diskutiert, etwa im Rahmen der Debatte um Neue Klassenpolitik oder im Zuge des Buches »Rückkehr nach Reims« des französischen Soziologen Didier Eribon.

Einige Thesen könnte man folgend zusammenfassen: 1. Ein Teil der unzufriedenen Lohnabhängigen wendet sich von der Linken ab, weil er sich nicht mehr von ihr vertreten fühlt und benutzt die Rechten, um politisch Gehör zu finden. 2. Ein Teil Lohnabhängigen wird nicht mehr durch Linke erreicht, weil diese vermeintlich eine falsche Ansprache, falsche Strategien und falsche inhaltliche Prioritäten setzen. 3. Der Großteil der Lohnabhängigen hat einen diffusen und widersprüchlichen Alltagsverstand und kann erreicht werden, ein kleinerer wendet sich jedoch auch bewusst rechten Kräften zu und gehört isoliert.

Es liegt auf der Hand, dass linke Parteien, soziale Bewegungen, kritische Gewerkschafter und radikal linke Organisationen überlegen müssen, wie sie unter diesen Bedingungen Politik gestalten. Aus der simplen Notwendigkeit der Kräfteverhältnisse heraus wäre eine Zusammenarbeit naheliegend, da keiner der genannten Akteure zurzeit alleine die Möglichkeit zu einer gesellschaftspolitischen Offensive besitzt. Doch wie könnte diese überhaupt aussehen?

Ein breites emanzipatorisches Bündnis, inklusive feministischer, antirassistischer und internationalistischer Kräfte, müsste die sozialen Konflikte und die notwendige Umverteilung von oben nach unten vehement auf die Tagesordnung der Bundesrepublik setzen. Polarisierend, mitunter emotional, im scharfen Widerspruch zum Status quo, verständlich. Statt verkopfter Reden auch mal öffentlichkeitswirksam auf den Tisch hauen, auf allen Kanälen und Schauplätzen, die zur Verfügung stehen.

Ein »Wir« gegen »Die« ist essenziell, bei der Ausformulierung braucht es Fingerspitzengefühl. »Das gute Volk« im Kampf gegen die »korrupte Elite« oder das »gierige Finanzkapital« zu mobilisieren, schafft Anschlussfähigkeit für Rechte und ist letztlich nur diesen nützlich. Ein verbreiteter Irrtum liegt in der Annahme, an reaktionäre Einstellungen der Lohnabhängigen appellieren zu müssen, um diese erreichen zu können.

Wenn die eigenen Werte antirassistisch und feministisch geprägt sind, wäre es schlicht purer Paternalismus, mit entgegengesetzten Anspielungen zu arbeiten. Wer die ausgebeuteten Lohnabhängigen ernst nimmt, muss als Linker bestimmten Sichtweisen auch widersprechen können, um daraufhin alternative Deutungsangebote zu geben.

Dies entbindet nicht von der Aufgabe, die eigenen Positionen erklären zu können. Menschen erwarten Antworten, wie Lohndumping durch Migration verhindert, Sicherheit für alle gewährleistet, Neoliberalismus in globalisierten Zeiten realistisch ersetzt werden kann. Begabte Rhetoriker wie Gregor Gysi, Bernie Sanders oder Jan »Monchi« Gorkow von Feine Sahne Fischfilet zeigen zumindest, dass es möglich ist, mit klar linken Botschaften Massen zu adressieren, ohne dabei Ressentiments zu bedienen.

Linke müssen zudem mehr, ohne Scheu und ehrlich ihre Studierstuben und Szenekneipen verlassen und sich mit den »normalen« prekarisierten Menschen in ihrer Umgebung auseinandersetzen. Auch linke Journalisten haben hier Nachholbedarf, gerade bei der Frage, wie sie diese Menschen erreichen. Auf die Ausgebeuteten zuzugehen beinhaltet, die Orte aufzusuchen, wo die fliehen, die können - soziale Brennpunkte, der Plattenbau, das Land. Es gilt allen Aufgeschlossenen zuzuhören, und langfristig in ihrer Mitte präsent zu sein.

Einer Verankerung könnten soziale Zentren oder Nachbarschaftskomitees dienen. Orte, in denen die verschiedenen prekären Milieus zusammentreffen und Solidarität wie Handlungsmacht erfahren. Basisdemokratische Mitbestimmung, niedrigschwellige Möglichkeiten zum Engagement und gegenseitige Hilfe bei Alltags-, Job-(Center)- oder Mietproblemen könnten im besten Fall Ohnmacht und Isolation überwinden. Auch die Unterstützung von Arbeitskämpfen kann nicht genug betont werden. Aktuelle Kampagnen wie im Pflegebereich und bei Amazon sind gute Beispiele.

Linke stehen vor der Herausforderung, zwischen den vielfach gespaltenen Armutsmilieus zu vermitteln - zwischen Geflüchteten und Einheimischen, Erwerbslosen und Lohnarbeitenden, prekären Akademikern und weniger gebildeten Prekären, LGBT, Migranten und »weißen, alten Männern«. Für diese Aufgabe müssen sie verschiedene Sprachen sprechen können. Und unterscheiden lernen, ob eine diskriminierende Sprache ohne besseres Wissen der Sozialisation entspringt oder Teil eines gefestigten Weltbildes ist. Toleranz, Ausdauer und Integrität sind gefragt.

Jahre der Resignation müssen durchbrochen werden. Doch arme Menschen, die sich organisieren und nicht spalten lassen, werden mächtig. Und Selbstermächtigung schafft dann Veränderung.

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