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Tollheit mit Todesfuge

Theatertreffen: Noch einmal Castorfs Volksbühne - »Faust« im Haus der Berliner Festspiele

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Einzig die bürgerliche Freiheit, diese bislang einzig bewahrenswerte, gibt dem Ketzer ein Heimatgefühl. Frank Castorf etwa: geißelt und genießt. Teilt aus und lebt aus. Das nämlich, was andere oft genug nur zu jenen Reflexen treibt, bei denen es fürs Selbstgefühl genügt, verächtlich auf dem Wort »bürgerlich« herumzukauen. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz? »Ich habe mit dem Ganzen nichts mehr zu tun.« So Castorf im »Spiegel«-Interview. »Auch in Nizza kann man sehr schön essen gehen.« Das ist das Sympathische an diesem Kerl: sein ironisches Weltverhalten.

»Don’t look back!« stand einst auf einem T-Shirt von Bert Neumann, dem Raum-und-Zeit-Begründer der Volksbühne. Zu Beginn des Theatertreffens erinnerte Thomas Oberender, Chef der Berliner Festspiele, an diesen textilen Ratschlag. Das Warnbeispiel des unvorsichtig zurückschauenden Orpheus: In aller Rückgewandtheit, so Oberender, »verschwindet, was wir lieben.« So geht von Castorfs siebenstündigem »Faust« bei diesem Festival zwar eine unübertreffbare Erinnerungswucht aus - aber vor allem ist die Inszenierung, so der berührend leise, also kluge Eröffnungsredner, ein berauschender Beleg für das, was Theater unter allen Umständen bleibt: »Gegenerzählung«. Und jedes Gegen ist eine Existenz »zwischen Leiden und Trotz«.

Der Hauptbescheid in Castorfs grandioser Goethe-Version: keine Chance für Wahrheitswühler, »aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen«. Dies Meer aber hat genug Salz für Wunden, und der Schrei ist hier ein Schubert-Lied oder ein Trompetensolo, es ist die tiefe, tolldreiste Trauer, dass wir nur immer auf der Rückseite der Schönheit Häfen finden. Die Augen dieser Aufführung schauen das Publikum fiebernd an. Oder frech von oben. Oder schauen es gar nicht an. Oder die Augen der Aufführung schauen wie die eines Menschen, der sich selber die Brille wegriss und sie zertrat - wegen des Glücks, das die Scherben bringen. Die Texte sind wie Wortbrocken, die brüllend, bebend, grell oder dunkel klackend wie von einem Felsen fallen, dessen Gipfel im Dunst bleibt. Faust ist Stolpernder durch eine Schöpfungsgeschichte, die einer ganzen kolonialen Epoche die Atemluft zuteilte - dass sie an ihrer Hybris der Welteroberung und -ergründung ersticke.

Dieser Faust geht durch die Zeit, so wie durchs Fleisch ein Messer geht, das nichts von jener Hand weiß, von der es geführt wird. Denn auch Mephisto führt nicht wirklich - Marc Hosemann moderiert eher, das aber turntoll mit allen Körperteilen. Dieser Satan steht voll hinterm Menschen, speziell hinter Weibern. Lässt regelmäßig ein Stück Seife fallen, die Frauen bücken sich - und schon steckt der Teufel im Detail. Meine Güte!, wie viele Moral-Nasen bei solchen Szenen plötzlich meinen, nur aus dem Rümpfen derselben entstünde ein Gesicht.

Teil eins und zwei der Tragödie gemixt, willkürlich die Reihen- und Rangfolge von Gestalten. Das Pappmaché-Schloss von Alexandar Denic dreht sich: Horrorkabinett mit Zinnen, am Boden Gitter fürs Guantanamo-Feeling, unterm Boden die Pariser Metro. Drinnen - wieder bestechend per Video erfasst - algerische Schwüle, imperialer Schweiß aus soldatischer Angst und uniformer Triebabfuhr. Lob der Frauenschleier: Terror braucht Waffenverstecke. Der Afrikaner Abdoul Kader Traoré zitiert Celans »Todesfuge«. Gretchen und Zolas Nana, wo ist der Unterschied, wenn die große Valery Tscheplanowa ihren kindsverruchten Reiz, ihr dämonisch flehendes Stimmvibrato ausspielt: Die Hure ist Perle und Plebs; Gründerzeit ist Progress und »Pornografie« (Pasolini).

Eine wüste wirre Ehrlichkeit; kein Klassikkampf, kein Klassenkrampf. Noch einmal Castorfs Garde: die Sperrigkeits-Schönheit Lilith Stangenberg, der so anrührende Weichkoloss Daniel Zillmann. Lars Rudolph spielt schleimig-ölig einen sklavisch verzückten Wagner; glibbrige Versunkenheit, wenn er den Behälter mit dem Zuchtwesen Homunculus anbetet. Embryo-Bashing, Formalin-Saufen: Eine Idee krepiert. Alexander Scheer ist blankes Kino noir; als Lord Byron friert er seine Züge ein, als zählten die Wangenknochen bis zehn, bevor sie sich bewegen. Das ist ein so kaltglühend heißfrostiger Komödiant, der könnte zwinkernd eingebildete Berge besteigen - und nach Abstürzen sähe er aus, als blute er wirklich. Und natürlich Sophie Rois: Hexe und Famulus - handelte die Rois mit Stacheldraht, sie verkaufte jedes Stück, als sei es eine Federboa.

Man kann tausend Gründe haben, ein Theater aufzusuchen, sie machen alle den Bückling der Kapitulation, wenn dieser eine Grund aufkommt wie ein Naturereignis: Martin Wuttke! Faust mit Greisen-Gummimaske. Koboldig, dreckig, gierig, garstig. Die Knallhärte und Quietschkraft seiner Vokale. Diese tragische Verlorenheit, die doch immer an den Clown gefesselt bleibt. Wühlende Kunst, die aus dem Expressionismus kommt. Wahnsinn einer Verausgabung, die zerstörerischer sein will als der Tod und die auf diese Weise zu irrwitzigster Lebendigkeit findet.

Marc Hosemanns Mephisto hockt auf einem Tisch, drinnen, die Videokamera zeigt ihn gebückt im niedrigen Raum. Ein Bild, als gäbe der Teufel allen Gernegroß-Fäusten das Wesentliche mit auf den Weg: Reck dich nicht allzu hoch, ohne vorher aufwärts zu schauen. Deine Decke ist niedriger, als du träumst.

Weitere Vorstellungen: 7./8. Mai

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