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Unsere Werte – unauffindbar

Von der Union sollten Migrantenkinder nicht wirklich belehrt werden, findet Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Da ist den Fraktionsspitzen der Union ja mal was ganz Originelles eingefallen: Werteunterricht für Kinder. Besser gesagt: Für Migrantenkinder. Die könnten es nämlich gebrauchen. Wenn wir in Deutschland wohl eines besonders gut können, dann den anderen mit ein bisschen Ethik auf die Sprünge helfen – das dachten sie sich wahrscheinlich in CDU und CSU, als ihnen dieser Gedanke eingefallen ist. Deutsche Kinder haben ja schon Werte verinnerlicht, denen muss man da nichts mehr beibringen. Klassenmobbing, Schulhofjagden und gelegentliche Amokläufe autochthoner Kinderlein geflissentlich ignoriert: Fehlt es uns denn nicht fast an allen Ecken und Enden an Werten? Und wieso um Himmels willen glaubt ausgerechnet die Union, sie müsse Wertefragen klären?

Ausgerechnet CDU und CSU als Schirmherrinnen gut vermittelter Werte: Das ist doch lächerlich. Unionswerte sind doch bestenfalls so eine Mischung aus klientelgebundenen Zugeständnissen und steuervermeidender Zurückhaltung. Nirgends ist der Drehtüreffekt so präsent wie in der Union, nirgends vermischt sich Mandat und Anschlussverwendung in der Wirtschaft so ungeniert. Der Ex-Finanzminister und heutige Ministerpräsident Bayerns verweigerte ja sogar die Arbeit, als er Steueransprüche bei Apple geltend machen konnte, aber dies nicht tat. Man sollte mal bei Gustl Mollath klingeln und fragen: »Was halten Sie von den Werten der CSU?« Oder bei jenen hessischen Steuerfahndern, die pathologisiert und in Rente geschickt wurden, weil sie es wagten, ihre Arbeit zu verrichten.

Von der Union sollten Migrantenkinder nun wirklich nicht belehrt werden. Da kommen am Ende nur Steuerhinterzieher heraus - und von denen haben wir bereits genug. Überhaupt fragt man sich: Wer soll Werte vermitteln? Wer hat einen guten Leumund in Fragen ethischer Natur? Wer könnte unseren Kindern – allen und nicht nur einer handverlesenen Gruppe von Kindern aus »Migrantenfamilien« – etwas beibringen in der Wertedebatte? Ein Blick in den deutschen Alltag lässt ein bisschen resignieren. So richtige Werte scheinen wir ja nicht mehr zu haben.

Was man so beobachtet, sind Egoismen und Ellenbogeneinsätze, jeder scheint sich selbst der Nächste. Der öffentliche Raum ist eine Ansammlung von Individuen, die sich in ihre digitale Schutzzone flüchten – mit Stöpseln im Ohr, synchron in Netzwerke oder Messenger tippend. Sozialer Umgang reduziert sich darauf, sich neben jemand in der U-Bahn zu hocken – möglichst ohne Worte. Wir erleben, wie sich Menschen aus höheren Einkommenssegmenten nicht nur digital zurückziehen, sondern auch in der Wirklichkeit. Ihre Kinder sollen Schulen mit weniger Arbeitslosen- und Ausländerkinder besuchen. Welcher Wert steckt hinter so einer Maßnahme?

Quotenbringer sind »Berlin – Tag und Nacht«, Mario Barth füllt mit Geschlechterzoten Stadien, die Tagesthemen vergessen gelegentlich umfängliche Berichterstattung: Was lernt man aus dieser medialen Beobachtung über die ethische Konstitution des Landes? Übergriffe auf Polizisten und Notärzte nehmen zu, in den Notaufnahmen dieses Landes herrscht teilweise ein fieser Bürgerkrieg, Sicherheitsdienste sind dort aktiv: Dass hinter dieser Entwicklung Migrantenkinder stecken, kann man nicht ernstlich annehmen, oder? Im zwischenmenschlichen Umgang erlebt man überhaupt, dass es da viel Lernbedarf gäbe, viel Stoff für einen Werteunterricht. Der Schlipsträger, der neulich mit seinem Aktenkoffer an das Fenster einer Frankfurter Straßenbahn schlug, weil diese an der Ampel abseits jeglicher Haltestelle nicht die Türen für ihn öffnete und der daraufhin dem Fahrer auch noch den Mittelfinger zeigte: Der sah gar nicht aus wie ein Migrantenkind.

Wer soll also unsere Kinder formen und ihnen unsere Werte vermitteln? Die Erwachsenen, die wir hierzulande so haben, drängen sich da auch nicht gerade auf. Und überhaupt stellt sich doch die Frage, welche Werte überhaupt gemeint sein könnten. Wenn man so durch die Lande läuft, sieht man viele Werte, die auf eine Umkehrung aller Werte deuten. Sollte hinter dem Vorschlag der Unionsspitzen stecken, unsere Kinder nach den Vorgaben zu erziehen, die wir Erwachsenen vorleben, dann sind das umgekehrte Werte wie: Egoismus, Ellenbogen raus und scheiß‘ auf die anderen. Und an Lehrern für diese »Werte« hätten wir nun wahrlich keinen Mangel.

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