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Tote Helden

Die Linke in der Türkei kultiviert seit Jahrzehnten das Märtyrersterben

  • Von Inci Arslan
  • Lesedauer: 5 Min.

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In der Türkei kennt sie jeder: Mahir Çayan, Deniz Gezmiş und İbrahim Kaypakkaya, gestorben innerhalb von 14 Monaten zwischen März 1972 und Mai 1973. Mahir Çayan hatte mehrfach an Entführungen teilgenommen und war an der Ermordung des Diplomaten Ephraim Elrom beteiligt. Erschossen wurde Çayan, nachdem er mit weiteren Gründern der Türkischen Volksbefreiungs-Front THKP-C kanadische und britische Techniker gekidnappt hatte. Alle Entführer bis auf einen starben. Über Çayan heißt es unter türkischen Linken, er habe lieber den Tod in Kauf genommen, als aufzugeben.

Deniz Gezmiş, dessen Freipressung ein Ziel dieser Entführung gewesen war, starb durch den Galgen. Er war Mitbegründer der Volksbefreiungsarmee der Türkei, THKO, und wegen Bankraubs und Entführung US-amerikanischer Soldaten verhaftet worden. Nach dem Militärputsch vom 12. März 1971 wurde er zum Tode verurteilt. Die Geschichte dieses Sterbens eines 25-Jährigen geht so: Fast eine Stunde dauerte die Agonie, zuletzt rief Deniz Gezmiş: »Es lebe die Unabhängigkeit des türkischen Volkes! Es lebe die erhabene Ideologie des Marxismus-Leninismus! Es lebe der Unabhängigkeitskampf des türkischen und kurdischen Volkes! Nieder mit dem Imperialismus!«

Der Dritte im Bunde, İbrahim Kaypakkaya, war Mitbegründer der TKP/ML, er hatte sich mit einer Gruppe von Mitstreitern nach Zentralanatolien zurückgezogen, um dort mithilfe eines Guerillakrieges den »Volkskrieg« anzustoßen. Dabei wurde er angeschossen und erlag im Mai 1973 seinen Verletzungen.

Die Geschichten dieser drei Männer klingen wie aus einer anderen Zeit - doch in der Türkei werden sie bis heute erzählt und weitergegeben, die drei als Märtyrer der Linken verehrt. Ihre Konterfeis zieren Demonstrationstransparente - und zwar nicht nur die der besonders »Radikalen«. Es ist ungefähr so, als würden von Teilnehmern der Gewerkschaftsdemonstrationen am 1. Mai in Deutschland Transparente mit den Bildern von Andreas Baader und Ulrike Meinhof getragen.

Märtyrer, das sind in verschiedenen Religionen Menschen, die bereit sind, für ihren Glauben Qualen und den Tod zu erdulden, sich zu opfern. Menschen, die sich nicht ergeben, sondern standhaft bleiben. Und es ist genau diese Erzählung, die auch das Sterben radikaler linker Aktivisten in der Türkei begleitet und Tote zu Ikonen macht. Ein in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft, unter den Gläubigen wie den Kemalisten, gepflegter Kult der Opferung hat sich auch in die Geschichte der Linken eingeschrieben.

Schon vor fast einhundert Jahren, wurde, kurz nach Gründung der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) am Rande des Kongresses der Völker des Ostens im Aserbaidschanischen Baku, im September 1920 die komplette Führung dieser Partei auf dem Schwarzen Meer bei Trabzon ausgelöscht. Von diesem Zeitpunkt an war der Takt des Umgangs vom türkischen Staat mit Linken vorgegeben. Opfer forderte zudem der stalinistische Säuberungswahn in der Sowjetunion der 1930er bis 1950er Jahre. Viele türkeistämmige Kommunisten hatten sich in die Sowjetunion geflüchtet, einige starben dann dort in den Gulags, wie zum Beispiel Salih Hacıoğlu. Über seinen Tod schrieb der weltbekannte türkische Lyriker und wohl mit Abstand bekannteste Kommunist der Türkei, Nâzım Hikmet, nach Stalins Tod ein Gedicht. Hikmet selbst ist ebenfalls wichtiges Puzzlestück im Märtyrermosaik der Linken in der Türkei - er verbrachte einen großen Teil seines Lebens in türkischen Gefängnissen. Hikmets politische Biografie unterscheidet sich beispielsweise von Rosa Luxemburg, die zwar ebenfalls immer wieder hinter Gitter landete und wegen ihres Engagements ermordet wurde, aber die auch Arbeiterführerin sowie ein Teil realer, lebendiger Parteien und von Massenbewegungen war. Dagegen war Hikmet »nur« Gefangener, Exilant und Lyriker.

