Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Rechtspopulismus am Beispiel AfD

Parteichef Jörg Meuthen ist ins Von-Saldern-Gymnasium eingeladen. Das sorgt für Streit

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Von-Saldern-Gymnasium in Brandenburg/Havel ist eine anerkannte »Schule ohne Rassismus«, eine »Schule mit Courage«, außerdem Europaschule. Da verwundert es doch sehr, dass dort beim Europatag am 9. Mai der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen auftreten darf. Immerhin steht er an der Spitze einer Partei, zu deren Profil rassistische Hetze gehört, die den Euro abschaffen möchte und die den Austritt Großbritanniens aus der EU bejubelte und als Vorbild für Deutschland ansah.

Mehrere couragierte Schüler sind empört über die Einladung des AfD-Politikers. Einer dieser Gymnasiasten wandte sich bereits am 21. April ans »nd«, mit der Bitte, über die Angelegenheit zu berichten. Wenn daraus nichts werden sollte, wollte er einen Leserbrief schreiben. Aber »nd« berichtete umgehend. Auch andere Medien wurden unterdessen angesprochen. Der couragierte junge Mann und seine Schulkameraden sehen »eine hohe Wahrscheinlichkeit«, dass Jörg Meuthen bei der Diskussion »eine rassistische oder fremdenfeindliche Aussage« tätigen wird. »Man kann sich natürlich mit politischen Gegnern unterhalten, wenn diese aber eine fremdenfeindliche, homophobe und intolerante Haltung an den Tag legen, stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage man hier diskutieren möchte?«, fragt der Gymnasiast. Für ihn ist die AfD »geistiger Brandstifter« bei 51 Anschlägen auf Asylheime gewesen, die innerhalb von drei Jahren im Land Brandenburg verübt worden sind. Die Forderung der couragierten Schüler lautet unmissverständlich: »Fremdenfeindlichkeit keine Plattform bieten! Keine AfD am Europatag!« So und so ähnlich steht es auf Flugblättern und Plakaten, die nachts rund um die Schule platziert wurden, an Zäunen, an den Stangen von Verkehrsschildern, auf Mülleimern und in Mauerritzen.

Den couragierten Schülern wird vorgeworfen, anonym zu agieren. Doch sie befürchten schulische Nachteile, wenn sie sich zu erkennen geben. Immerhin, so erzählen sie, hätten Lehrer bereits versucht, herauszubekommen, wer hinter der Aktion stehe und dabei auch Mitschüler unter Druck gesetzt.

Der Versuch, Jörg Meuthen von der schulinternen Podiumsdiskussion auszuschließen, »spricht Bände über die ideologischen Verhältnisse im Bildungssystem«, schimpft der Landtagsabgeordnete Steffen Königer (AfD). »Den Schülern wird offenbar kein richtiges Verständnis von Demokratie beigebracht, sonst würden einige nicht derart hitzig gegen eine demokratisch legitimierte Partei vorgehen«. Verantwortlich dafür sei eine »fatale Mischung aus Antifa-Jugend und Relikten von Altachtundsechzigern, die Bildung mit ideologischer Indoktrination verwechseln«, poltert Königer. Die AfD lobt aber in einem Atemzug den Schulleiter Thomas Reuß, der angemessen auf die »Ausgrenzungsversuche« reagiert habe.

Dabei hat Schulleiter Reuß allerdings deutlich gemacht, dass rassistische Äußerungen am Von-Saldern-Gymnasium nicht geduldet werden. Reuß kann die Aufregung wegen der Einladung des AfD-Bundesvorsitzenden »in gewisser Weise« verstehen. »Immerhin ist es gerade für jüngere Schüler schwer nachvollziehbar, dass eine doch eher extreme politische Ansichten vertretende Partei zu Wort kommen darf«, sagt er. »Aber dieser Vertreter tritt nicht alleine auf, dies hätte ich auch nicht gestattet!« Der Sinn der geplanten Podiumsdiskussion mit Jörg Meuthen und den Bundestagsabgeordneten Dietlind Tiemann (CDU), Linda Teuteberg (FDP) und Anke Domscheit-Berg (für LINKE) sowie den Landtagsabgeordneten Ralf Holzschuher (SPD) und Marie Luise von Halem (Grüne) bestehe ja gerade darin, »die Diskussion der Politiker untereinander hautnah« zu erleben, um sich ein eigenes Bild machen zu können.

Auf die Idee, Meuthen zu dieser Diskussion einzuladen, sind Elftklässler gekommen, die den Europatag organisieren. In der Schulkonferenz, in der Lehrer, Eltern und Schüler vertreten sind, sei das kontrovers diskutiert worden. Es habe die Sorge gegeben, dass der gute Ruf der Schule Schaden nimmt, berichtet Schulleiter Reuß. Ihm ist der Hinweis wichtig, dass die Podiumsdiskussion nur einer von vielen Programmpunkten am Europatag ist. So seien auch die Botschaften von Belgien und Malta zu Gast.

Die Debatte mit Meuthen um 13 Uhr widmet sich dem Thema »Macht und Verantwortung - Deutschlands Rolle in Europa in Anbetracht globaler Krisen«. Bereits um 10 Uhr gibt es eine Gesprächsrunde mit einer 11. Klasse zum Thema »Rechtspopulismus in EU-Mitgliedsstaaten am Beispiel der AfD in Deutschland«. Als Gast dazu ist Brandenburgs Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski (LINKE) angesagt.

Doch nicht nur dabei wird Kritik an der AfD zur Sprache kommen. Die Linksjugend solid will am 9. Mai mit einem Infostand vor dem Gymnasium sein. Es ist auch eine Kundgebung gegen Meuthens Auftritt geplant.

Der Gymnasiast, der das »nd« kontaktierte, versichert, es sei nicht seine Absicht, dass Engagement der Elftklässler zu diskreditieren, die die Podiumsdiskussion vorbereiten. Die seien sicher keine AfD-Anhänger und einige von ihnen glaubten wahrscheinlich, sie könnten Meuthen vorführen. Doch das sei nicht so einfach, und es sei prinzipiell nicht richtig, der AfD ein Podium zu bieten. Insgesamt seien die Schüler des Gymnasiums eher links eingestellt. Als Neonazi trete hier niemand offen in Erscheinung. Zwar sehe man auf Tischen manchmal Hakenkreuze hingekritzelt oder den Satz: »Juden müssen sterben.« Doch dies seien Einzelfälle. »Ich behaupte einmal, dass so etwas leider an jeder Schule vorkommt.« Seite 11

Instagram: einhoerner_gegen_die_afd,

salderngym.de

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln