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Die Sehnsucht nach der Wüste

Eine Kur in Israel brachte mehr als Linderung der Beschwerden.

  • Von Sabine Scheibel
  • Lesedauer: 4 Min.

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Steinreich – die Negev-Wüste in Israel
Steinreich – die Negev-Wüste in Israel

Seit frühester Jugend leide ich an einem starken Asthma, und es geht mir bis heute gesundheitlich besser bei trockener Hitze, ohne ständig wechselnde Wetterfronten. Ich sehnte mich deshalb schon immer nach einer Gegend mit derartigem Klima. So wurde für mich zu DDR-Zeiten ein Aufenthalt in der Wüste zur fixen Idee, die aber damals leider nicht realisierbar war. 1990 hörte ich von einem Asthmazentrum in der Negev-Wüste in Israel, und mein Traum rückte plötzlich in den Bereich des Machbaren. Ich konnte die Krankenkasse überzeugen, mir einen Kuraufenthalt am Toten Meer zu genehmigen, und buchte eine Reise in einem kleinen, auf derartige Reisen spezialisierten Berliner Reisebüro.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht darüber nachgedacht, in welches brisante Land ich reisen wollte. Die Gedanken kreisten nur um gesundheitliche Heilungschancen und darum, was ich für die Reise alles bedenken muss. Rückblickend waren meine Kenntnisse über das Land Israel dürftig - etwas biblische Geschichte, zusammenhangloses Wissen über neuere Geschichte, Kriege, Attentate, gescheiterte Friedensverhandlungen. Was wusste man in der DDR über den Alltag, was wusste ich über jüdisches Leben, über die Religion? Ich wusste nur wirklich vom Holocaust, von der schrecklichen Schuld, die Deutschland auf sich geladen hatte.

Beim Buchen der Reise hatte man mich vor den besonders rigiden Sicherheitskontrollen am Flughafen gewarnt, besonders bei allein reisenden Frauen. »Wieso, weshalb, warum wollen Sie nach Israel? Wer hat Sie gebracht, wer hat den Koffer gepackt, war der Koffer immer unter Aufsicht?« Die Kontrolle war tatsächlich außerordentlich gründlich. Hier suchte man nach anderen Dingen als noch vor kurzer Zeit an der deutsch-deutschen Grenze, Dinge, die das Land Israel existenziell gefährden könnten.

In Tel Aviv gelandet, empfing mich eine Hostess als einzigen Gast für das Hotel Margoa, das rund 100 Kilometer entfernt am Rande der Negev-Wüste lag. Dort war auch die Klinik untergebracht. Mit einem Shuttle-Taxi wurde ich durch die Finsternis der Wüste, einzig beleuchtet durch die Pracht der Sterne, zum Ziel gebracht. Ich befand mich innerhalb einer kleinen, künstlich angelegten, eingezäunten Oase, inmitten der steinigen Wüste auf einem Plateau in 1000 Meter Höhe mit beeindruckendem Ausblick auf steinige Wüstenberge, an dessen Füßen das Tote Meer unterhalb des Meeresspiegels liegt. Ich fühlte mich wie am Ende der Zivilisation - totale Stille, kein Vogelgezwitscher, kein Blätterrauschen, kein Summen und Zirpen von Insekten, nur wolkenloser Himmel und herrliche klare Luft. Die Klinikräume befanden sich innerhalb des Hotels. Ich war die einzige deutsche Patientin und wurde von einem gut Deutsch sprechenden israelischen Arzt begrüßt und einer österreichischen Patientengruppe angegliedert.

Hotel und Restaurant waren gut durch israelische Familien und Arbeiter von Baustellen in der Wüste ausgebucht. Ich beobachtete mit großem Erstaunen einzelne Gesellschaften, die sich vor dem Essen erhoben und beteten und dabei den Kopf mit einer rosa Serviette als Ersatz für eine Kippa bedeckten. Ein Rabbi kontrollierte ständig, ob alles koscher ist, ob Milch- und Fleischgerichte auf unterschiedlichen Tellern mit entsprechendem Besteck serviert werden, dass kein Schweinefleisch gereicht wird und das Geflügel nur aus vegetarischer Fütterung stammt.

Am Sabbat gab es nur löslichen Kaffee und dazu heißes Wasser aus der Thermoskanne, der Toaster war außer Betrieb und alle Gerichte vorgefertigt, denn orthodoxe Juden achten darauf, am Sabbat nicht zu arbeiten, nur zu ruhen, zu spielen oder spazieren zu gehen. Das Betätigen eines Schalters an einem Gerät verstehen sie genauso als Arbeit wie das Telefonieren. Plötzlich verstand ich die seltsame Zeitschaltuhr im Zimmer. Sie konnte programmiert werden: Licht an, Licht aus, Fernseher an, Fernseher aus.

Während meines Aufenthaltes gab es einige Feiertage, das jüdische Neujahrsfest, Jom Kippur und fünf Tage danach das Laubhüttenfest. Am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, war sogar das Restaurant geschlossen. Den Hotelgästen wurden in einem gesonderten Raum kalte, am Tage vorher zubereitete Speisen gereicht. Auf den Straßen der modernen Stadt Arad war ein ungewohntes Völkergemisch zu sehen, in erster Linie neu angesiedelte, eingewanderte Äthiopier und Russen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Zusammenleben auf Dauer bei derartig unterschiedlicher sozialer Herkunft funktionieren kann, denn die Religion ist vermutlich das einzige verbindende Element zwischen ihnen. »Israel wird offen sein für jüdische Einwanderer und wird die Verstreuten aus aller Welt sammeln«, so die Unabhängigkeitserklärung von 1948.

Die Erfüllung meines Traumes hatte mehr gebracht als nur Heilung in der Wüste. Ich habe ein beeindruckendes Land kennengelernt, welches einerseits hochmodern, aber auch gefangen in alten Bräuchen ist, bei dem ich mir kaum vorstellen konnte, wie sich die politische Situation nur ansatzweise jemals entspannen soll. Die aktuelle Politik zeigt, dass sich seit 1993 vieles eher zugespitzt hat, die Friedensverhandlungen wurden eingefroren, und es prallen nach wie vor die Probleme der ganzen Welt aufeinander.

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