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Purpurlippen/Maschinenfabrik

Wie vertont man die Schriften von Karl Marx? Mit der Klampfe oder Klängen aus der Werkshalle?

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Zurzeit sind ja bekanntermaßen Marx-Wochen im Medien-, Kultur- und Bescheidwisserbetrieb. So wie anderswo, bei MäcGeiz oder Rudis Resterampe beispielsweise, regelmäßig die »99-Cent-Woche« ausgerufen wird oder bei McDonald’s »Los Wochos« stattfinden. Die Personen, die sich hierzulande tatsächlich intensiv mit dem Werk des Philosophen und Ökonomen beschäftigt haben, kann man zwar an zwei Händen abzählen, aber das ist ja komplett wurscht, denn darum, dass man sich mit einem Gegenstand auskennt, ging es im eingangs genannten Betrieb ja nie. Vielmehr geht es darum, das Buzzword »Marx« rauszuhauen, solange die Marx-Wochen noch laufen und die Marke Marx noch nicht verbrannt ist, solange die angefixte Kundschaft sich also marxmäßig noch finanziell abmelken lässt, sozusagen.

Also wollen wir uns an dieser Stelle diesem Trend anschließen und stellen zwei nagelneue Musikneuerscheinungen vor, die beide hochgradig unterschiedliche Herangehensweisen an das Schaffen von Marx offenbaren: Auf der einen CD gibt es das dichterische Frühwerk des jungen Studenten Karl Marx zu hören, überwiegend eine für seine spätere Ehefrau Jenny verfasste schwülstige Liebeslyrik (»Süßes Seelenwesen, liebst du mich? / Ach, Jenny, Jenny, liebst du mich? / Und die zarten Purpurlippen schweigen«), in der Lippen stets »beben« und das Sehnen stets ein »brennendes« ist. Oder Verse über die träge und autoritätshörige deutsche Bevölkerung (»In seinem Sessel, behaglich und dumm, da sitzt schweigend das deutsche Publikum«) und allerlei rauschhaft Hervorgedonnertes über die Veränderbarkeit der Welt (»Nur nicht brütend hingegangen / ängstlich in dem niedern Joch / Denn das Sehnen und Verlangen / Und die Tat, die bleibt uns doch«).

Nicht wenig davon wirkt pathetisch, schwärmerisch und wie mit geballter Faust geschrieben, wie eben Pubertierende so schreiben. Das Quartett Die Grenzgänger aus Bremen hat diese Texte nun auf denkbar biedere Weise vertont, mit viel akustischer Gitarre und Akkordeonklang, sich offenbar streng konservativ in der deutschen Folk- und Chansontradition der 60er und 70er Jahre begreifend. Passend dazu sieht auch das Cover-Artwork aus, das offenbar nichts kosten durfte und deshalb ausschaut, als sei es lustlos in Heimarbeit zusammengetackert worden: Drei mal Marx’ Kopf in Großaufnahme, ein paar verschiedene Schrifttypen dazu, fertig ist der Lack. Ja, wie ein Mahnmal dafür, dass Linke sich um Ästhetik seit jeher nicht scheren, wirkt das.

Ganz anders dagegen die andere (Doppel-)CD, um die es hier gehen soll, deren minimalistische Cover-Ästhetik ausgesprochen frisch und zeitgemäß wirkt (gelber Neonröhrenschriftzug auf schwarzem Grund). Entsprechend kommt hier auch das musikalische Material nicht bewahrend und traditionalistisch daher, sondern ist Ergebnis eines immer weiter fortschreitenden Geschichtsprozesses: Nicht wenige der auf dieser Ambient/Drone/Noise-Compilation vertretenen Künstler (Guido Möbius, Schneider TM, Caspar Brötzmann, Kammerflimmer Kollektief) sind für ihre Experimentierfreude und ihr Vergnügen am Ignorieren von Genregrenzen bekannt. Marx’ Theorien und Analysen finden hier ihre Entsprechung in der Unversöhnlichkeit des Sounds: Der enervierende Klang von Maschinenfabrik und Werkshalle ist hier ebenso präsent wie die alltäglichen Geräusche von Industrialisierung, Krieg und entfremdeter Arbeitswelt.

»Dementsprechend ist es eben Musik, die jetzt so gar nicht nach Protestsong mit Klampfe klingt«, sagte Thomas Herbst, der Herausgeber der Compilation, kürzlich dem Deutschlandfunk. Mit Schalmei und Klampfe lässt sich nun mal heute nicht mehr die Gesellschaft unserer Gegenwart abbilden und beschreiben, schon gar nicht bekämpfen. Der Erlös aus dem Verkauf der Doppel-CD »Karl Marx 200th« soll der Berliner Obdachlosenhilfe und der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl zugutekommen.

Various Artists: »Karl Marx 200th« (Karlrecords)

Die Grenzgänger: »Die wilden Lieder des jungen Karl Marx« (Feinste Musikkonserven/Müller-Lüdenscheidt-Verlag/Broken Silence)

Konzert: Die Grenzgänger, 18.5., 16 Uhr, im nd-Gebäude, Münzenberg-Saal, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin-Friedrichshain.

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