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Der Weltenfilmer

Der Dokumentarfilmer Joris Ivens drehte stets dort, wo sich Konflikte zwischen Unterdrückten und Herrschenden entluden

Zur vorläufig letzten Joris-Ivens-Retrospektive 2009 beim DokFilm-Festival in Leipzig stellte Ivens’ Witwe Marceline Loridan-Ivens eine prächtige DVD-Gesamtausgabe der Filme ihres verstorbenen Ehemannes vor. Ich fragte sie, weshalb die Filme, die Ivens in der DDR, bei der DEFA in den 1950er Jahren, gedreht hatte, nicht aufgenommen worden waren: vor allem »Die Windrose«, »Freundschaft siegt«, »Friedensfahrt 1952«, »Lied der Ströme« und »Mein Kind«. Eine merkwürdige Lücke, die dem Anspruch einer Gesamtausgabe widersprach. Loridan meinte sehr entschieden - um nicht zu sagen, schroff: »Weil es schlechte Filme sind.« Mittlerweile sieht sie das wohl nicht mehr so absolutistisch, denn die vermissten Filme sind - mit Loridans Gunst - kürzlich bestens digitalisiert (mit Hilfe der DEFA-Stiftung) in den Handel gekommen. Und der Filmhistoriker Günter Jordan hat in einem voluminösen Buch die Tätigkeit von Joris Ivens in der DDR und bei der DEFA umfassend dargestellt und so eine historische Leerstelle gefüllt.

Der Holländer Joris Ivens (1898 - 1989) war einer der bedeutendsten Filmdokumentaristen des vergangenen Jahrhunderts. Nach seinen Anfänger- und Avantgarde-Jahren formte er den politischen Dokumentarfilm und trug erheblich dazu bei, diesen zu einer wirkmächtigen Kunstform im Ensemble der darstellenden Künste zu entwickeln. Ganz besonders zeichnen sich die Filme Ivens’ durch öffentliches Engagement und die Einmischung in soziale Belange aus. Ivens drehte immer dort, wo sich auf der Welt in den 1930er bis 1960er Jahren soziale Auseinandersetzungen in Konflikten zwischen Unterdrückten und den Herrschenden entluden. Brechts »Ändere die Welt, sie braucht es!« nahm er wörtlich und schrieb es in alle seine Filme ein. So kam er in der Welt herum, nicht umsonst wurde er der »Weltenfilmer« genannt: Er drehte in Indonesien, den USA, im Spanischen Bürgerkrieg, später im Vietnamkrieg und auf Kuba.

Bei der DEFA hat Ivens die genannten großen internationalen Projekte realisiert. Jordan erzählt diese Phase entlang den Produktionsvorgängen der Filme. Das ist überaus interessant zu lesen, zumal erkennbar wird, dass diese schöpferische Werkstatt, die Ivens dirigierte, das nachfolgende Dokumentarfilmschaffen der DEFA entscheidend bestimmte. Von den insgesamt 680 Seiten des Buches sind 280 diesen Jahren und Ivens’ DEFA-Filmen gewidmet - das ist gut so und eine Rehabilitierung in aller Form, auch eine Widerlegung von Loridans Verdikt. Dazu zählt auch die Ehrenrettung von Hans Wegner, Ivens’ DEFA-Produktionsleiter, sein Freund und erster Biograph.

In der zweiten Hälfte seines Buches beschreibt Jordan das spannungsvolle und in jedem Fall widerspruchsreiche Verhältnis zwischen Ivens und der DDR, fokussiert auf das Dokfilmfestival Leipzig, an dessen Entwicklung und Bedeutung Ivens einen langjährigen, äußerst aktiven Anteil hatte. Diese Beziehung war etliche Jahre lang gestört, sogar unterbrochen, als sich Ivens in den 1960er Jahren der chinesischen Kulturrevolution zuwandte. Dort fand er, was seinem damaligen Revolutions- und Filmverständnis entsprach, er drehte darüber einen großen Filmzyklus. Diese Filme wurden in der DDR und in Leipzig nicht gezeigt, was Ivens nicht verstand. Seine Revolutionsauffassung geriet auch zunehmend in Widerspruch zu Erscheinungen gesellschaftlicher Stagnation und Bürokratisierung, wie er sie in der DDR und in der Sowjetunion beobachtete, mit denen er sich nicht abfinden konnte und die er auch kritisierte. Hinzu kamen dogmatische Auffassungen einiger DDR-Kulturfunktionäre von einem modernen Verständnis des Dokumentarfilms: Poesie versus Agitation.

Jordan stellt ausführlich dar, welche Verbündeten Ivens in diesen schwierigen Kämpfen hatte, welche er verlor und welche hinzukamen. Nicht so präzise hält es Jordan mit Ivens’ Gegnern und Antipoden. Da bleibt er eigentümlicherweise verhalten und unscharf. Dabei wäre die Personalisierung der Gegenseite nur gerecht und hätte der historischen Wahrheit am besten gedient. Weshalb nicht die eine Offenheit (der Mitstreiter Ivens’) gegen die andere Offenheit (der Antipoden)? Hätte es doch gegolten, Fairness gegenüber jedermann walten zu lassen.

Jordan führt frühere Forschungsergebnisse von Kollegen elastisch zusammen, so dass sie wie eigene Forschungsergebnisse erscheinen, ignoriert sie aber dort, wo sie andere Akzente begründen (z.B. wenn Ivens in krisenhafte künstlerische Situationen geriet). Aber er liebt seinen Helden grenzen- und: ja, auch kritiklos. Sein Enthusiasmus teilt sich mit. Nur so ist auch seine Detailversessenheit zu verstehen, noch jede Nebensächlichkeit zu erzählen, dazu Hunderte Fußnoten. Ein sachgerechtes Lektorat hätte auch eingreifen müssen, wenn sich Jordan Jargon leistet: »… hat die DDR an die Wand gefahren« oder »… scharrte mit den Hufen« oder »Ivens juckte es sehr«. Solche Entgleisungen schaden seinem Anliegen. Dennoch: Hier liegt das Porträt eines faszinierenden, charismatischen Menschen und Künstlers vor, selbstbewusst, energisch, rastlos, auch autoritär, und von bleibender Weltgeltung.

Günter Jordan: Unbekannter Ivens. Triumph, Verdammnis, Auferstehung. Joris Ivens bei der DEFA und in der DDR 1948-1989. Bertz + Fischer Verlag, 680 S., geb., 29 €.

DEFA-Dokumentarfilme von Joris Ivens: »Die Windrose«/»Freundschaft siegt« /»Friedensfahrt 1952«/»Joris Ivens - Er filmte auf 5 Kontinenten« . 2 DVDs im Schuber; Farbe und s/w; Sprache: Deutsch; Label: Icestorm

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