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  • Kultur
  • Mythen über Karl Marx

Stille Post, laute Echokammern

Kater nach dem großen Jubiläum? Ein kleines Buch versucht sich an den populärsten Mythen über Marx

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Höhepunkt der Marx-Festspiele ist vorbei, aber wer etwas über die Ökonomie der Aufmerksamkeit lernen möchte, der muss jetzt umso genauer hinsehen. Es werden noch einige Konferenzen veranstaltet, hier und da kommt ein Nachzügler zum 200. Jubiläum in den Buchhandel. Bleibt sonst noch was?

Was zuerst auffällt: Wenn ein Denker nur hinreichend lange gewürdigt wird, dann ist das Koffein raus, dann kann man ihn auf den offiziellen Kaminsims stellen, dann pluralisieren Marx-Verächter und Marx-Verehrer höflich nebeneinander her. Das scheint vor allem für einen zu gelten, der auf eine Weise radikal war, die nichts mit Lautstärke, drastischen Worten oder kämpferischen Parolen zu tun hat, sondern mit der Tiefe, in die die Nadeln seiner Kritik vorstoßen. Das Zweite: Den Schwierigkeiten, die einer Kritik der politischen Ökonomie so lange die Aufmerksamkeit erschwerten, die man ihr wünschte, nicht als Sinnspruch oder Plakat, sondern als Bewegung kritischen Denkens zum Zwecke der Veränderung, folgt nun wieder die große Marx-Ausmerksamkeit.

Hier soll es allerdings um eine dritte Angelegenheit gehen, die mit der öffentlichen Rezeption des Alten aus Trier zu tun hat: Jubiläumsfeierlichkeiten dieses Ausmaßes sind Stätten der Reproduktion von Fehlurteilen und Missverständnissen, die über, besser: gegen Marx in Umlauf sind. Genau hier setzt dieses Bändchen an: Mythen über Marx. »Wie im Spiel Stille Post verselbstständigen sich diese Versatzstücke zu oft abstrusen und teilweise völlig abwegigen Behauptungen«, so die Autorinnen und Autoren, allesamt einer jüngeren Generation der Marx-Auskenner zugehörig, allesamt von Erfahrungen geprägt, die man in der Marx-Bildungsarbeit macht, wenn man mit eben diesen Behauptungen konfrontiert wird: Wollte der nicht alles verstaatlichen? (Nein.) Sind die Analysen überhaupt noch aktuell? (Ja.) Ist die Arbeitswerttheorie nicht eigentlich widerlegt? (Manche sagen so, manche sagen so.) Und was soll schon ein kritischer Ökonom taugen, der »die Geschlechterverhältnisse ignoriert« hat? (Hat er, leider.)

Gegen solche Reflexe soll Aufklärung im Hosentaschenformat helfen. Hier muss das Büchlein einen Spagat versuchen: An wen richtet es sich? Ein sich selbst als links einschätzendes Publikum, das eine Nähe zu Marx mehr spürt als kennt, weil die Beschäftigung mit dem Werk noch unzureichend ist, hat andere »Mythen« im Kopf als jene Bauchredner der herrschenden Verhältnisse, die das Marx-Jubiläum dazu nutzten, andere »Mythen« zu strapazieren. Es macht einen Unterschied, wem man erklärt, dass Sätze wie »Mit dem ›Kapital‹ können wir die Finanzkrise erklären« den Marx überschätzen. Oder ob man die in der Regel von ganz anderen Leuten gern wiederholte Behauptung kritisieren will, seine »Theorie musste zum Stalinismus führen«.

