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Auf Unterhaltung getrimmt

Im Kino »Babylon« wurde Walter Ruttmanns Film »Berlin - Die Sinfonie der Großstadt« mit der Originalmusik von Edmund Meisel aufgeführt

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Als Welturaufführung wurde diese Filmveranstaltung im Kino »Babylon« deklariert. Uraufführung wovon? Von der schlechten Show, die zu Beginn lief? Von der Musik Edmund Meisels? Die Musik zu »Berlin - Die Sinfonie der Großstadt« (1927) ist doch inzwischen allbekannt in Kinokreisen. Walter Ruttmann, der Schöpfer des Films, gilt als großer Experimentator, der Techniken der Gestaltung vorangebracht hat. Meisels Klavierauszug zur »Großstadt« ist rechtzeitig ausgegraben worden, allein die Instrumentierung war verloren gegangen. Daher wurde die Musik je nach Intention der Veranstalter vielfach bearbeitet, uminstrumentiert, auch mit elektronischem Material versehen. Es gibt Nachvertonungen von Zusammenschnitten, gleichsam Experimente auf das Experiment. Alles interessant.

Eine »Welturaufführung« konnte es also gar nicht geben, nur eine gewöhnliche Aufführung. Und die kam dann auch mit dem »Metropolis Orchester Berlin«, geleitet von Burkhard Götze. »Berlin hat wieder ein Stummfilmorchester«, so preist es sich an. Als würde es neben anderen Initiativen nicht längst das Filmorchester Babelsberg unter Frank Strobel geben, nur einen Katzensprung von Berlin entfernt. Strobel, traditionsbewusst nicht nur in der Stummfilmmusik, hat schon etliche Male im »Babylon« dirigiert - und zwar wirkliche Welturaufführungen, etwa »Metropolis« von Fritz Lang mit der rekonstruierten Originalmusik von Gottfried Huppertz.

»Großstadt«-Komponist Edmund Meisel schrieb auch die Musik zu Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« für deutsche Kinos. Dass der Revolutionsfilm mit seiner Verbrüderungsszene am Schluss in Berlin 1926 laufen konnte, musste erst durchgekämpft werden. Der junge Meisel (geboren 1894, gestorben 1930), künstlerisch verbunden mit dem politischen Theater Erwin Piscators, schrieb die Musik in nur zwölf Tagen. Eisenstein, der nach Berlin eingeladen war, lernte er bei der Gelegenheit kennen.

Meisel hatte auch Schallplatten aufgenommen, Tracks für den Gebrauch in Film und Rundfunk. Darauf tönen Beispiele seiner eigens erfundenen Geräuschmaschine: bestimmten Bildern zugeordnete Rhythmen und Sing- wie Sprechstimmen vor akustischen Kulissen. Für Ruttmanns experimentelles Hörstück »Weekend«, akustisches Pendant zum »Berlin«-Film, fanden sie keine Verwendung. Die Komposition »Weekend« montiert ausschließlich Originaltöne, von Wasserrauschen über Rufe auf der Straße bis zum Hahnenschrei.

Den Ruttmann-Streifen kann man immer wieder sehen. Was er zeigt, ist so abwechslungsreich, bisweilen so gedrängt auf einen Haufen, dass das Auge vieles verpasst und sich genötigt fühlt, noch mal hinzuschauen, um herauszufinden, was die Okulare der Kameras an Verwirrendem herangeholt haben. Heute geht das wunderbar durch Anhalten und Zurückspulen, durch Klicken der Tracks. Jedes Detail lässt sich abrufen. Im »Babylon« freilich sollte ein Ganzes erlebt werden, mit Livemusik und einem Orchester, von dessen Art es während der 1920er Jahre in deutschen Großstädten bis zu 40 gegeben hat.

Der Film selber ist ein Wunder an Filmideen, an Kamerapositionen, an Schnitttechnik. Ruttmann und die Russenfilmer standen seinerzeit in freundschaftlichem Wettbewerb. Dsiga Wertow etwa drehte 1929 den Experimentalfilm »Der Mann mit der Kamera«, der damals schon Weltruhm erlangte. Charlie Chaplin bezeichnete ihn als »akustische Symphonie« von erstaunlicher künstlerischer Höhe. Bei Wertow gehen von der Technik beflügelte Kameraleute auf Pirsch, zeigen die Stadt in all ihren Impulsen nach dem Gang des Zeigers der Uhr, der zweimal um seine Achse dreht - glücklich, derlei zu dürfen, glücklich, eine neue Zeit und deren Menschen im Zenit aktueller Errungenschaften auf Zelluloid zu bannen. Anders bei Ruttmann. Auch in seinem Film rollt das Leben eines Tages in Berlin ab - in fünf Akten. Als wäre der Streifen eine Oper.

Im »Babylon« fand eine Show statt, bevor er zu sehen war. Eine Nachstellung, was so ähnlich in großen Kinos damals Usus gewesen sein soll. Glaubt man dem, was kam, ging das etwa so: Ein Conférencier, mehr schlecht als recht, kräht aus sich irgendwas Witziges heraus. Eine Ufa-Wochenschau, auf Unterhaltung getrimmt und platt kommentiert, läuft vorweg. Glitzernde Tanzgirls treten auf. Eine Ouvertüre spielt, bevor der Film startet. Wie schön, was damals war? Wie öde und dumm. Und das nun vor die Leute heute gesetzt. Viele Touristen saßen im vollen Saal. Die meisten waren begeistert.

Der Film selber mit seiner Musik ist hundertmal besser. Er rhythmisiert das Leben einer großstädtischen Zivilisation, und die Musik folgt diesen Rhythmen, indem sie sich ihnen facettenreich angleicht oder entgegenstellt.

Die »Synfonie der Großstadt« hat allerdings einen Mangel, den der Kritiker Siegfried Kracauer beschrieb: Der Film zeige nur Erscheinungen, nicht die sozialen Verwerfungen, die sich in ihnen und um sie herum konstituieren.

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