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Screamo, Mai und Sterne

»Miss The Stars«-Fest - zwei Tage Geschrei um die Ohren, veganes Essen, Zines, Platten und Kassetten

  • Von Samuela Nickel und Maria Jordan
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Mikrophonkabel um den Hals, der Raum voller erratischer Bewegungen, chaotische Tempowechsel, viel Geschrei - 25 Bands in zwei Tagen. Das ist die fünfte Ausgabe des Screamo-Festivals »Miss the Stars«-Fest (MTS). Aber es ist gleichzeitig auch: Selbstgebackener Kuchen im Garten, handgemachte Aufnäher und ein Akustik-Konzert in der Mai-Sonne.

Dieses Jahr ist das Miss the Stars in nur acht Sekunden ausverkauft gewesen. Innerhalb dieser superkurzen Frist gab es rund 13.000 Zugriffe auf die Ticket-Website. MTS, das sind zwei Bühnen im Friedrichshainer Veranstaltungsort Zukunft am Ostkreuz - eine große und eine kleine ebenerdige. Dazu gibt es im hinteren Bereich einen Garten mit Lichterketten und Kuchenständen, der auch für Interessierte ohne Eintrittskarte zugänglich ist. Die Bands verkaufen dort ihre Musik und kleine Vertriebe, die meist aus einer Person bestehen, bieten Schallplatten und Kassetten an.

Alex Grigutsch, der Gründer des zweitägigen Festivals, schrieb zunächst seit 2009 auf seinem Musik-Blog »(We Built The World And) Miss The Stars« über neue und alte Bands und gründete drei Jahre später das Musiklabel »Miss the Stars Records«, auf dem er Alben von Screamo-Bands veröffentlichte. Das erste Fest fand dann 2014 statt - aus dem Wunsch heraus, diese Bands gemeinsam live zu sehen.

Ina, die Sängerin der schwedischen Band The Hope and the Failure, war bislang auf jedem »Miss The Stars«-Fest - als Musikerin und als Zuschauerin. »Die Atmosphäre hier ist sehr familiär, auch zwischen Musikern und Publikum«, sagt sie. »Es fühlt sich an, als sei man auf einer Party im Garten von Alex, zu der er all seine Freunde eingeladen hat.« Die Schwedin hat zwanzig Jahre Musikerfahrung, obwohl ihre Band am Anfang um Auftritte betteln musste. »Niemand verstand damals unsere Musik. Wir wurden gefragt: ›Was soll das sein, Screamo? Ist das nun Hardcore, oder Emo oder Punk?‹«, erzählt die 40-Jährige. Typisch für die Musik auf dem Fest sind die Wechsel zwischen schnellen, chaotischen Liedpassagen mit ruhigen, verträumten Abschnitten, die mit Sprechgesang und vor allem Schreien (»Screams«) begleitet werden. Veranstalter Alex hat der Schwedin zufolge ein Bewusstsein dafür, auch für Frauen in dieser Szene einen Platz zu schaffen. Politik sei ihr auch in ihrer Musik wichtig, sagt Ina, jedoch mehr auf einer emotionalen Ebene: Auf der Bühne spricht sie offen über ihre Depression. The Hope and the Failure seien in diesem Sinne vielleicht keine politische, aber eine emotionale Band.

Wichtig ist für Alex Grigutsch bei allen Projekten die DIY-Mentalität, also der Anspruch, alles möglichst selbst zu machen (»Do It Yourself«). Oder wie er es nennt: Do It Together - macht es zusammen. Er stellt zwar komplett selbstständig die Bands für die zwei Tage MTS im Mai zusammen, hinter dem Festival steht aber ein Organisationskollektiv von neun Menschen. In diesem Jahr sammelt das Fest zum ersten Mal auch Spenden, und zwar für LARA, einer Berliner Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen. »Es ist wichtig, dass wir uns eindeutig positionieren«, sagt Elisa Scholze-Starke vom Kollektiv. Das MTS spricht sich auf der Website klar gegen Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie es. Es sei laut der 29-Jährigen jedoch wichtig, all die Übel nicht nur hinauszuschreien und zu schreiben, sondern auch Taten sprechen zu lassen. Sie sieht das MTS als linkes Festival. Besonders die queer-feministischen Infostände von den Zines und Konzertkollektiven »xclusivx«, »Riot Tea Club«, und »Böse & Gemein« im Gartenbereich sind ihrer Meinung nach außerordentlich wichtig, damit sich Menschen auch öffentlich zugänglich mit diesen Themen auseinandersetzen.

Zwei Tage vor Beginn des Festivals ist die Europatour von einem der großen Headliner des »Miss The Stars«, der Band i create, aufgrund anonymer Vorwürfe von sexualisierter Gewalt abgesagt worden. »Für uns war von Anfang an wichtig, die Situation ernst zu nehmen« sagt Elisa. Die Entscheidung, die Band nicht auftreten zu lassen, sei lange diskutiert worden. Für den Entschluss hagelte es dann Kritik. Einige verkauften kurz nach der Bekanntgabe ihre Tickets. Elisa findet es schade, dass die Menschen nicht mehr kommen wollten. »Aber gerade bei sexuellen Übergriffen, wo so viel gezweifelt wird, ist es wichtig, Glauben zu schenken«, sagt sie. Damit auch andere ermutigt werden, offen darüber zu sprechen.

Nora steht in diesem Jahr das erste Mal als Frontfrau mit ihrer Band Te:rs auf der kleinen Bühne. Die 36-Jährige organisiert in Göttingen selbst DIY-Konzerte. Dass Politik auch in der Musik eine Rolle spielt, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Dazu gehört einerseits das vegane Essen auf dem »Miss The Stars«-Fest, andererseits aber auch der Ausschluss von i create. »Ich finde gut, dass dieses Anschuldigungen ernst genommen wurden und es den Veranstaltern zuerst mal darum geht, dass alle Leute sich hier sicher fühlen«, sagt die Göttingerin. Das sei auch ein Grund, warum sie hofft, dass das MTS ein kleines Festival bleibt, auch wenn sie selbst vielleicht nächstes Jahr keine Karte mehr bekommt. »Je mehr Leute kommen, desto schwieriger wird es, aufeinander aufzupassen.«

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