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So heiter und menschlich gestimmt

Jürgen Herres hat eine Hommage an die intellektuelle Freundschaft zwischen Marx und Engels verfasst

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Der eine ist nicht zu denken ohne den anderen, der andere wäre nicht ohne den einen.

Jürgen Herres, Mitglied der Redaktion der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ist für ein wunderschönes Porträt der intellektuellen Freundschaft zwischen Karl Marx und Friedrich Engels zu danken. Beide Denker werden gleichwertig gebührend bedacht. Zu Recht. Denn Engels’ Rolle beschränkte sich nicht nur darauf, Marx und seine Familie vor dem Verhungern zu bewahren und dem ersten Band des »Kapitals« noch zwei weitere Bände aus den nachgelassenen Manuskripten folgen zu lassen. »Hört man den Namen Engels, denkt man an Marx - umgekehrt ist das keineswegs so«, konstatiert und kritisiert Herres. »Immerhin war Engels nicht nur Marx’ wichtigster Gesprächspartner und Coautor, sondern schrieb sogar Artikel unter dessen Namen.«

Fürwahr, im Weltenlauf sind Beispiele einer solch engen wie innigen, schöpferischen wie selbstlosen Freundschaft wie zwischen diesen (mit nur zwei Jahren Differenz) fast Gleichaltrigen eher rar. »Die Freundschaft von Karl Marx und Friedrich Engels ist in der europäischen Geistesgeschichte wahrscheinlich einmalig - in jedem Fall war sie die wirkungsmächtigste«, schreibt der 1955 in Trier (sic!) geborene Autor, der sich hernach über deren mythologische Überhöhung zu Zeiten des sogenannten Realsozialismus amüsiert, ebenso wie er stetige Versuche, Marx und Engels auseinander zu dividieren respektive gar den einen als Versimplifizierer und Verfälscher der Ideen des anderen zu diskreditieren, strikt ablehnt. Sympathisch an diesem Buch ist vor allem, dass es sich nicht in theoretischen Reflexionen und Debatten verliert, sondern auch menschliches, allzu menschliches erzählt, lebendig, anschaulich, spannend verfasst ist.

Engels war »hoch und schlank, Marx, wenn auch nicht klein, kürzer und gedrungener«, zitiert Herres einen Zeitgenossen der beiden, Karl Kautsky, der die inzwischen betagten Freunde 1881 in London kennengelernt hatte. Weiter wusste dieser zu berichten, Engels »hielt bis zu seinem Lebensende viel auf Leibesübungen und Bewegungen in frischer Luft«, sei »ein Weltmann, stets gut angezogen«, gewesen und achtete »auf strenge Ordnung in seinem Arbeitszimmer, wie es einem korrekten Kaufmann geziemt. Marx dagegen sah aus wie ein zwar würdevoller, aber gegen Äußerlichkeiten gleichgültiger Patriarch.« Weitere mentale Unterschiede entdeckte Wilhelm Liebknecht. »Engels war weit schroffer«, berichtete er. »Er hatte mitunter etwas militärisch kurzes, was zum Widerspruch herausforderte.« Demgegenüber hätte Marx »im Umgang etwas außerordentlich Gewinnbringendes« an sich gehabt. Liebknecht schimpfte Engels gar »den gröbsten Kerl in Europa«.

Zeit ihres Lebens versicherten sich die beiden gegenseitig immer wieder ihrer besonderen Verbundenheit. Doch während Engels’ Treue zu Marx unbedingt war, so Herres, gab es Momente, wo man dies von Marx nicht behaupten konnte. Etwa beim Tod von Mary Burns, Engels’ Freundin, die Fabrikarbeiterin, die ihn zu einer seiner berühmtesten Schriften inspirierte. Während Marx Rechtswissenschaft und Philosophie in Bonn und Berlin studierte, musste Engels eine Kaufmannslehre in Manchester aufnehmen. Was wiederum von Vorteil war, hat letzter doch dadurch aus eigener Anschauung und nach authentischen Quellen »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« (1844/45) schreiben können. Und damit laut Schwiegersohn Paul Lafargue »einen entscheidenden Einfluß auf die geistige Richtung von Marx« genommen, ihn veranlasst, »sich der politischen Ökonomie zu widmen«. Marx fasste sein Beileid zu Marys Ableben indes in dürre, eher gefühlsarme Worte. Was denn auch das Verhältnis der beiden kurzzeitig trübte. Sie waren Menschen, keine Übermenschen.

