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Fifa 1933

Antwort auf Lee Wiegands Artikel »Hochkultur, das sind die anderen« / Warum Wolfenstein II kein Teil gelungener Erinnerungskultur sein kann

  • Von Ole Nymoen
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Hochkultur, das sind die anderen«. So wurde vor wenigen Tagen im »nd« ironisch die Zensur des Egoshooters »Wolfenstein II« kommentiert. Durch den Eingriff in die Symbolik des Spiels sei jede Chance, dass es zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führen könne, vereitelt. »Verstaubte deutsche Richter« könnten demnach die »Meisterwerke in Sachen Ästhetik und Inhalt« nicht verstehen – Hochkultur seien eben die anderen. Da ich mit meinen 20 Jahren noch nicht komplett verstaubt bin, erlaube ich mir, auf die Argumente Lee Wiegands von letzter Woche einzugehen und eine Gegenposition anzubieten.

Hochkultur, das sind die anderen
Statt Videospiele als Ergänzung der Erinnerungskultur zu betrachten, werden bis heute Hakenkreuze aus ihnen getilgt, kritisiert Lee Wiegand.

Zuallererst sollte man sich der vielgelobten Ästhetik und dem Inhalt des Werkes widmen. Dieses Spiel bietet, wenn überhaupt, eine gefällig-opulente Videospielästhetik, die man bestenfalls als geschmacklos bezeichnen kann. Auch wenn die Nationalsozialisten die Ästhetik der Körperlichkeit und des Militarismus nicht erfunden haben, haben sie sie doch mitgeprägt – und damit ebenso die modernen Egoshooter, zu denen auch das zitierte Spiel gehört. Ob dieses demnach durch seine Ästhetik ein antifaschistisches Werk ist, ist mehr als fraglich.

Selbiges gilt für den Inhalt. Auch wenn es im Text heißt, durch die Zensur sei das Spiel zu einem »banalen Geballer« geworden, muss man bei der Auseinandersetzung mit dem Werk konstatieren, dass die Zensur das Spiel kaum dämlicher gemacht haben kann – es ist geschmacklos und abstoßend und lädt sicherlich niemanden zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ein. Minutenlang darf man Adolf Hitler in Videosequenzen dabei zusehen, wie er Schauspieler quält und erschießt – ein billiger Torture-Porn-Film, der die Faszination für das Wesen des Nationalsozialismus keineswegs kritisch hinterfragt, sondern seine Gewaltdarstellung damit anreichert. Und durch ein bloßes Bekämpfen von Nazis wird sicherlich keine Positionierung geschaffen, stattdessen bleibt der Spieler weiterhin ohne Verständnis dafür, wie eine solche Diktatur erst entstehen kann. Genau so gut könnte man FIFA 1933 programmieren und sich danach wundern, dass keine überzeugten Antifaschisten aus dem Spiel hervorgehen, obwohl man doch Hitler im Kopfballduell geschlagen hat. Auch die gerühmte komplexe Handlung ergibt eben keinen komplexen Inhalt, eine spannende Geschichte mit überraschenden Wendungen keine Hochkultur.

Aber was zeichnet diese eigentlich aus? Dem Artikel zufolge die Popularität. Da heißt es: »Hochkultur, das sind die anderen. Obwohl heute wahrscheinlich mehr Menschen Videospiele spielen als ins Kino gehen.« Nach dieser Logik ist auch ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Gegensatz zu einer Übertragung aus dem Bayreuther Festspielhaus Hochkultur, da ersteres sicherlich eine höhere Reichweite hat. Dass die Hochkultur sich vor allem durch eine enorme Schöpfungshöhe, durch eine komplexe, nicht nur gefällige Ästhetik, durch einen ambivalenten Inhalt auszeichnen könnte, wird dabei in kulturrelativistischer Weise negiert. Diese Theorie, die besagt, dass alles, was von irgendjemandem als Kunst deklariert wird, Kunst ist, und es in selbiger aufgrund des individuellen Geschmacks keine Hierarchie geben kann, lässt sich leicht ins Lächerliche überspitzen: Sind nun Shakespeares »Hamlet« und ein Kasperletheater gleich großartig, da der Literaturwissenschaftler und das kleine Kind beide Freude an ihren jeweiligen kulturellen Vorlieben haben? Ich persönlich glaube das nicht.

Inwiefern dieses Spiel nun wirklich zu einer Auseinandersetzung mit dem NS-Regime führen kann, wird im Artikel komplett offen gelassen. Dazu muss natürlich erst einmal geklärt sein, was überhaupt ein inhaltsstarkes Werk über den Nationalsozialismus ausmacht, beziehungsweise, wie ein solches aussehen kann. Hat ein solches Werk einfach nur eine antifaschistische Haltung zu erzeugen? Oder muss es nicht vielmehr zeigen, wie Faschismus entstehen kann, welche ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen ihm zugrunde liegen, sodass sich darauf aufbauend Antifaschismus bildet?

Ich denke, dass die Lektüre eines Bertolt Brecht oder eines Thomas Mann darauf bessere Antworten bietet als die Egoshooter-Perspektive eines verrohenden Videospiels. Dass diese Lektüre jungen Menschen nicht immer viel Freude bereitet, liegt vielleicht eher an einem Bildungswesen, das Hochkultur nicht zu vermitteln weiß, als daran, dass diese ein Privilegium »verstaubter Richter« ist – auch wenn einige Kulturrelativisten dies nicht wahrhaben wollen.

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