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Kruzifix, der Söder!

Roberto J. De Lapuente über die Provokationsstrategie des bayrischen Ministerpräsidenten

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Markus Söder: Kruzifix, der Söder!

Schon als Stoibers General wollte Markus Söder »Kruzifixe und keine Kopftücher« sehen - und auch das Morgengebet sollte Pflichtveranstaltung sein. Kardinal Ratzinger lobte ihn zwar für seinen christlichen Eifer, aber ansonsten waren schon damals Stimmen aus der katholischen Kirche vernehmbar, die Söders Forderungen als unerträgliche Provokation kritisierten. Söder und die katholische Kirche: ein schwieriges Thema. Noch vor zwei Monaten erneuerte der damals noch in Wartestellung lauernde bayerische Ministerpräsident seine Kritik, wonach die Kirche sich nicht in politische Diskussionen einmischen sollte. Sie dürfe nämlich keine »Ersatzpartei« sein, müsse sich »eine geistliche Ausrichtung« verpassen – Politik sei nicht ihr Metier. Kaum ist der Mann Ministerpräsident erklärt er aber der Kirche, dass das Kruzifix kein religiöses Symbol ist, sondern bayerische Tradition. Wie der Leberkäs‘ etwa oder dass man seine Weißwurst nur bis Glockenschlag um Zwölf isst.

Politik darf für Söder offenbar durchaus eine Ersatzkirche sein. Dass das paradox ist, merken seine Kritiker, ihm selbst macht es nichts aus. Denn kein geschlossenes Weltbild zu haben, nur mehr so Bauchgefühle zu einer allgemein zur Kenntnis genommenen Provokation zu verwursten: Das ist das Geschäftsmodell dieses Mannes. So hat er sich in seiner Partei hochgearbeitet. Nicht durch fundamentale Einsichten, inhaltliche Cleverness oder gar visionäre Vorstellungen für sein Land. Er hat Abhängigkeiten geschaffen, Seilschaften aufgerüstet, sich mit provokanten Auftritten in Szene gerückt und sich so profiliert. Söder hat keinen klassischen Aufstieg hingelegt, von Anfang an war er sein eigenes Projekt, noch bevor die sozialen Netzwerke die User dazu ermunterte, sich als Prosumer wahrzunehmen. Als Selbstvermarkter einer Idee des eigenen Ichs, das mit dem wirklichen Ich gar nichts gemein haben muss, hat Markus Söder schon das Prinzip dieser Selbstvermarktung verinnerlicht.

Schon als junger Mann wusste er, dass es um Bilder geht – nicht so sehr um das, was jemand gesagt hat oder gemeint haben könnte. Und so lieferte er Bilder, als radelnder Abgeordneter, als Abbrucharbeiter einer Mauer am Tag der deutschen Einheit – später dann als professionell verkleideter Narr im fränkischen Karneval.

Die Autoren Roman Deininger und Uwe Ritzer gingen dem Menschen und Phänomen Söder auf die Spur. Ihr Buch »Markus Söder. Politik und Provokation. Die Biographie.« beschreibt fast minutiös den Werdegang eines Karrieristen, dessen politische Lebensleistung eigentlich darin besteht, dass er sich für seine Parteiamigos als unausweichliche Wahl für den Posten des Ministerpräsidenten Bayerns aufgedrängt hat. So richtig beliebt war Markus Söder in seiner eigenen Partei nie. Von Anfang an erntete er Kritik für seine harschen Auftritte und manch provokant-unsachliche Haltung im öffentlichen Diskurs.

Ohne Parteinahme, doch mit lakonischer Distanz, skizzieren Deininger und Ritzer die Biographie eines politischen Urviehs, das parteiintern selten Rückgrat zeigte und sich so flexibel genug hielt, um seinen Weg zur Macht zu gehen. Nach außen mimte er stets den standhaften Konservativen, der sich gegen einen vermeintlich liberalen Zeitgeist stemmte und diesen überspitzte, übertrieb und dramatisierte. Hagelte es dafür Kritik von Seiten der Medien oder politischen Kombattanten, so liest man im Buch, stand die CSU geschlossen hinter ihm. Auch wenn man dort insgeheim der Ansicht war, dass die Kritik an seiner Person berechtigt sei. Ganz so entspricht es nun mal der exklusiven Tradition dieser Partei. Weißbier ist dicker als Wasser.

Ein wenig spürt man an der Person des Markus Söder auch die Hybris des US-amerikanischen Konservatismus. Vermutlich hat er sich beim Besuch des Parteitages der Republikaner 2004 einiges abgeschaut, was in jenen Jahren vor Trump noch wie die gewinnbringende Taktik für eine konservative Wende aussah: Seine Sozialstaatsfeindlichkeit verkauft er als verspäteten Antikommunismus – seinem diffusen Antiliberalismus stellt er sich als Stimme einer Schweigenden Mehrheit gegenüber. Big Government: Das können sich die in Berlin aber abschminken. Das neue Polizeiaufgabengesetz soll nämlich als Landespolitik mindestens im Bund aufgehen und nicht andersherum. Und Religion missbraucht er indes zu Profilierungszwecken.

Natürlich wandelt Söder auf diesem konservativen Pfad nicht so elefantös, wie es die Kollegen auf der anderen Seite des Atlantik zuweilen tun. Er bedient diese Agenda in einer weitaus provinzlerischen Haltung. Aus der Landespolitik heraus macht er das, was er kann und was er stets mit Politik verwechselte: Provokation. Wer den Mann verstehen will, die oben genannte Biographie entschlüsselt seine Matrix und macht ihn durchschaubarer.

Roman Deininger, Uwe Ritzer: Markus Söder - Politik und Provokation. Droemer Knaur, Hardcover, 384 S., 19,99 €.

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