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Leidenschaftliche Direktheit

Begegnung mit einem »Wilden«: Normann Seibold wird erstmals in Berlin vorgestellt

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Normann Seibold: o. T., 1998, Öl auf Leinwand Abb.: Galerie ART CRU Berlin
Normann Seibold: o. T., 1998, Öl auf Leinwand Abb.: Galerie ART CRU Berlin

Normann Seibold hat eine exzessive Begeisterung für die Farbmaterie. Diese wird mal abstrakt, mal figurativ direkt mit den Fingern, mit Pinsel oder Spachtel reliefartig durchgepflügt oder plastisch modelliert und erobert so den Raum auch jenseits der Bildfläche. Wir haben es hier mit einer beeindruckenden Mischung vitaler gestalterischer Kraft und künstlerischer Intuition zu tun. Durch die Vielheit der Übermalungen erreicht der Künstler eine tiefenräumliche Steigerung der Farbe. Dabei repräsentiert jede Farbe eine andere Raumschicht, und so bilden sich bei einer variierten Farbigkeit mehrere solcher Raumschichten, die mit- und ineinander verschmelzen. Nach Abschluss seines Malereistudiums an der Kunstakademie Karlsruhe erlitt Seibold 1999 eine psychische Krise, die seine Karriere jäh unterbrach. Er wird seither von der Samariterstiftung Grafeneck - auf der Schwäbischen Alb - betreut und lebt in einem betreuten Wohnprojekt in Münsingen.

Erstmals in Berlin wird er jetzt in der Galerie ART CRU vorgestellt. Seine gezeigten Arbeiten, berstend expressive, mit Unmengen von Farbe geschaffene Ölbilder, sind größtenteils ohne Titel und ohne Datum. »Ein gutes Bild braucht keinen Titel«, sagt der Künstler. Gegenständliche Themen werden von ihm mitunter in Serien durchgearbeitet, existenzielle Erfahrungen und Ängste, Alltagsmotive, Selbst-Erlebtes, Madonnenbilder, Porträtköpfe, Imaginäres, aber auch Themen totaler Ereignislosigkeit. Eine nackte Frau greift gierig auf einer Waldwiese nach einer Blume, ein Mann sitzt einsam am Lagerfeuer, eine Frau gebiert, ein Mädchen wird vom skelettierten Tod umarmt. Der menschliche Körper verwandelt sich manchmal in ein gefährliches Insektenwesen, manchmal in verästelte Muster, deren Glieder sich wie im Meskalinrausch zu dehnen und zu fluoreszieren beginnen, Gestalten eines Pandämoniums, die zugleich abstoßen und faszinieren. Dann wieder groteske Gestalten, symbolisch aufgeladene Motive. Dazu kommen Landschaften und überdimensionierte Blumenstücke, von denen der Künstler nicht allzu viel hält. Deshalb hat er viele wieder übermalt.

Seibold lässt seine Gestalten aus dem Amorphen auftauchen, ohne erdrückende Dämonie, doch mit dem leichten Schauer des Gruselns. Aus den Blüten, Schluchten und Schründen blühen skurrile Gesichter auf und tauchen wieder unter. Auch das Bild der Frau erscheint ihm als ein objet trouvé, als das wiedergefundene Menschenbild, er bindet es der Fläche ein, wie in die alte Bildsymbolik des hortus conclusus, der das irdische Paradies zu neuer Poesie führt - nun öffnet er sich auch dem betrachtenden Eindringling von heute. Seibolds die Flächen zum Relief aufbrechenden Werke bilden ein virtuoses Inszenarium des veristischen Surrealismus. Gestalten der Bedrücktheit, der Triebhaftigkeit und dumpfen Angst. Eine makabre Welt des Alptraums, der verdrängten Triebe, der bürgerlichen Langeweile, der hoffnungslosen Einsamkeit und des hypnotischen Schlafes, aus dem es kein Erwachen gibt.

Die neuen Arbeiten sind vorwiegend abstrakt gehalten. Es sind sich verselbständigende Farbmassen. Eine ungebrochene Farbe, die nicht sofort durch den Komplementärkontrast aufgehoben wird, bricht sich in der Atmosphäre und ruft alle Farben des Sonnenspektrums wach. So wird in seinen Farbschichten der Komplementäreffekt selbst durch neben gelagerte Farbkräfte aufgehoben: Wenn Rot neben Grün zu stehen kommt, so zieht ein starkes Gelb auf der anderen Seite den Blick des Betrachters von der komplementären Harmonisierung der ersten beiden Farben ab, leitet zum benachbarten Farbgeschehen hinüber und zieht allmählich die ganze Breite der Farbverläufe in die Komposition ein. Die Gleichzeitigkeit der Farbkontraste und -abläufe des gesamten Spektrums im Bild kann allein den reinen Ausdruck in der Malerei, das Wesen der Farbe und die ihr innewohnende Dynamik verwirklichen.

Mit leidenschaftlicher Direktheit sucht Seibold das Bild als Ausdruck seelischer Zustände zu fassen. Das dynamische Stakkato heftig-dunkler Rhythmen und die leuchtend hellen Töne, die dahinter schimmern, verweisen auf Gegensätzlichkeiten der Triebkräfte im Unterbewusstsein. Das vorherrschende Gewebe von Gefährdung und Bedrohtheit wird von ahnenden Lichtern der Hoffnung, von Zwischentönen sensitiver Lebensbejahung durchstrahlt. Seine Bildwelt beinhaltet das ganze Spannungsfeld von Realität und Irrealität, von Symbol und flüchtiger Erscheinung, von Gegenständlichem und Ungegenständlichem, von fiktivem und wirklichem Inhalt.

»Normann Seibold«, bis zum 31. Mai in der Galerie ART CRU, Oranienburger Str. 27, Mitte

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