Auch für Marx bedeutete die Freundschaft zu Engels mehr als alles andere. »Er ist mein intimster Freund«, gestand Marx 1866 dem befreundeten Arzt Louis Kugelmann. Zuweilen nannte er Engels sein »Alter Ego«. Nichtsdestotrotz, so Herres, habe er mit Jenny und den Töchtern über Engels Schwächen gespottet. Während dieser freimütig und stolz von sich (1884) sagte: »Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine zu spielen, und glaube auch, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben.« Man kann sich recht gut vorstellen, dass Marx dies auch so sah, er sich selbst selbstverständlich als die erste Geige empfand (empfinden durfte). Selbstredend wusste Engels um seinen selbstständigen Anteil an der Begründung und der Ausarbeitung der Marxschen Theorie. Dennoch beharrte er (1888) darauf: »Marx war ein Genie, wir Andern höchstens Talente.« Nein, widerspricht Herres: »Engels war Marx an Bildung, Wissen und Sprachbegabung ebenbürtig, ihm in der Gewandtheit des Schreibens sogar überlegen.«

Obwohl die beiden sich zwar bereits im November 1842 in Köln begegneten, wo sich Engels beim Chefredakteur der »Rheinischen Zeitung« als Englandkorrespondent anbot, datiert ihre Freundschaft ab dem Sommer 1844 in Paris, als sie im Café de Régence aufeinandertrafen. Vier Wochen später schrieb Engels den ersten (überlieferten) Brief ihrer gemeinsamen Korrespondenz: »Nun lebe wohl, lieber Karl, und schreibe recht bald. Ich bin seitdem doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt gewesen, als ich die zehn Tage war, die ich bei Dir zubrachte.«

Entlang den Lebensspuren seiner Protagonisten, die von Paris weiter nach Brüssel, Manchester, London, Köln, Rastatt und zurück auf die Insel führen, beleuchtet Herres eine faszinierend weite Gedankenwelt. Von den ersten Texten in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« über das »Kommunistische Manifest« bis hin zur Arbeit am »Kapital« rekapituliert Herres die rege publizistische Zusammenarbeit. Die revolutionär-aktiv-kämpferische von 1848/49 bis hin zur engagierten Parteinahme für die Pariser Kommune 1871 fehlt natürlich nicht.

»Der Arbeitsstil der beiden Männer konnte kaum unterschiedlicher sein«, vermerkt der sachkundige Autor. »Engels arbeitete zielstrebig und effektiv, systematisierte rasch und schrieb eine verständliche Darstellung, deshalb aber recherchierte er nicht weniger gründlich.« Im Gegensatz zu Marx habe er seine Exzerpte und Notizen nicht aufbewahrt. Gemeinsam schrieben und diskutierten sie zahllose Nächte hindurch. Es muss dabei oft sehr heftig und sehr lustig zugegangenen sein. Die Haushälterin der Familie Marx, Helene Demuth, erinnerte sich jedenfalls noch 1883, wie Marx und Engels »damals in Brüssel des Nachts so gelacht« hatten, »daß kein Mensch im Hause … schlafen konnte«. Allein schon dies macht die beiden sympathisch.

Jürgen Herres: Marx und Engels. Porträt einer intellektuellen Freundschaft. Reclam, 314 S., geb., 28 €.
Hans Hübner und Rolf Hecker, »Grüß Gott, da bin ich wieder«, Karikaturenband, Eulenspiegelverlag 224 S., geb., 25 €.

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