Von klein auf lernt so jeder: Wenn du links bist, gehört die Repression dazu, dein Körper ist Teil des politischen Kampfes. Wer aus einer linken Familie stammt, kennt Geschichten von Folter und Knast, Todesfasten und Illegalität. So etwas wie ein »unschuldiges« politisches Engagement gibt es nicht. »Die Geschichte der Türkei ist voller Menschen, die aus politischen Gründen getötet wurden«, schrieb der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel im März 2014 zum Tod des 15-jährigen Berkin Elvan aus dem armen Istanbuler Stadtteil Okmeydanı. »Aber es gibt keine gemeinsame Erinnerung. Wo man auch hinkommt, fast überall sind an den Wänden Bilder von Menschen zu sehen, die eines gewaltsamen Todes starben. (...) Und nur die Wenigsten davon finden sich in türkischen Schulbüchern.«

Die Zerrissenheit der Gesellschaft, so Yücel, spiegele sich in der Zerrissenheit der Trauer wider - »und der Unfähigkeit, aus dem historischen Abstand zu etwas wie einer Aussöhnung und damit zu einer gemeinsamen Erinnerung zu gelangen«. So wie der Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern und die brachiale Verfolgung der kurdischen Minderheit zur Grundsteinlegung der türkischen Republik gehörten, so begleiten Folter, Haft und Sterben die Linke in der Türkei, seit sie ihre ersten Schritte tat.

Das Problem ist: Große Teile der Linken in der Türkei haben aus großer Not eine ebenso große Tugend gemacht. Stark inspiriert von Guerilla-Bewegungen in Lateinamerika, vom chinesischen Maoismus und den albanischen Hoxhaisten, prägte eine Mischung aus Elitarismus, Gewaltverherrlichung, Autoritarismus und Personenkult den ersten massenhaften linken Aufbruch in den 1960er Jahren.

Diese linke Tradition war und ist bis heute - neben der staatlichen Repression - steter Nährboden für einen linken Märtyrerkult. Eine kritische Aufarbeitung oder Distanzierung war und ist kaum möglich. Denn einerseits sind Unzählige in den Mühlen der Militärdiktatur nach dem Putsch vom September 1980 zermalmt worden. Andere wiederum fetischisieren bis heute diese Tradition. Frühere Protagonisten, die es für eine kritische Aufarbeitung bräuchte, gibt es nicht mehr oder sie sind ausgelaugt. Die Mythen und mit ihnen der Märtyrerkult leben weiter.

Einen Moment der Öffnung gab es 2013, als die Gezi-Park-Bewegung Menschen zu Aktivisten machte, die mit den traditionellen Kulten und Organisationsformen der Linken in der Türkei nichts zu tun hatten. Zugleich brachte die Bewegung verstummten Alt-Linken neue Hoffnung, aber auch so etwas wie Demut. Erstickt wurde dieser Beginn einer breiten, undogmatischen, selbstreflektierten Bewegung im Tränengas der Polizei. Und je mehr die Repressionen unter dem AKP-Regime anziehen, desto alternativloser werden wieder jene, die dies in ein linkes Narrativ einflechten, in dem kein Platz ist für Ängste und Zweifel, sondern nur für Helden.

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