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Liebe ohne Erwiderung

Straßenradsport: Der Giro d’Italia bleibt für das Team Sky weiterhin eine uneinnehmbare Festung

  • Von Tom Mustroph, Penne
  • Lesedauer: 4 Min.

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Gebeutelt in Italien: Christopher Froome fährt beim Giro nur hinterher.
Gebeutelt in Italien: Christopher Froome fährt beim Giro nur hinterher.

Ein kleines Hotel neben der Autobahn. Die »Polizia Penitenziaria«, die italienische Gefängnispolizei, fährt gerade mit zwei Fahrzeugen vor. Es sind keine Häftlinge drin. Die Beamten sagen, sie würden auch niemanden aus dem Hotel mitnehmenwollen. Es läuft also noch nicht alles schief für Chris Froome und seine Straßenradkollegen vom Team Sky, die ebenfalls in dem Hotel logieren.

Viel aber ging schon daneben. Zwei Minuten und 27 Sekunden Rückstand hat Froome in der Gesamtwertung des Giro d’Italia. »Ja, das ist viel, sehr viel, und auch mehr, als ich erwartet habe«, erzählt Froome im Garten des Hotels vor einer Handvoll Journalisten. Ja, nur einer Handvoll. Mehr sind nicht gekommen zur Audienz des vierfachen Toursiegers. Sämtliche Interessierte finden an einem Tisch Platz – bei der Tour de France wäre so etwas unvorstellbar.

Froome muss beim Anblick der spärlichen Reporterschar selbst ein wenig schmunzeln. Dann aber wird er ernst. Er spricht von den Schmerzen, die ihn quälen. »Der Körper hat ganz schön etwas abbekommen. Seit dem Sturz habe ich mich niemals so gefühlt wie gewohnt, wenn ich ehrlich bin. Ich habe Schmerzen auf der rechten Seite. Ich bin nicht ausbalanciert. Die linke Seite muss kompensieren und viel härter arbeiten«, erzählt er. Den Sturz hat er sich in Jerusalem zugezogen, beim Training vor dem Prolog. In Italien stürzte er dann erneut. »Wieder auf die rechte Seite. Das hilft der Genesung nicht sehr«, versucht er einen Scherz, und ein bitteres Lächeln huscht über sein Gesicht.

Froome ist der Lazarus dieser Giro-Auflage 2018. Auf seiner rechten Seite sieht man noch immer Verbandsmaterial. Sein Fahrstil, schon im unlädierten Zustand keine Augenweide, leidet durch die schiefe Position auf dem Rad noch mehr.

Verblüffend aber ist, welche Sympathie er dem Giro entgegen bringt. »Dieses Rennen ist ein Biest, schön für die Zuschauer, brutal für die Fahrer«, sagt er zwar. Er schwärmt aber auch: »Es ist ein tolles Rennen, großartiger Radsport. Es ist alles viel weniger vorhersehbar bei der Tour.« Seiner Lobeshymne fügt er hinzu: »Ja, ich bin gern bei diesem Rennen.«

Lieber als bei der Tour, das sagt er nicht. Das würde wohl auch Ärger mit Tourorganisator ASO nach sich ziehen. Mit ASO befindet sich Team Sky gegenwärtig in einer diffizilen Verbindung. Tourchef Christian Prudhomme hat durchblicken lassen, dass er einen Titelverteidiger, über dem das Damoklesschwert einer Disqualifikation schwebt und der deswegen schlechte Presse anzieht, nur sehr ungern auf seiner rollenden Werbeplattform haben möchte. Also lieber kein Wort darüber, dass der Rennfahrer Froome, der Bursche, der einst in der Savanne Antilopen und Löwen als Begleiter seiner Trainingsfahrten hatte, den unvorhersehbaren Giro mehr mag als die so einfach programmierbare Tour.'

Man spürt aber doch, dass der Brite dem Giro mehr Gefühl entgegenbringt. Es handelt sich allerdings um eine einseitige Liebe. Froome liebt den Giro, aber der Giro liebt ihn nicht.
Und Froomes aktuelle Schwierigkeiten reihen sich in eine ganze Serie von vergeblichen Versuchen seines Rennstalls ein, beim Giro zu punkten. Es begann im Jahr 2010. Bradley Wiggins gewann damals zwar das Auftaktzeitfahren in Amsterdam. In den folgenden Tagen stürzte der Brite aber zwei Mal, und hatte am Ende fast zwei Stunden Rückstand auf den Sieger Ivan Basso aus Italien.

Froome war damals auch schon dabei. Ihn erwischte es noch ärger. Am Mortirolo, einem der härtesten Anstiege der Alpen, hielt er sich – vom Feld abgehängt – auf der 19. Etappe ausgerechnet an einem Polizeimotorrad fest, um auf den Gipfel zu kommen. Er wurde deswegen disqualifiziert, und versuchte sich später an einer verbalen Ehrenrettung. »Ich war schon aus dem Rennen ausgestiegen und wollte nur ganz schnell zu meinem Pfleger«, meinte er. Nun ja, eine ganz frühe und ganz besondere Interpretation von der Teamphilosophie der »marginal gains«, der minimalen Vorteile, die sich zu einem großen Gesamtvorteil addieren.

2013 nahm Kollege Bradley Wiggins erneut Anlauf. Der Toursieger des Vorjahres zeigte sich auf Italiens Straßen aber als ängstlicher Abfahrer. Er kam wieder zu Fall und gab schließlich vollkommen ausgezehrt nach drei Minuten Rückstand auf einer Flachetappe (!) auf.
2015 setzte Sky auf einen Gesamtsieg des damaligen Edelhelfers Richie Porte.

Der Australier sah stark aus, hatte dann aber einen Schaden am Rad. Und weil er ein neues Vorderrad von einem Mitglied eines anderen Teams bekam – was, wie viele damals überrascht feststellten, gar nicht erlaubt war – , erhielt er sogar noch eine Zeitstrafe.

Danach das übliche Sky-Programm: Stürze und heftiger Rückstand. 2016 fiel der nächste Kapitän, dieses Mal der Spanier Mikel Landa, aus. Ihn plagten Magenprobleme. 2017 schloss sich dann der Kreis. Erneut gab es Kontakt mit einem Polizeimotorrad. Der damalige Sky-Kapitän Geraint Thomas hielt sich aber nicht hilfesuchend an ihm fest, sondern prallte in voller Fahrt auf die äußerst ungünstig am Straßenrand abgestellte Maschine. »Den Giro kannst du einfach nicht richtig planen«, meint auch aufgrund dieser Erfahrung Chris Froome. Er dürfte selbst gespannt sein, was dieses Rennen noch für ihn bereithält.

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