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Reichsparteitagsästhetik und Labskaus

Am Dienstagabend war der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin (»DJ Dosenpfand«) zu Gast beim »Popsalon« des Deutschen Theaters

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach seinen musikalischen Vorlieben befragt, sagt der ältere Herr nicht ohne einen gewissen Stolz: »Ich habe während meines Studiums auch die Sex Pistols gehört. Und die erste Platte von Trio aus Großenkneten!«

Später im Leben, nach dem Studium und der Hausbesetzerei, hat der ältere Herr dann aber umgesattelt. Die Sex Pistols (»I wanna be Anarchist / Get pissed / Destroy«) waren bei ihm, so scheint’s, vorerst abgemeldet. 1980 gründete er die Grünen mit und hörte fleißig Trio (»Und jetzt fliegen endlich Steine / Und da fragst du immer noch wieso«). Was ihn 18 Jahre später wiederum nicht daran hindern sollte, Bundesumweltminister im Kabinett Schröder zu werden, wo er jahrelang redlich seine Pflicht als Staatsdiener erfüllte.

Am Dienstagabend sitzt der sichtlich gut gelaunte Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin als Gast des Berliner »Popsalons«, einer Gesprächsreihe über Popkultur, in der Bar des Deutschen Theaters und gibt bereitwillig Auskunft über seine Erfahrungen als Disc Jockey. Als »DJ Dosenpfand« habe er hie und da an öffentlichen Orten Musik aufgelegt, gibt Trittin kund. Die berechtigte Frage des Popkritikers Jens Balzer, eines der beiden Moderatoren, ob es denn stimme, dass es in den Kreisen der Post-68er-Linken nicht nur einen »Generalverdacht gegen angloamerikanische Popmusik« gegeben habe, sondern auch einen beängstigend »schlechten Musikgeschmack«, insbesondere in den K-Gruppen, übergeht Trittin schmunzelnd. Stattdessen wird der erste vom Gast ausgewählte Song (plus zugehörigem Videoclip) vorgestellt: »Cream« von Prince.

Danach beschäftigt man sich in der Runde zum wiederholten Mal mit dem unersprießlichen »Echo«-Auftritt der beiden Hohlbirnen Farid Bang & Kollegah, der hinsichtlich der »erotischen Exzellenz« und »musikalischen Intelligenz«, so Balzer, das genaue Gegenteil zum soeben gesehenen »Prince«-Video darstelle. Auch Musik-Experte Trittin empfindet den umstrittenen Auftritt als »wenig kreativ« bzw. gar als »faschistoide Inszenierung«. Balzer sekundiert: »Reichsparteitagsästhetik«, »maskuline Machtergreifungsgesten«, »geschlossenes verschwörungstheoretisches Weltbild«.

Weiter im Programm: Das über 30 Jahre alte Video von »Road To Nowhere« von den Talking Heads wird gezeigt, Trittins zweiter Musikwunsch des Abends, woraufhin der Pop- und Theaterjournalist Tobi Müller, der zweite Moderator des Gesprächs, freimütig eingesteht, den Inhalt dieses Songs nie verstanden zu haben. »Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?«, fragt daraufhin Balzer. »Geht es nicht um die Sinnlosigkeit des Daseins und darum, dass wir alle sterben müssen?« Doch. Genau. Selbst Musikexperte Trittin nickt wissend dazu.

Schließlich dringt man zum Thema des Monats vor: Heimat! Der Schlagersänger Heino sei ja in den 70ern der erfolgreichste deutsche Popsänger gewesen, erklärt Balzer. Was denn eigentlich für ihn, Trittin, »Heimat« sei, wollen die Moderatoren von ihrem Gast wissen. Woraufhin dieser sagt, er komme aus Delmenhorst, habe eine Neigung zum Fußballverein Werder Bremen und esse gerne Labskaus. Thema erledigt. Balzer: »Labskaus, das kennt man hier in Berlin gar nicht.« Danach muss das Publikum sich noch einen Ausschnitt aus einer deutschen Volksmusik-TV-Sendung ansehen, in dem ein sichtlich gealterter Heino unbeholfen umherstakst und etwas von »Tränen« und vom »Vaterland« singt, während ein Pulk vermutlich eilig gecasteter Provinzbewohner dabei ständig ebenso steif und ungelenk hinter oder neben ihm stehen muss, womöglich weil sonst das Fernsehbild zu leer geblieben wäre.

Es folgen noch ein Video der Künstlerin Andrra, die mit ihren mit elektronischen Mitteln bearbeiteten kosovarischen Volksmusikschnipseln gegen die Praxis der Zwangsverheiratung im Kosovo protestiert, ein in Jamaika gedrehtes Video von Shaggy und Sting (bei dem Balzer sich ein Bier holen geht), eines von Tracey Thorn, die früher dem Popduo Every᠆thing but the Girl angehörte, sowie der dritte von Trittin ausgewählte Titel: »Stadt aus Gold« der Berliner Popband Vizediktator. In dem Video sind sich betrinkende junge Männer zu sehen, die durch Florenz torkeln und singen: »Tod denen, die versuchen, sich zu bereichern an den andern«. Trittin: »Ich hatte das Gefühl, das ist Berlin. Berlin ist eine Stadt, die gerade dabei ist, sich total zu kommerzialisieren, und die doch so einen Charme hat.« Eine Stadt kommerzialisiert sich. So kann man es natürlich auch nennen, wenn ein Teil der Bevölkerung bald in Stadtrandghettos sein Dasein fristen oder obdachlos werden wird.

Die nächsten »Popsalons« mit Jens Balzer und Tobi Müller finden statt am 8./9.6. in Weimar sowie am 26.6. in Berlin (Gäste: Julia Friese, »Die Welt«; Annett Scheffel, »Musikexpress«, »Süddeutsche Zeitung«; Andreas Borcholte, »Spiegel Online«).

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