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Etwas Besseres als den Extremismus

Connie Ryan kämpft gegen das strengste Abtreibungsgesetz der USA.

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eleanor Roosevelt, First Lady in der New-Deal-Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt (1933 - 1945), setzte sich für vieles ein, was bei einer Frau in den USA gar nicht gern gesehen wurde: Bürgerrechte, Verbot von Kinderarbeit, Flüchtlingsschutz. Die Medien kritisierten sie dafür als Extremistin, rote Agitatorin und vorlautes Mütterchen, das besser zurück an den Herd gehe.

Connie Ryan ist Direktorin des Interfaith Alliance of Iowa, einem interkonfessionellen Bündnis von Gläubigen. Sie bewirbt sich in Des Moines um einen Senatssitz der Demokraten im Bundesstaat des Mittelwestens. Ihre Kandidatur begründet die Diplomsozialarbeiterin u. a. damit, dass Iowas Bürger »besseres verdient haben als den Extremismus, den ich täglich in unserem Kapitol erlebe«. Für den Extremismus gibt es aktuell diesen Fall: Das republikanisch kontrollierte Parlament hat das bundesweit härteste Abtreibungsgesetz verabschiedet. Es verbietet Abort, »sobald der Herzschlag des Fötus zu hören ist«, ab sechster Schwangerschaftswoche.

Gegner des Gesetzes, darunter Ryan, verweisen nicht nur darauf, dass Abtreibungen für manche Frauen künftig unmöglich wären, weil sie eine Schwangerschaft zu spät bemerkten. Sie protestieren grundsätzlich. Ryan gehörte zu 68 Unterzeichnern einer Petition, die Aktivisten des Glaubens sind - Methodisten, Baptisten und Juden. Sie stellten sich an die Seite der Frauen, »die ihr verfassungsmäßiges Recht auf unabhängige Gesundheitsentscheidungen, darunter auf Abtreibung, wahrnehmen«. In der Petition, vor dem Votum im Kongress von Iowa veröffentlicht, hieß es weiter: »Wir wissen, dass Frauen keine Abtreibung wollen. Leben jedoch ist nicht vollkommen, und es gibt persönliche, schmerzliche Gründe, die Frauen dazu bewegen können. Die Gründe sind so verschieden wie die Frauen. Solange eine Frau in solcher Lage keine Hilfe will, steht uns eine Einmischung so wenig zu wie der Regierung.«

Der Appell bleibt vorerst erfolglos. Der Entwurf erhielt die erforderliche Mehrheit. Iowas republikanische Gouverneurin Kim Reynolds unterzeichnete das Gesetz. Reynolds (58, verheiratet, Mutter dreier Mädchen), ist die erste Gouverneurin Iowas. Sie nannte Abtreibung wiederholt Mord. Jetzt sagte sie: »Hier geht es um mehr als ein Gesetz, hier geht es um Leben.« Auch sie rechnet allerdings mit Widerstand. »Ich erwarte Gegenklage und dass Gerichte das Gesetz so lange blockieren, bis es vors Oberste Gericht kommt.«

Die Bürgerrechtsbewegung in den USA war immer auch Bewegung für Frauenrechte. Erkämpfte Rechte haben nie Ewigkeitsschutz in Amerika. Frauen waren im »Land der Freien und der Heimat der Tapferen« (Nationalhymne) lange benachteiligt. Eine Frauenbewegung, die auf rechtliche Gleichstellung zielte, gab es in den Vereinigten Staaten seit Mitte des 19. Jahrhundert. 1920 errang sie mit dem Frauenwahlrecht einen großen Teilerfolg. Mit der aus dem englischen Gewohnheitsrecht übernommenen Praxis verloren Amerikanerinnen bis in die 1960er, dem Beginn der zweiten Welle der feministischen Bewegung (Women’s Liberation), mit der Eheschließung jede eigene Rechtsstellung. Erst Anfang der 1970er erstritt »Women’s Lib« für Ehefrauen das Recht, ihr eigenes Bankkonto zu eröffnen. Und erst ab da bewegten sich Kongress und Oberstes Gericht auf einen Kurs der Chancengleichheit.

Mehr und mehr Einzelfälle entschied der Supreme Court nun im Sinne der Gleichheit. Der Familienstatus der Frau war nicht länger Basis für ihren nachteiligen Rechtsstatus, berufliche Chancen verbesserten sich. Der Entscheid des Obersten Gerichts 1973 im Fall »Roe versus Wade« schließlich war ein Schlüsselsieg: Bei Konsens von Arzt und Patientin legalisierte das Gericht Schwangerschaftsabbruch bis 20. Woche. Dieser Erfolg ist seither steten Angriffen ausgesetzt, zuletzt auch auf Bundesebene in Washington. Dort initiierte ein Abgeordneter aus Iowa (!) ein Gesetz analog zu dem im Heimatstaat. »Abtreibungsgegner, von der Aussicht ermutigt, dass Präsident Trump die ideologische Ausrichtung des Obersten Gerichts durch Kandidaten seiner Wahl weiter beeinflussen wird«, schrieb »Politico«, »wetten bereits, dass das Verbot von Iowa oder ähnliche Schritte zum Test für das Rollback von ›Roe versus Wade‹ werden könnte.«

Im Rollback des Grundsatzurteils liegt die langfristige Gefahr des Vorgangs von Iowa. Aufschlussreich wird folglich das Schicksal des Abtreibungsgesetzes in dem Bundesstaat im Mittelwesten sein, der knapp anderthalb mal größer als die DDR und so stark landwirtschaftlich geprägt ist, dass dort mehr Schweine als Menschen leben sollen. Connie Ryan und ihre Verbündeten stehen fraglos vor neuen Herausforderungen.

Die Frau der Christian Church, Mutter von Michael (Musiklehrer) und Emma (College-Absolventin) sowie Pflegemutter für Joe in Kalifornien und Erin aus Tschad, sieht in der Gewähr von Glaubensfreiheit im Kampf mit religiösen Fundamentalisten ein Hauptanliegen. Nun kommt die Fehde mit Fundamentalisten eines alten Frauenbilds hinzu. Connie Ryan lässt sich dabei von Eleanor Roosevelt anregen. Die hatte nach Demütigungen lächelnd und amerikanisch optimistisch klar gestellt: »Eine Frau ist wie ein Teebeutel. Wie stark sie ist, erfährt man erst, wenn man sie in heißes Wasser taucht.«

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