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Kulturkampf in Lederhosen

Andreas Koristka entdeckt mit Schrecken den Almabtrieb der nicht-bajuwarischen Sitten und Gebräuche

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vor nicht allzu ferner Zeit, konnte man als Reisender des Rhein-Sieg-Expresses eine traurige Begebenheit erleben. Es war kurz hinter Schladern. Der Zug fuhr von Siegen in Richtung Köln, da passierte es: Etwa 15 Menschen stiegen zu. Die Männer (in Lederhosen) trugen ihr Wegbier in der Hand, die Frauen (im Dirndl) pickten gelegentlich Likörfläschchen aus einem Korb, prosteten sich zünftig zu und setzten unter teuflischem Kichern zu trinken an.

Als Reisender denkt man sich nichts Schlimmes außer das Schlimme, das man sich eben immer über seine Mitreisenden denkt, bis sich an der nächsten Station das gleiche Bild bot. Nur waren es dieses Mal bereits gut 50 Trachtenträger, die leicht angetrunken den neuesten Tratsch aus den örtlichen Sparkassenfilialen zum Besten gaben, während sich ihre Penisse unter dem eng anliegendem Wildleder abzeichneten. Ihr Ziel war das Oktoberfest in Köln-Deutz und sich einmal an den feschen Maden im Gedränge der Öffentlichen zu reiben.

Irgendwann war der Zug überfüllt. An den Bahnhöfen hinterließ er fluchende Gamsbärte und keifende Dekolletés, die sich Rainer Brüderle in keinem halbfeuchten Greisentraum besser ausgefüllt hätte vorstellen können. Kurzum, es war schockierend.

Die Oktoberfeste sind zu einem Phänomen geworden, das sich über das Land erkotzt wie fünf Liter lauwarmes Weißbier auf nervösen Magen. Man kann sie in Sachsen genauso erleben wie in Schleswig-Holstein oder bei den Oktoberfestangeboten im Pennymarkt. Doch die Ausbreitung der Wiesn ist nur eine Facette einer immer schneller grassierenden Bajuwarisierung des Landes.

Wenn man z. B. am Berliner Flughafen Schönefeld aussteigt und zum Bahnhof läuft, findet man seit Neuestem linker Hand den »Augustiner Biergarten Schönefeld« Das ist zwar praktisch, weil so die britischen Junggesellenabschiede nicht mehr nach Berlin und erst recht nicht mehr nach München hineinfahren müssen, trotzdem zeigt es, wie aggressiv die bayrischen Metastasen in unserem Gewebe wüten. Es findet ein regelrechter Almabtrieb unserer Kultur statt. Kein Bäcker zwischen Rhein und Oder, kein Sportstadion und keine Brezelstation, wo keine Brezn angeboten werden. Keine Schrebergarten-Kolonie, in der keine Flagge des FC Bayern weht, und kein Großraumbüro, in dem nicht irgendjemand penetrant mit »Servus« grüßt.

Wenn eine Lebensart mit derart invasorischen Ansprüchen daherkommt, ist es nur natürlich, dass sie in ihrem Innern eifersüchtig und paranoid die eigene Vormachtstellung verteidigt. Es ist darum kaum verwunderlich, dass Markus Söder plant, in allen bayrischen Amtsstuben Kreuze aufzuhängen. Nicht etwa als Symbol tief empfundener Frömmigkeit (das allein wäre einem großen Geist wie Söder nicht bescheuert genug), sondern als Zeichen einer »geschichtlich-kulturellen Identität und Prägung Bayerns«.

Niemand soll auf die Idee kommen, dass die bayrischen Amtsstuben von jemand anderem geprägt sein könnten als von bayrischen Bayern, die mit allen Königssee-Wassern gewaschen wurden. Man braucht keine Kreuze, um das klarzumachen. Man hätte auch Edmund Stoiber töten und zerstückeln können und Tausende kleine Stoiberteilchen als Reliquien an die Wände der Behörden nageln können. Der identitätsstiftende Effekt wäre derselbe gewesen.

Nun muss man den Bayern zugestehen, dass sie bei sich zu Hause machen können, was sie wollen. Wenn sie Kalbskopfteile häckseln, um sie mit dem Mund aus Schweinedärmen zu saugen und das ganze »Weißwurscht zuzeln« nennen, dann ist das ihre Sache. Wenn aber das Kruzifix ein Zeichen für die »geschichtlich-kulturelle Identität und Prägung Bayerns« ist, dann müssen wir uns das in Nicht-Bayern nicht bieten lassen. Eine rigorose Entfernung aller Kreuze außerhalb Bayerns wäre deshalb vernünftig. Wenn die Kirchen dabei nicht mitmachen wollen, dann können sie ja nach Bayern gehen.

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