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Mit der Gehluft reden

Bühnenzauberkönig! Zum Tod von Karl-Ernst Herrmann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Herrmanns Bühne zu Peymanns »Lear« – in der Titelrolle Martin Schwab
Herrmanns Bühne zu Peymanns »Lear« – in der Titelrolle Martin Schwab

Das Perfekte ist das Unzulängliche. Erst der Makel schafft Schönheit - und auf Zerbrechlichem ruht die Welt. Karl-Ernst Herrmann war der große, geniale Bühnenzauberkönig des deutschen Theaters. Er zauberte am liebsten Weltränder. Ganz aus Zerbrechlichkeit. Unperfekt, weil filigran: als wartete der Raum darauf, von einem Wind zerblasen zu werden - zu purer Lebendigkeit, die das Sein zugleich übersteigt. Getupftes, Schwebendes, Feinstgezeichnetes. Das mit Poesie jeden Untergangsgedanken lächerlich machte - aber alle Poesie zugleich als das Lächerlichste offenbarte. Weil Poesie Wurzeln zu schlagen versucht in gewittriger Luft. Weil Poesie ganze Reiche gründet im Durchsichtigen. Weil Poesie den Fehler adelt, der in jeder Rechnung steckt. Denn es ist doch ein Fehler landläufiger Betrachtung, wenn Zartheit triumphiert. Es ist doch Gesetzesverletzung, wenn der Hauch die Wucht verjagt. Solcherart waren die Bühnenbilder, die dieser Säulen-Bauer und Rahmen-Techniker und Russenbirken-Wäldler und Fensterblick-Fernträumer und Weich-Zeichner schuf. Ein Paul Flora des Guckkastens. Künstlerischer Partner von und für Peter Zadek, Peter Stein, Luc Bondy, Thomas Langhoff, George Tabori, Klaus Michael Grüber, Claus Peymann. Größe zu Größen.

Jüngst erst Peymanns »Lear« in Stuttgart: die Bühne leer, gefasst in einen Neonlichtrahmen. Schwingende Glastüren: Das Märchen hat also moderne Ausgänge, der Ausgang des Ganzen aber bleibt die ewig alte dunkle Mär: Sie handelt von sämtlichen Zeiten in jeder Zeit - keiner weiß weiter, aber alle machen weiter, und Verzweiflung ist die Wehr des Absurden. An einem Haken in der Bühnenmitte baumelt aufführungslang die Krone, die Lear da hingehängt hat. Das Damoklesblech.

Herrmanns Kunst lebte vor allem in den Stücken von Thomas Bernhard, Peter Handke, Botho Strauß. In Bernhards Komödie »Die Macht der Gewohnheit« am Berliner Ensemble sah man eine winzigst gebuckelte gelbe Holzbretterscheibe, dahinter, weit weg, die Silhouette eines Zirkuszeltes, dazu ein Landschaftsschatten; mittlere Stadt, mittlere Erhebungen - Ferne und Nähe verbunden durch eine Telegrafenleitung, darauf ein paar Vögel. Sinnbild für die ewige Zirkus-Weltreise durch die Provinz. Der Weltenrand würde während der Aufführung die Himmelsfarbe wechseln: Eines langen Tages Reise in die Nacht. Unser aller Weg.

»Die eine und die andere« von Strauß, ebenfalls am BE, Regie: Luc Bondy. Herrmann gab der Bühne einen Rahmen aus feinen Neonröhren; blinkende Warnleuchten wanden sich, entlang imaginärer Straßenkurven, in die Tiefe des Raumes; und einmal, da oszillierten über der Szene Neonfäden wie wechselndes Wolkengewebe. Impressionismus, fein geädert sozusagen, aber aus Fantasien, die nicht mehr wissen, was wirkliche Wolken einmal waren; Bilder in jenem Design, daran schwächliche moderne Erleuchtungen gebunden sind. Sarkastisch sanfteste Verlustanzeigen, seit es unsere schöne neue Welt gibt.

Herrmann, 1936 in Neukirch in der Lausitz geboren, gehörte einst zur Westberliner Schaubühne am Lehniner Platz: die prinzipiellste Ensemblegründung der Bundesrepublik. Inbild einer Truppe. Zornig auf die Väter, leidig der Verkarstungen des Stadttheaterbetriebs, süchtig nach Idee. Eine Art revolutionierendes Theater, die Bürger schreckend mit bürgerlichster Treue. Bühnen Herrmanns bestätigen seither die alte Wahrheit: Kino ist die Diktatur des Auges, denn die Kamera zwingt dich ins Bild, dem du nicht ausweichen kannst; Theater aber ist die Demokratie des Auges, du kannst schauen, wohin du willst. Und wohin man bei Herrmann schaute: Es war so mysteriös wie klar, im überschaubaren Raum die unendliche Linie einer Kunst-Natur, die alles trennte und alles miteinander verband. Schon seine Skizzen und Vignetten - ästhetische Aufhilfen vieler Programmhefte - waren kleine Malkunstwerke.

Sein Faible für Bizarres und Groteskes und Gestricheltes ließ an Alfred Kubin denken. Dieses listig Kantige bei aller Feinheit. Ein einziger Schwenk eines Scheinwerfers konnte einen großen schwungvollen Bogen Helle auf die Bühne werfen. So leicht entstand eine kurvige Straße. Eine Spiel-Straße. Und der große Bogen - genau um den geht es doch immer. Um den großen Bogen Welt. Oder eher um den großen Bogen, den man um die Realität schlagen muss, um sich selbst näher zu kommen. Aus dem Boden hervor bricht plötzlich eine verwaiste Bushaltestelle, oder ist es ein verrosteter Milchstand? Peter Handke am Burgtheater: »Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße.«

Alles hand- und spielfest Hingebaute so, als sei es Pastell und feines Papier. Aber die Lieblichkeit warnte, und das Entrückte täuschte. Peymanns grandiose Bernhard-Aufführung »Ritter Dene Voss« vor Jahrzehnten in Wien: ein hohes dunkelrotsamt tapeziertes Zimmer - Familiengruft, aber auch rund wie eine Zelle. Ein philosophisches Verlies. Oder der Innenraum eines großes Menschenaufbewahrungsfutterals, für drei Gauklerstunden geöffnet. Drei Gespenstersprechstunden. »Also auf, weiter im Text, weitergehen und mit der Gehluft reden.« So heißt es bei Peter Handke. Die Bühnenbilder Herrmanns redeten mit der Gehluft, waren wie Spiegelungen derselben, sie gingen hinaus, sie verließen die trügerischen, geldglänzenden, mächtigen, hemmungslosen Ordnungen. Liebenswert. Und entrückt. Aber die Lieblichkeit warnte, und das Entrückte täuschte. Am Rand der Herrmann-Welten tänzelten die Menschen, als gäbe es keinen Abgrund als den, der die selber sind.

Dieser Phantast war ein Geschenke-Verstecker. Ein Detail-Akrobat. Das Zuschauen wurde zum Beobachtungsglück. Manchmal war es wie beim Blick in den Sternenhimmel: Da kommt das Sehen dem Hören am nächsten. Ein Szenenmaler der Geheimnisse: am Seitenportal ein Olivenzweig des Friedens - kaum bemerkbar, wie alles Wesentliche. Oder in einem hohen Zimmerkerker ganz oben in der Ecke: ein winziges Vogelnest - totale Ausweglosigkeit als Startplatz für Höhenflüge.

Nun ist Karl-Ernst Herrmann - der mit seiner Frau Ursula auch Opern inszenierte, in Salzburg, Brüssel, Wien, Paris - im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben.

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