Ein Substrat dieser These in hoher Verdichtung konnte man unlängst in einem Boulevardblatt lesen, in dem es über Marx hieß: »Die kruden Thesen dieses Säulenheiligen der Linken haben keinem Armen geholfen, sondern 100 Millionen Tote produziert.« An dieser Stelle versucht es das Buch mit einer Gegenfrage: »Ist also bei Marx etwas angelegt, das zu einem System wie dem Stalinismus führt?«

Auch wenn man natürlich grundsätzlich in Frage stellen kann, ob ein theoretisches Werk des einen überhaupt für eine politische Praxis in Haftung genommen werden kann, die andere weit posthum in Gang setzen, lässt sich die politische Wunde nicht wegreden. Sicher waren es erst bestimmte Lesarten von Marx, bestimmte Zurichtungen des Werks im Interesse einer Politik, die eine »Verbindung« schufen zwischen dem Alten aus Trier und den autoritären Staatssozialismen. Dieser Schmerz geht auch nicht einfach davon weg, dass man mit radikal demokratischen, freiheitlichen Textstellen aus seinem Werk dagegenhält. Oder dass man behauptet, er habe zu Gestalt und Praxis künftiger Versuche der Überwindung der kapitalistischen Ordnung gar nicht viel geschrieben. Oder indem man daran erinnert, dass der Begriff der »Diktatur des Proletariats« jedenfalls in der anfänglichen Auseinandersetzung mit den »Klassenkämpfen in Frankreich« eine andere Bedeutung hatte, als in einem Begriff mitschwingt, der zugleich auch die NS-Vernichtungsherrschaft einschließt. Und doch bleibt, dass es eben solche Regime waren, die ihre Herrschaft unter Bildern von Marx und mit Zitaten von ihm legitimierten.

Dass ein Leser an diesem Kapitel besonders hängen bleibt, spricht nicht gegen das Buch, sondern dafür, dass es auch biografische Erfahrungen und politische Traditionen sind, die ein bestimmtes »Lesen« prägen. Andere werden sich mit anderen Biografien und politischen Hintergründen eher über den Abschnitt zu den Anarchisten beugen, über Marx’ Verhältnis zum industriellen Fortschritt, zur Religionsfrage, zur Bedeutung von Ökologie oder Freiheit in seinem Werk.

Man wird dann einen Doppelcharakter entdecken, nicht etwa der Ware, sondern des Buches selbst: Es lässt sich als populäres Wörterbuch des Marx’schen Denkens lesen. Einerseits. Andererseits ist es in politischer Absicht geschrieben, es will einer »Dynamik« etwas entgegensetzen, wobei hinter dem Begriff ein anderer lauert: Wahrheit. Die, das wissen die Autorinnen und Autoren, gibt es auch über Marx nicht, denn was den auszeichnet, war kritisches Denken in ständiger Bewegung.

Hier kommt dann auch noch einmal die Frage ins Spiel, wer mit dem Büchlein angesprochen werden kann und soll. Man könnte drei Hoffnungen aussprechen: Erstens, dass es nicht bloß jene sind, die ohnehin auf eine möglichst umfassende Vollständigkeit in ihrer Marx-Bibliothek achten und denen »Mythen über Marx« dann vielleicht für ein oder zwei Fußnoten in einem eigenen Text taugt. Zweitens, dass das Buch vielleicht eine verbindende Funktion hat, die Leute zusammenbringt, die sonst praktisch nicht miteinander reden, vor allem nicht über Marx - also die politisch Interessierte, der akademische Marxologe, der konservative Kritiker, der liberale Skeptiker. Denn das prägte die 200-Jahr-Feierlichkeiten: Alle blieben mehr oder minder in ihren Echokammern unter sich. Die dritte Hoffnung: Dass man sich an das Mythen-Büchlein wieder erinnert, wenn die nächste große Marx-Welle durchs Land zieht. Denn gegen eine medial beförderte Bewässerung des geistigen Humus zum Zwecke des besseren Wachstums von Kritik ist ja nichts einzuwenden. Selbst wenn es erst »Mythen« sein mögen, die das Interesse wecken.

Valeria Bruschi/Jakob Graf/Charlie Kaufhold/Anne-Kathrin Krug/Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle: Mythen über Marx. Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse, Bertz + Fischer, 136 S., br., 8 €.

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